vermutet, dass Schürz’ Buch genau davon handle. Und sie interessiert, wie er das psychologisch bei Menschen mache, was sie bei Hunden tut. Sie geniert sich überhaupt nicht für den Vergleich. Menschen seien Lebewesen wie die anderen auch. Eben eine bestimmte Art. Sie will zum Beispiel wissen, wie Schürz Men- schen voreinander in Schutz nimmt. Oder dass sie einander einfach nicht mehr auf die Nerven gehen und stressen. Die meisten Probleme bei den Hunden seien Ressourcenprobleme, sagt sie. Und ihr komme vor, Schürz sehe das bei den Menschen genauso. Der alte Lehrer, vier Fächer, der sagt, die Probleme der Kinder werden von Klasse zu Klasse auf- und weitergeschoben und dass in der Schule und über- haupt der viele Schein den vielen Stress mache. Der viele Schein macht den vie- len Stress, ist sein Lieblingsspruch. Und Schulen seien, sagt er, ob es zugegeben werde oder nicht, Orte der gegenseitigen Menschenrechtsverletzungen. Das sei nun einmal so. Der Lehrer kommt aus kleinsten Verhältnissen, von seinen Eltern hat er ein kleines Haus mit kleinem Garten geerbt, an dem diese jahrzehntelang gebaut hatten. Und er repariert am Haus seit Jahrzehnten. Er sagt, an Schürz’ Buch sei ganz wichtig, wen Schürz alles ausnehme. Ihn zum Beispiel. Dadurch könne es zu keinen Missverständnissen kommen bei den kleineren Leuten wie ihm eben. Und was den Lehrern gefallen werde, so sie im Überreichtum über- haupt lesen, sagt er, sei, dass sie einfach nicht zu den Überreichen gezählt wer- den. Wie überhaupt die arbeitende Bevölkerung nicht. Er selber empfindet aber auch die Einkommensunterschiede für gewaltig. Durchaus auch innerhalb der Lehrerschaft. Schürz rede zu wenig über die Einkommensunterschiede, kommt ihm vor. Was ihn ärgert in der Schule, sind jedenfalls die gegenseitigen Entwer- tungen. Die drücken sich sehr wohl auch in der finanziellen Entlohnung aus. Was ihm gefällt an Schürz’ Buch, ist, dass er genau diese Entwertungen allerorten beim Namen nenne. Ein schlagender Burschenschafter, von dem seine Frau sagt, er sei gar kein Burschenschafter, sondern ein Romantiker, schimpft auf die Identitären. Er ist Historiker und sagt, man brauche sich doch wie prinzipiell alles heutzutage auch das Identitärenlogo, die Sparta-Axt, nur im historischen Kontext anzuschauen. Denn die spartanischen Jugendlichen haben Armen, Schwachen, Arbeitern und Ausländern aufgelauert und sie blutig und halb bis ganz totgeschlagen. Das sei eine Pflichtübung gewesen in Sparta für die Jugend. Verpflichtende. Eine ganz selbstverständliche Bewährungsprobe. Auch habe man sich bei Fehlverhalten öf- fentlich und vor allen nackt von einer Frau auspeitschen lassen müssen. Regel- mäßig. Für die Identitären, nicht nur für die spanischen, sei der Faschistengeneral und Franco-Intimus Astray das große Vorbild. Von Astray stamme der Faschis- tenruf: Viva la muerte! Auf den Fotos schaut der General immer aus wie ein gro- tesker Giftzwerg. Voller Verletzungen und Verstümmelungen und berstender Wut. Über diese identitären Dinge solle man einmal öffentlich reden. So einfach wäre das. Man bräuchte die Identitären nur der Lächerlichkeit preiszugeben statt sich patschert zu fürchten. Welcher Burschenschaft er angehört, weiß ich nicht. Er zählte mir berühmte Burschenschafter auf, Marx, Herzl, Max Weber. Letzterer ist, sagte er mir, weiß ich aber selber auch, nach dem Ersten Weltkrieg unter lautem Protest und Skandal aus dem Burschenschaftersystem ausgestiegen, weil er den 114 Wirtschaft und Gesellschaft 46. Jahrgang (2020), Heft 1