Umkämpfte Solidaritäten Rezension von: Carina Altreiter, Jörg Flecker, Ulrike Papouschek, Saskja Schindler, Annika Schönauer, Umkämpfte Solidaritäten – Spaltungs- linien in der Gegenwartsgesellschaft, Promedia, Wien 2019, 200 Seiten, broschiert, A 17,90; ISBN 978-3-853-71460-7. Die Entwicklungen des vergangenen Jahrzehnts wie u. a. die Wirtschafts- und Finanzkrise und die vielen Men- schen auf der Flucht im Jahr 2015 ha- ben zu einer Polarisierung der österrei- chischen Gesellschaft beigetragen, was sich in den Wahlkämpfen um die Präsidentschaft oder den Nationalrat und insbesondere im massiven Zu- spruch der rechtspopulistischen Par- teien zeigt. Der politische Diskurs der vergange- nen Jahre ergibt zunächst ein Bild der Spaltung unserer Gesellschaft. Die StudienautorInnen aber gehen davon aus, dass die gesellschaftliche Realität komplexer ist. Um ein tieferes und bes- seres Verständnis der Gegenwartsge- sellschaft zu erlangen, haben sie mit 48 unterschiedlichen Personen aus ganz Österreich ausführliche Gesprä- che geführt. Ausgangspunkt war in theoretischer Hinsicht der Begriff „Soli- darität“. Sowohl politisch linke Parteien und Bewegungen als auch rechtspo- pulistische Parteien appellieren an die Solidarität, wobei der Begriff ganz un- terschiedlich verwendet wird. Daher eignet er sich gut, Spaltungen – vor al- lem den Zusammenhalt, nämlich das „Wir“ sowie den Abstand zu „anderen“ – in den Blick zu bekommen sowie Am- bivalenzen und Widersprüche, etwa wenn ausgrenzende Haltungen sich mit solidarischen verbinden, sichtbar zu machen. Grundlage für den empirischen Teil des Buches ist die soziologische Ana- lyse von 70 Stunden Tonbandmaterial, die Summe der Interviews. Diese indi- viduellen Fälle werden miteinander verglichen und ähnliche Solidaritäts- muster zu Typen zusammengefasst. Für die Typenbildung sind fünf zentrale Fragen ausschlaggebend: (1) die Zu- gehörigkeit zu und die Identifikation mit einer Gruppe; (2) wer zählt zur eigenen Solidargemeinschaft, wer nicht; (3) welche Bedingungen werden an die Aufnahme in die Solidargemeinschaft gestellt; (4) von welchen Gerechtig- keitsprinzipien ist die Person geprägt, und (5) werden die Personen selbst ak- tiv, oder sehen sie die Verantwortung für Solidarität beim Staat? Die Auswertung der Interviewdaten haben zu sieben verschiedenen Typen von Solidarität geführt, wobei die Stu- dienautorInnen jeden Typus anhand von wortwörtlichen Zitaten aus den Ge- sprächen ausführlich darstellen. Um die LeserInnen in die Lebenswelten der Befragten so anschaulich wie mög- lich einzuführen, werden die verschie- denen Typen jeweils vermittels der Le- bensgeschichte zweier Personen aus- führlich dargestellt. Anhand des berufli- chen Werdegangs, persönlicher Sicht- weisen auf Politik und Gerechtigkeit, aber auch den Sorgen und Anliegen charakterisieren diese Portraits den je- weiligen Typus und lassen bestimmte Vorstellungen und Konzeptionen von Solidarität hervortreten. Anhand der Fallgeschichten und der verdichteten Darstellung der gefunde- nen Solidaritätsmuster machen die Au- torInnen die Sichtweisen und damit verbundenen Anliegen der Befragten 138 Wirtschaft und Gesellschaft 46. Jahrgang (2020), Heft 1