Psychische Belastungen der Arbeit und ihre Folgen - 17 - Verausgabungsneigung wird oft auch dann aufrechterhalten, wenn die erwartete Gratifikation nicht eintrifft. Häufig steht eine hohe berufliche Verausgabungsneigung in Zusammenhang mit einer Unfähigkeit, die Kosten/Nutzen-Verhältnisse im Beruf realistisch einzuschätzen, wodurch die Anforderungen unterschätzt und die persönlichen Bewältigungskompetenzen überschätzt werden. Berufliche Verausgabungsneigung wird vor allem in frühen Phasen der Karriere als belohnend und erfolgreich erlebt. Langfristig besteht allerdings das Risiko vorzeitiger ausgeprägter Erschöpfungszustände (vgl. Siegrist 2004: 15f; Siegrist/Dragano 2008: 308; Siegrist/Theorell 2008: 103f). Abbildung 2.3: Modell der beruflichen Gratifikationskrise nach Siegrist hohe Veraus- gabung niedrige Belohnung Extrinsische (situative) Komponente: hohe Anforderungen und Verpflichtungen Intrinsische Komponente: kritische Bewältigungskompetenz geringe Entlohnung geringe Wertschätzung und Anerkennung geringe Aufstiegsmöglichkeiten/fehlende ArbeitsplatzsicherheitGratifikationskrise (Distress) durch Verletzung der Reziprozität: - fehlende Arbeitsplatzalternative - strategisches Verhalten - psychische Disposition: übersteigerte Verausgabungsbereitschaft Q: Eigene Darstellung, in Anlehnung an Kaba 2007: 224; Siegrist 2004: 15. Die Abbildung 2.3 zeigt eine schematische Darstellung des Modells beruflicher Gratifikationskrisen und verdeutlicht, dass das Ausmaß von Verausgabung und Belohnungserwartung am Arbeitsplatz nicht allein von situativen Faktoren (extrinsische Komponente), sondern ebenso von psychischen Dispositionen (intrinsische Komponente) beeinflusst wird (vgl. Dragano et.al. 2003: 197). Die intrinsische Komponente, also die persönliche Bewältigungskompetenz, hat innerhalb des Modells zwei Funktionen: (1) Einerseits hat sie, ebenso wie die extrinsische Komponente, einen direkten gesundheitlichen Einfluss, (2) andererseits kommt ihr eine moderierende Funktion hinsichtlich des Einflusses auf den Gesundheitszustand, der von der situativen Komponente ausgeht, zu. Wenn also eine Person einer situativ bedingten Gratifikationskrise ausgesetzt ist und zudem eine übersteigerte Leistungsbereitschaft aufweist, so sind nachhaltige negative Gesundheitsfolgen zu erwarten (vgl. Puls 2002: 390). Um die Frage nach der Entstehung übersteigerter Leistungsbereitschaft nachzugehen, ist Axel Honneths Arbeit „Kampf um Anerkennung“ (1998) zu diskutieren. Laut Honneth kann Arbeit zur Ermöglichung eines positiven Identitätsbildungsprozesses beitragen, da sie die Chance auf Anerkennung beinhaltet. Auch Honneth erkennt an, dass Leistung nicht nur in Form von (monetärer) Entlohnung anerkannt, sondern in einen sozialen Kontext - nämlich einen gesellschaftlichen Leistungsaustausch - eingebunden werden muss. Es kann zu einem „anerkennungstheoretischen Dilemma“ (Kropf 2004: 341) kommen, wenn aus zunehmender Flexibilisierung resultierende hohe Arbeitsplatzbelastungen nicht abgewehrt werden können, sondern vom Arbeitgeber belohnt und