Psychische Belastungen der Arbeit und ihre Folgen - 45 - allem Arbeitnehmerinnen ist nämlich die Folge eines Selektionsprozesses. Arbeitskräfte mit gesundheitlichen Problemen – und demzufolge vermutlich auch solche, die besonders starken Belastungen am Arbeitsplatz ausgesetzt sind – verlassen in vielen Fällen noch vor dem Zeitpunkt des Regelpensionsalters den Arbeitsmarkt. Mit zunehmendem Alter bleiben vorwiegend Personen mit überdurchschnittlicher Gesundheit und/oder einer besonders starken Motivation zur Erwerbstätigkeit in Beschäftigung. Dieser "Healthy-Worker"-Effekt kann immer dann beobachtet werden, wenn gesundheitliche Indikatoren mit der Altersstruktur der Beschäftigten in Bezug gebracht werden. So steigt beispielsweise die Krankenstandsquote ab dem Haupterwerbsalter mit jeder Alterskohorte deutlich an, sie geht aber bei den 60- bis 64-Jährigen und dann noch einmal bei den Über-64-Jährigen stark zurück (siehe z.B. Leoni 2010a). Abbildung 3.10: Zeitdruck und Überbeanspruchung von unselbständig Beschäftigten (mit einer Wochenarbeitszeit von 36 Stunden oder mehr) nach Altersgruppen und Geschlecht 19.6 20.2 30.0 28.4 33.6 33.6 35.7 40.5 38.1 15.5 18.0 22.3 30.8 37.1 36.0 41.7 39.2 39.7 35.1 31.1 0 10 20 30 40 50 15-19 20-24 25-29 30-34 35-39 40-44 45-49 50-54 55-59 60-64 in % Frauen Männer Quelle: Statistik Austria (Mikrozensus-Arbeitskräfteerhebung Sondermodul 2007); WIFO-Berechnungen. Die Tatsache, dass der Selektionseffekt bei den Frauen viel deutlicher ausgeprägt ist als bei den Männern, ist auf den geschlechtsspezifischen Unterschied im Pensionszugangsalter zurückzuführen. Dadurch, dass Frauen früher in den Ruhestand treten als Männer, sind besonders wenige weibliche Beschäftigte über 60 Jahre noch am Arbeitsmarkt aktiv. Die Auswertungen der Verteilung von Belastungsfaktoren nach Alter müssen deshalb vor dem Hintergrund der vergleichsweise geringen Besetzung älterer Kohorten von Beschäftigten betrachtet werden: Im Datensatz des Arbeitskräfte- Sondermoduls zählte die Altersgruppe der 55- bis 59-Jährigen 136.574 Männer und 81.924 Frauen in Beschäftigung (insgesamt 6,3 % der Versicherten), die Gruppe der 60- bis 64-Jährigen allerdings nur noch 37.184 Männer und 11.435 Frauen (1,4 % der Versicherten). Diese Werte veranschaulichen nochmals die – im europäischen Vergleich - geringe Erwerbsbeteiligung älterer Arbeitnehmer8. 8 Obwohl die Erwerbsquote der 15- bis 64-Jährigen in Österreich insgesamt mit 75 % deutlich über dem europäischen Durchschnitt liegt (2009 in der EU-27: 71%), sind in der Gruppe der 55- bis 64-Jährigen nur noch 42 % am Arbeitsmarkt aktiv. Im Jahr 2009 erfolgten 71 % aller Neuzuerkennungen von Direktpensionen vor dem