Psychische Belastungen der Arbeit und ihre Folgen - 85 - Das Risiko, Wirbelsäulenbeschwerden zu haben, steigt mit dem Alter stark an. Am höchsten ist dieses Risiko in der Gruppe der 50 bis 59-Jährigen, wobei aber anzumerken ist, dass gesundheitlich belastete Personen in höherem Alter meist bereits aus dem Erwerbsleben ausgeschieden sind. Die Erklärungskraft der Modelle zu den berufsgruppenspezifischen Einflüssen auf Wirbelsäulenbeschwerden ist hier etwas geringer und liegt bei etwa 10 %. Besondere Bedeutung muss der Tatsache beigemessen werden, dass nicht in Österreich geborene Männer sowohl ein niedrigeres Risiko, Bluthochdruck zu haben, aufweisen, wie auch ein geringeres Risiko, an Wirbelsäulenbeschwerden zu leiden, als Männer ohne Migrationshintergrund. Dies ist ein Anzeichen für den sogenannten „Healthy-Migrant-Effekt“, welcher auf einer positiven Selbstselektion von MigrantInnen beruht: Eine Wanderung nehmen nur besonders gesunde und risikobereite Menschen auf sich. Dieser Gesundheitsvorteil ist im Gegensatz zum „Healthy-Worker-Effekt“ von Dauer und lässt sich noch lange nach der Zuwanderung nachweisen, auch wenn MigrantInnen mit relativ schlechten Arbeits- und Lebensbedingungen im Einwanderungsland konfrontiert waren (vgl. Spallek/Razum 2008: 277f). Bei Frauen verhält sich dieser Sachverhalt umgekehrt: Nicht in Österreich geborene Frauen haben höhere Gesundheitsrisiken hinsichtlich Bluthochdruck und Wirbelsäulenbeschwerden. Frauen mit Migrationshintergrund sind größtenteils im Zuge der Familienzusammenführung nach Österreich gekommen, auf die ihre als Gastarbeiter tätigen Männer Anspruch hatten. Die mögliche Selbstselektion kam unter den Frauen daher nicht zum Tragen. Vielmehr sind Frauen mit Migrationshintergrund häufiger in geringer qualifizierten Berufen tätig, was sich nicht zuletzt aus unterschiedlichen Bildungsressourcen im Vergleich zu den Frauen ohne Migrationshintergrund ergibt. Einfluss der Berufsgruppenzugehörigkeit auf den psychischen Gesundheitszustand Als Indikatoren für den psychischen Gesundheitszustand werden folgende beiden Indikatoren betrachtet: die Häufigkeit von Schlafstörungen, da diese stark stressbedingt sind, zugleich aber Einfluss auf andere Gesundheitsaspekte haben, und die Prävalenz chronischer Angstzustände oder Depressionen. Die abhängige Variable ist Schlafstörung während der letzten zwei Wochen und chronische Angstzustände oder Depressionen während der letzten 12 Monate. Psychische und psychosoziale Arbeitsbelastungen äußern sich in besonderer Weise im psychischen Gesundheitszustand. Schlafstörungen können als Ausdruck psychischen Ungleichgewichts angesehen werden. Die berufsgruppenspezifischen Effekte auf das Auftreten von Schlafstörungen anhand der Ergebnisse eines binär-logistischen Regressionsmodells sind in Übersicht 3.12 dargestellt, für das Auftreten von chronischen Angstzuständen oder Depressionen in Übersicht 3.13. Frauen haben eine um mehr als ein Drittel höhere Wahrscheinlichkeit, an Schlafstörungen zu leiden. Die Wahrscheinlichkeit, chronische Angstzustände oder Depressionen zu haben, ist für Frauen sogar doppelt so hoch wie für Männer (Übersicht 3.13). Auch ein Alterseffekt zeigt sich deutlich: Ältere Personen sind einem höheren Risiko ausgesetzt, an Schlafstörungen zu leiden, wobei dieser Effekt unter Männer stärker ausgeprägt ist. Eine Ausnahme sind hier die über 60-jährigen Erwerbstätigen, deren Risiko in etwa jenem der 40 bis 49-Jährigen entspricht. Einmal mehr zeigt sich, dass ältere ArbeitnehmerInnen über einen relativ guten, insbesondere psychischen, Gesundheitszustand verfügen. Die Zufriedenheit mit der Arbeit bzw. der Arbeitssituation spielt hier mit Sicherheit ebenso eine zentrale Rolle, wenn es um den Verbleib im Arbeitsleben geht.