Psychische Belastungen der Arbeit und ihre Folgen - 132 - Grundlage für die Entscheidung der Allokation von Ressourcen auf die einzelnen Handlungsfelder und die Wege und Methoden, die zum Einsatz kommen, sind Kosten-Nutzen-Analysen. Sie stellen den Kosten, die in den diversen Handlungsfeldern entstehen, den Nutzen gegenüber, der sich aus einer Verringerung der Belastungen ergibt. In jedem Fall sind komplexe Analysen und Bewertungen vorzunehmen. Zum einen werden Daten zu den direkten Kosten der Behandlung von Krankheiten für Individuen, den Staat und Betriebe erhoben und analysiert. In weiterer Folge werden auch die indirekten Kosten des Krankenstandes, der auf psychische Belastungen zurückgeht, in die Analyse aufgenommen, nämlich der Wert der entgangenen Wertschöpfung, Lohnfortzahlungen, sowie die Verringerung der Erwerbs- und Einkommenschancen im Lebenszyklus infolge von psychischen Krankheiten. Der Nutzen für das Individuum, die Gesellschaft und Wirtschaft liegt zum einen in der Verringerung der direkten und indirekten Kosten, zum anderen in der Verbesserung der Lebensqualität des Einzelnen und der Anhebung der Arbeitsproduktivität in den Betrieben. Während die Forschung zur allokativen Effizienz von Ausgaben zur Verbesserung der Gesundheit und dem damit verbundenen Nutzen für die Individuen, die Wirtschaft und Gesellschaft zumindest in Europa ein vergleichsweise rezentes Phänomen ist (vgl. Henke Behrens 1986; Lindgren 1981)32, kann die Analyse der Kosten der Krankheit und die Erhöhung der Effizienz in der Behandlung auf eine lange Forschungstradition zurückblicken (vgl. Rice 1966/1995/2000; Leigh et al. 1999/2000). Die Kostenanalysen von Krankheiten (Cost of Illness COI) weisen den verschiedenen Krankheiten Diagnose gemäß Internationaler Klassifizierung von Krankheiten (International Statistical Classification of Diseases and Related Health Problems - ICD) - Kosten zu. Für die Frage der Kosteneffizienz werden die Kosten für unterschiedliche Behandlungsmethoden berechnet; der Nutzen ergibt sich nicht nur aus geringeren Kosten sondern auch aus der Berücksichtigung des Wertes einer besseren Gesundheit, was allerdings nicht ohne gewisse Bewertungsprobleme (monetärer Wert der Gesundheit) verbunden ist. Das bedeutet, dass neben finanziellen Aufwendungen auch die individuellen Bedürfnisse und die lokalen Versorgungsmöglichkeiten ins Kalkül einbezogen werden (können). Derartige Analysen erleichtern die Entscheidung, ob in dem einen oder anderen Fall eher der Medikamenteneinsatz zu wählen ist oder eine Psychotherapie. Sie helfen auch bei der Entscheidung der Wahl des Dienstleistungseinsatzes, wenn den Kosten ein unterschiedlicher Nutzen gegenüber steht, etwa eine Verbesserung der allgemeinen Gesundheitslage, die sich in geringeren Fehlzeiten niederschlägt, gegenüber einer Verringerung der Belastung des Pflegesystems und einer Kostenminimierung in diesem Teilsystem. In jüngerer Zeit werden von der pharmazeutischen Industrie zunehmend Kostenanalysen von Krankheiten und Wirkungsweisen von Medikamenten und Behandlungsprogrammen vorgenommen, um vor diesem Hintergrund die Kosteneffizienz von neuen Methoden und Pharmaka zu demonstrieren (Nettokosten in Relation zu einer Verringerung der Krankheitsfälle und deren Dauer). Im Folgenden wird ein kurzer Überblick über internationale Untersuchungen zu den Kosten psychischer Krankheiten gegeben, bevor auf Berechnungen und Schätzungen für Österreich eingegangen wird. 32 Die Forschung im Europa der 1980er Jahre baute auf Forschungen der 1960er Jahre in den USA auf (vgl. Mushkin 1962; Weisbrod 1961). In Österreich setzte die Forschung dazu erst viel später ein (z.B. Biffl/Leoni 2008).