Psychische Belastungen der Arbeit und ihre Folgen - 141 - Bei der Betrachtung der Krankheitsbilder nach Arbeitsplatzmerkmalen in der gesamten EU15 wurde ersichtlich, dass berufliche Anforderungen, Eigen-Kontrolle sowie Anerkennung und Rückhalt am Arbeitsplatz einen Einfluss auf den gesundheitlichen Zustand von Beschäftigten zu haben scheinen. Betrachtet man diesen Ländervergleich von Indikatoren als einen „Benchmark“ psychischer und psychosozialer Arbeitsplatzmerkmale, stellt sich allerdings die Frage, inwieweit sich Bestrebungen nach Veränderungen in den nationalen Arbeitsplatzprofilen auf das empfundene arbeitsplatzbezogene Gesundheitsrisiko auswirken könnten, da die aggregierte Bemessung dieser Faktoren nur sehr bedingt Rückschlüsse auf psychische und psychophysische Beschwerden zulässt und der Ländervergleich diesbezüglich noch weitläufigere Fragen aufwirft. Häufigkeit und Verteilung von psychischen Belastungsfaktoren Das Sondermodul der Arbeitskräfteerhebung zum Thema „Arbeitsunfälle und arbeitsbezogene Gesundheitsprobleme“ liefert Auskünfte darüber, wie die Beschäftigten in Österreich die Verbreitung von bestimmten Arbeitsplatzbelastungen und den Zusammenhang mit ihrer gesundheitlichen Situation einschätzen. Aus den Daten geht hervor, dass etwas mehr als ein Drittel der Befragten einer Belastung derart ausgesetzt ist, dass aus subjektiver Sicht eine Beeinträchtigung des psychischen Wohlbefindens resultiert bzw. resultieren kann. Gewalt bzw. Gewaltandrohung wurde von etwas mehr als 1 % der Beschäftigten genannt, 3,5 % gaben an, am Arbeitsplatz unter Belästigungen oder Mobbing zu leiden. Diese Belastungsfaktoren sind besonders auf jene Bereiche konzentriert, in denen personenbezogene Dienstleistungen erbracht werden. Am häufigsten sind in der Arbeitswelt psychische Belastungen anzutreffen, die mit den Begriffen „Zeitdruck“ und „Überbeanspruchung“ assoziiert werden. 30,2 % aller Unselbständigen sahen sich zum Zeitpunkt der Arbeitskräfteerhebung einer solchen Belastung ausgesetzt, wobei die Quote der belasteten Männer mit 34 % deutlich höher als jene der Frauen mit 26 % ausfiel. Dieser geschlechtsspezifische Unterschied in der Verteilung von Zeitdruck und Überbeanspruchung am Arbeitsplatz ist allerdings in erster Linie auf die hohe Konzentration der Frauen auf Teilzeitbeschäftigung zurückzuführen. Sobald das Beschäftigungsausmaß berücksichtigt wird, verliert der geschlechtsspezifische Unterschied in der Prävalenz dieses Belastungsfaktors weitgehend an Bedeutung. Wie auch eine multivariate Analyse unter Berücksichtigung der wichtigsten beobachtbaren persönlichen und beruflichen Merkmale zeigt, sind dagegen sowohl das Alter als auch das Qualifikationsprofil (der höchste abgeschlossene Schulabschluss) für die Verteilung von Zeitdruck bzw. Überbeanspruchung relevant. Ältere Arbeitskräfte sehen sich grundsätzlich öfter als Jüngere diesem Belastungsfaktor ausgesetzt. So ist das Belastungsrisiko in der Altersgruppe der 50- bis 54- Jährigen – auch nach Berücksichtigung von Geschlecht, Beruf usw. - um 42 % (Männer) bzw. 50 % (Frauen) höher, als in der Referenzgruppe der 15- bis 19-Jährigen. Bei Beschäftigten mit 55 Jahren und mehr geht die Belastungswahrscheinlichkeit zwar wieder zurück, aber dieses Ergebnis steht unter dem starken Einfluss von Selektionseffekten infolge des frühzeitigen Austritts aus dem Erwerbsleben von Arbeitskräften mit gesundheitlichen Problemen. Auch die Qualifikation weist eine positive Korrelation mit der Präsenz von Zeitdruck und hoher Beanspruchung am Arbeitsplatz auf. Interessanterweise ist dieser Zusammenhang vor allem bei Frauen mit einem akademischen Abschluss ausgeprägt und auch nach Berücksichtigung von Wirtschaftssektor und Beruf ersichtlich. Die beruflichen Erfahrungswelten von Frauen mit einem hohen und jenen mit einem niedrigen Qualifikationsniveau dürften sich demnach stärker voneinander unterscheiden, als das bei Männern der Fall ist.