1 4 | D I E V E R T E I L U N G V O N V E R M Ö G E N I N Ö S T E R R E I C H Gesellschaftliche Aus wirkungen von Ungleichheit GESELLSCHAFTLICHE AUS- WIRKUNGEN VON UNGLEICHHEIT IST UNGLEICHHEIT PROBLEMATISCH? Das gesellschaftlich wünschens-werte Ausmaß von Ungleichheit präzise festzustellen, ist unmög- lich. Aber den Menschen ist bewusst, wenn sich die Waage zu sehr in eine Richtung neigt: In Österreich sind fast 90% der Menschen der Meinung, dass die Einkommensunterschiede zu groß sind (International Social Survey Pro- gramme 2009). Drei Viertel sehen zudem die österreichische Gesellschaft heute als eine mehr oder minder extreme Form der „Pyramide“ – viele Menschen unten, wenige an der Spitze. Dabei würden sich 80% eine Gesellschaft mit einer breiten Mittel- und oberen Mittelschicht wün- schen (ISSP 2012). Die Gesellschaft ist ungleicher, als es der Großteil der Men- schen für richtig hält. Auch bei Steuern ist den Menschen in Österreich klar, dass etwas schief läuft. Die Mehrheit ist der Meinung, dass reiche Personen zu wenig Steuern zahlen (SORA 2011). Es gibt auch triftige Gründe, die Un- gleichheit in einer Gesellschaft nicht aus dem Ruder laufen zu lassen. Wie die nächsten Abschnitte zeigen, wirkt sich eine gerechtere Verteilung positiv auf Wachstum und wirtschaftliche Sta- bilität, auf Gesundheit, Zufriedenheit und das Bildungsniveau, auf die Sicher- heit und den sozialen Frieden, sowie auf demokratische Prozesse aus. Wirtschaftliche Effekte von Ungleichheit Einkommens- und Vermögensungleich- heit schwächt die Entwicklung von Wirtschaft und Beschäftigung und führt zu wirtschaftlicher Instabilität. Diese ne- gativen wirtschaftlichen Konsequenzen von Ungleichheit entstehen auf mehrere Arten: Zunächst über den Finanzmarkt, Verschuldung und das Anlageverhalten der Superreichen, aber auch durch eine allgemeine Wirtschaftsschwäche auf- grund fehlender Kaufkraft. Die Konzentration von Vermögen in den Händen Weniger führt dazu, dass mehr Spielgeld auf den Finanzmärkten vor- handen ist. Vermögensreiche Personen tendieren zu riskanteren Anlageformen, die zwar höhere Renditen versprechen, aber auch ein höheres Verlustrisiko mit sich bringen. So halten Reiche etwa einen höheren Anteil ihres Vermögens in Aktien. Zudem besteht eine gro- ße Gefahr für die finanzwirtschaftliche Stabilität, wenn diese Risikogeschäfte schuldenfinanziert sind, weil schon ge- ringe Wert- oder Einkommensverluste dazu führen können, dass die Schulden nicht mehr bedient werden können. Diese riskanten Anlageformen können durch Entwertungen und Zahlungs- ausfälle Dominoeffekte auf den Finanz- märkten auslösen, wie die Finanz- und Wirtschaftskrise seit 2007 zeigte. Neben den großen historischen Finanz- und Wirtschaftskrisen, etwa 1929 und 2007, zeigt sich, dass hohe Einkommens- und Vermögenskonzentration zu wiederhol- ten, kleineren und größeren Finanz- und Wirtschaftskrisen führte. Dass diese insbesondere in jüngerer Vergangenheit (im Vergleich etwa zu den 1950er und 1960er Jahren) gehäuft auftreten, weist darauf hin, dass eine Machtverschie- bung zugunsten von Kapitaleinkommen und Vermögen dabei eine Rolle spielt. Es gibt auch triftige Gründe, die Ungleich­ heit in einer Gesell­ schaft nicht aus dem Ruder laufen zu lassen.