23 Janine Leschke und Andrew Watt DIE WIRTSCHAFTSKRISE UND ARBEITSPLATZQUALITÄT IN EUROPA1 Die Wirtschaftskrise hat dramatische und langfristige Auswirkungen auf die Arbeitsmärkte auf der ganzen Welt. Der jüngste Bericht der Internationalen Arbeitsorganisation (ILO) zu globalen Beschäftigungstrends (vgl. ILO 2012) machte deutlich, welchen Schaden die Krise in Hinblick auf den Beschäftigungsrückgang und den dadurch bedingten Anstieg der Arbeitslosigkeit verursacht hat: Weltweit fiel die Beschäftigungsquote um einen Prozentpunkt und die Zahl der Arbeitslosen stieg auf 27 Millionen Menschen. Aber was sind die Auswirkungen auf die Qualität von Arbeitsplätzen? Darüber können wir in Bezug auf die 27 Mitgliedsstaaten der Europäischen Union auf Basis des Job Quality Index (JQI), der vom European Trade Union Institute/Europäisches Gewerkschaftsinstitut (ETUI/ EGI) entwickelt wurde, Aufschluss geben. Wir haben den JQI erstmals basierend auf Daten von 2005 berechnet. Die Ergebnisse finden Sie auf der Homepage des ETUI (vgl. Leschke/ Watt 2008). Nun haben wir diese Analyse mit Daten von 2010 wiederholt. Vergleicht man die beiden Ergebnissätze, kann man sehen, wie sich die verschiedenen Dimensionen von Arbeitsplatzqualität innerhalb dieses Fünfjahreszeitraums verändert haben, und man kann daraus Rückschlüsse auf die Auswirkungen der Krise ziehen. Die vollständigen Ergebnisse liegen mittlerweile als ETUI-Arbeitspapier vor (vgl. Leschke/Watt/Finn 2012). Im Rahmen dieses Artikels präsentieren wir den LeserInnen eine kurze Analyse der wichtigsten Erkenntnisse. Wie man die Qualität eines Arbeitsplatzes misst: Schlüsselmerkmale des Job Quality Index des European Trade Union Institute Ob man die eigene Arbeit als qualitativ hoch- oder minderwertig empfindet, hängt von einer komplexen Mischung objektiver und subjektiver Faktoren ab. Wie wertet man zum Beispiel ein sicheres Arbeitsumfeld im Vergleich zu Autonomie am Arbeitsplatz oder der Tatsache, dass man genau die gewünschte Anzahl an Wochenstunden arbeiten darf? Interessierte LeserInnen finden auf der Homepage des ETUI (vgl. Leschke/Watt/Finn 2008) eine detaillierte Beschrei- bung der JQI-Berechnungsmethoden. Sie stellen unseren Versuch dar, die zahlreichen Fakto- ren zu systematisieren, die sich auf die Qualität eines Arbeitsplatzes auswirken. Für das Ver- ständnis dieses Artikels gilt es zu beachten, dass der JQI Arbeitsplatzqualität in den folgenden sechs Dimensionen erfasst: 1. Niveau und Verteilung der Löhne und Gehälter, 2. (invertiertes) Vorkommen von unfreiwilliger atypischer (also von befristeter und Teilzeit-) Beschäftigung, 3. Arbeitszeitregelungen und Work-Life-Balance, 1 Der nachfolgende Artikel wurde von den beiden AutorInnen als Blogeintrag in der Global Labour Column am 13. Au- gust 2012 gepostet: http://column.global-labour-university.org/2012/08/the-economic-crisis-and-job-quality-in.html.