16 Während die Weitergabe der Staatsangehörigkeit iure sanguinis an die Kinder von EmigrantInnen noch argumentierbar scheint, da ja diese mit oder ohne ihre Eltern nach einiger Zeit in ihr Herkunftsland zurückkehren könnten, ist eine ungebrochene Weitergabe der Staatsangehörigkeit iure sanguinis an deren Kinder – die Dritte Generation - nicht zu argumentieren, da diese keinen Bezug zum Herkunftsland ihrer Großeltern mehr haben, dessen Intensität eine Weitergabe der Staatsbürgerschaft rechtfertigen würde. Das ius soli wirkt zwar für die Kinder von EinwanderInnen integrativ, kann aber auch ein Einfallstor für die Umgehung von Migrationsbestimmungen darstellen: Die Staatsbürgerschaft sichert ein absolutes Aufenthaltsrecht im jeweiligen Staat. Aufgrund des menschenrechtlich verankerten Rechts des Kindes auf Familienleben gibt es ein starkes rechtliches Argument für ein Aufenthaltsrecht der Eltern. Um zu verhindern, dass Eltern kurz vor der Geburt in ein Land einreisen und aufgrund der Geburt ihres Kindes im Land ein Aufenthaltsrecht für sich fordern, wird in den meisten europäischen Ländern, die das ius soli anwenden, dieses entweder erst in der dritten Generation angewandt (doppeltes ius soli, beide Eltern sind bereits im Land geboren) oder durch Mindestaufenthaltsfristen der Eltern – meist zwischen zwei und acht Jahren - oder andere Bedingungen eingeschränkt. Gesamt gesehen, ist jedoch aufgrund seiner integrativen Wirkung das ius soli für eine Einwanderungsgesellschaft deutlich besser geeignet als das ius sanguinis. Die vorhandenen Missbrauchsmöglichkeiten können durch entsprechende aufenthaltsrechtliche Qualifizierungen leicht in den Griff bekommen werden. Neben der integrativen Dimension verweisen das ius soli bzw. das ius sanguinis auch auf unterschiedliche Konzeptionen von Staatlichkeit: Im ius sanguinis ist Staatszugehörigkeit eine Funktion der biologischen Herkunft, damit zieht es in Einwanderungsgesellschaften eine innere Grenze zwischen jenen, denen die Staatsbürgerschaft „ins Blut gelegt“ wurde, und jenen, die sie erst erwerben müssen und macht die res publica so von der Abstimmungs- zur vorpolitischen Abstammungsgemeinschaft (Oberndörfer). Nur jene, die auf Herkunftskontinuität verweisen können, haben das selbstverständliche Recht auf Mitbestimmung über die Gesetze, denen sie unterworfen sind, wer die falschen Eltern hat, dessen politische Meinung hat a priori keinen Einfluss. Rechtliche Gleichheit erscheint so als Produkt einer als gemeinsam imaginierten Vergangenheit, wer nicht an dieser teilhat, braucht eine Sondergenehmigung für die gemeinsame Zukunft. Der politische Raum wird so familialisiert und die für die Moderne charakteristische Trennung zwischen Herkunft und Rechtsstatus zurückgenommen. Der im Latein wurzelnde juridische Terminus technicus für Einbürgerung – Naturalisierung - bringt die Angelegenheit auf den Punkt: Die Grenzziehung zwischen dem Innen und dem Außen der politischen Gemeinschaft erfolgt mittels einer vorpolitischen Naturmetapher, die den Staat als biologische Gemeinschaft zeichnet und damit jede Überschreitung dieser Grenze zu einer „unnatürlichen“ Ausnahme erklärt, über die zu bestimmen nur die „natürlichen“ Mitglieder der res publica das Recht hätten. 6.3 Staatsbürgerschaftserwerb nach der Geburt – Doppelstaatsbürgerschaft Der Staatsbürgerschaftserwerb nach der Geburt kann mehrere Formen annehmen. Am häufigsten ist die Einbürgerung, die Vergabe der Staatsbürgerschaft auf Antrag des Staatsbürgerschaftswerbers nach einem administrativen Verfahren. Seltener sind deklarative Regelungen, die Vergabe der Staatsbürgerschaft auf Antrag des Bewerbers aufgrund eines Rechtsanspruchs, z.B. Geburt im Inland, oder langdauernder Aufenthalt. Das folgende Kapitel beschäftigt sich mit der Einbürgerung als der wesentlichsten Form des