WIEN WÄCHST ARBEITERKAMMER WIEN 9 ROLAND VERWIEBE: SOZIALSTRUKTURELLER WANDEL UND LEBENSQUALITÄT – DIE VEREINBARKEIT VON BERUF UND FAMILIE. DIE STADT WIEN IM KONTEXT ÖSTERREICHISCHER UND EUROPÄISCHER TRENDS. Roland Verwiebe ist Vorstand des Instituts für Soziologie und leitet das Forschungsprojekt: „Le- bensqualität in Wien im 21. Jahrhundert“ EINLEITUNG Der vorliegende Beitrag behandelt die Vereinbarkeit von Familie und Beruf in Wien. Dies geschieht vor dem Hintergrund einer wachsenden Ausdifferenzierung von Modellen der Arbeitsteilung zwi- schen (Ehe-)Partnern in westlichen Gesellschaften. Die „klassische“ Arbeitsteilung auf Basis des „männlichen Ernährermodells“ ist vor allem für Frauen mit Nachteilen verbunden. Frauen sehen sich hier häufig dazu gezwungen, ihre Berufstätigkeit zugunsten der Familie einzuschränken oder zu- mindest temporär aufzugeben. Diese Form der Arbeitsteilung zwischen Männern und Frauen wird in aktuellen Studien der Familienforschung und in den gesellschaftspolitischen Diskussionen vieler europäischer Staaten zunehmend kritisch gesehen (Crompton et al. 2005; England et al. 2012; E- sping-Andersen 2009; Esping-Andersen et al. 2013; Oppenheimer 1994). Anknüpfend an diese Debatten geht der vorliegende Beitrag der Frage nach, wie sich in der Stadt Wien die Vereinbarkeit von Beruf und Familie für Frauen und Männer in den letzten Jahren entwi- ckelt hat. Lässt sich eine zunehmende Gleichheit der Geschlechter beobachten, in der traditionelle geschlechtsspezifische Arbeitsteilung durch gleiche Teilhabe am Erwerbsleben und an der Kinder- betreuung aufgelöst wird? Dieses Modell hat den am stärksten geschlechtergerechten Charakter und wird von einigen Autoren als ein Ideal gepriesen. Gornick und Meyers (2008) sind hierfür ein Beispiel. Sie haben ein Bild einer modernen und fairen Gesellschaft entworfen, „[which] supports equal opportunities for men and women in employment, equal contributions from mothers and fa- thers at home, and high-quality care for children provided both by parents and well-qualified and well-compensated nonparental caregivers” (2008: 314-315).