WIEN WÄCHST 110 ARBEITERKAMMER WIEN MARKUS MARTERBAUER: WIEN – EINE REICHE STADT WÄCHST Markus Marterbauer leitet die Abteilung Wirtschaftswissenschaft der AK-Wien HOHER WOHLSTAND, DOCH ZUNEHMENDE PROBLEME DER VERTEILUNG Die Stadt Wien liegt wirtschaftlich an der Spitze Österreichs, so wie Österreich an der Spitze der Europäischen Union steht. Dieser hohe wirtschaftliche Wohlstand findet seine Entsprechung in ei- nem Sozialstaat guter Qualität und einem relativ hohen Lebensstandard. In dieser reichen Stadt wächst die Bevölkerung kräftig, vor allem durch Zuzug aus den Nachbarländern. Von einem hohen wirtschaftlichen und sozialen Niveau ausgehend sollten die bestehenden Probleme eigentlich relativ leicht zu bewältigen sein, sie sind allerdings durchaus fordernd: Zunehmende Ungleichheit, erhebli- che Probleme in der Integrationskraft von Bildungssystem und Gesellschaft, hohe Arbeitslosigkeit, Wohnungsmangel und viel zu intensiver motorisierter Individualverkehr. Die Wirtschafts- und Sozial- politik ist gefordert. Ein gebräuchlicher Maßstab für den Wohlstand ist die Höhe des Bruttoinlandsprodukts pro Kopf: In Österreich beträgt es zu Kaufkraftstandards 32.000 Euro, knapp ein Drittel über dem EU- Durchschnitt und der zweithöchste Wert nach „der Stadt mit Umland“ Luxemburg. In Wien wiederum liegt das Bruttoregionalprodukt je EinwohnerIn um etwa ein Viertel über dem Österreich- Durchschnitt. Das hohe Niveau des Einkommens ist sehr erfreulich, doch gibt die zunehmende Un- gleichheit Anlass zu Sorge. Der Anteil der Vermögenseinkommen aus Zinsen, Dividenden sowie Einnahmen aus Vermietung und Verpachtung ist über die Jahrzehnte kräftig gestiegen, diese Ein- kommen sind auf eine schmale Schicht an SpitzenverdienerInnen konzentriert. Gleichzeitig geht auch innerhalb der Lohneinkommen die Schere zwischen gut verdienenden Angestellten und vielen temporär, prekär oder zu schlechten Löhnen Beschäftigten auf. In einer Wirtschaft, die über Jahrzehnte stetig Kapital akkumulieren konnte, kommt der Wohlstand besonders klar im wachsenden Vermögen der privaten Haushalte zum Ausdruck: Es lag nach der Berechnung der Universität Linz auf Basis der Daten des Household Finance and Consumption Surveys der Europäischen Zentralbank 2010 in Österreich bei 1.250 Milliarden Euro. Das ist etwa das Vierfache der jährlichen Wirtschaftsleistung und mehr als das Fünffache der Staatsschulden. In der letzten Relation kommt zum Ausdruck, dass die Volkswirtschaft keineswegs überschuldet ist;