71 / 88 Kommerzielle Digitale Überwachung im Alltag | Studie im Auftrag der österreichischen Bundesarbeitskammer | 2014 sierte Angebote die „Reichen“ ein „anderes Internet als die Armen“ sehen würden. (vgl. Fer- tik 2013). Mit Technologien des Data Mining sind Unternehmen in der Lage, profitable Kun- dInnen statistisch zu identifizieren und das exakte Minimum an notwendiger Handlung zu berechnen, mit dem diese KundInnen loyal gehalten werden können (vgl. Palm?s 2011). Sogar die US-amerikanische Federal Trade Commission befürchtet, dass KonsumentInnen mit bestimmten Verhaltensweisen in Zukunft als „riskanter“ eingeschätzt werden und dadurch höhere Versicherungsprämien anfallen könnten (vgl. FTC 2014). Darüber hinaus könnten „mögliche Diskriminierungseffekte“ nicht einmal mehr nachzuvollziehen sein, wenn wir „keine Entscheidungsmacht“ mehr über die „Wege unserer eigenen Daten“ haben (vgl. Albrecht 2014). Auch Verweigerung der Teilnahme kann Konsequenzen haben: Wenn kei- ne oder zu wenige Daten über eine Person vorhanden sind, schätzt ein Unternehmen das Risiko für eine Kundenbeziehung unter Umständen prinzipiell als zu hoch ein. Wenn Versi- cherungsunternehmen die Risikoabschätzung von Lebensgewohnheiten und Verhaltens- weisen abhängig machen, wird außerdem Risiko individualisiert (vgl. Lyon 2003). ? Bedrohung von Freiheit, Demokratie und der Autonomie des Einzelnen: Wenn Kom- munikation und Verhalten permanent digital erfasst und ausgewertet werden, hat dies einen Einfluss darauf, wie sich Einzelne verhalten und wie sie miteinander kommunizieren – nicht nur in Bezug auf soziale oder politische Themen. Dadurch sind die Ausübung demokrati- scher Rechte und die intellektuelle Freiheit bedroht – und es entsteht die Gefahr, dass Menschen nicht mehr mit „neuen, kontroversen oder devianten Ideen“ experimentieren (vgl. Richards 2013). Viele der 1.606 in der Studie des Pew Research Center (2014) befragten globalen ExpertInnen erwarten, dass Anreize zur Verhaltensänderung zum zentralen Trei- ber für das Internet der Dinge werden - beispielsweise zum Kauf eines Produkts oder zur Anregung von gesünderen oder sichereren Lebensweisen, bestimmten Arbeitsweisen oder der effizienteren Nutzung öffentlicher Güter. Dies könnte substanzielle Auswirkungen auf die Möglichkeit der Menschen, ihr „eigenes Leben zu kontrollieren“, haben. Der prominente Netztheoretiker Evgeny Morozov identifiziert eine „Ideologie des Datenkonsums“, die darauf basiert, dass NutzerInnen ihre persönlichen Daten gegen die scheinbar kostenlose Nutzung von Services oder Geräten tauschen – und die „enorme politische und moralische Konse- quenzen“ hätte. Er warnt vor einer mit der „Umweltkatastrophe“ vergleichbaren „Datenkata- strophe“, die uns in einer Welt erwartet, in der persönliche Daten wie Kaffee oder jede an- dere Ware gehandelt werden“. Wenn sich erst einmal die Hälfte der Bevölkerung freiwillig dafür entschieden hätte, ihr Verhalten permanent digital überwachen zu lassen und im Ge- genzug etwa von niedrigeren Versicherungsprämien zu profitieren, würden diejenigen, die nicht damit einverstanden sind, automatisch verdächtig und damit in ihren Möglichkeiten eingeschränkt (vgl. Morozov 2013). „Die Reichen sehen ein ande- res Internet als die Armen“ Mit vorauseilen- dem Gehorsam in die „Datenka- tastrophe“?