Motivation von Lehrlingen öibf 19 haben im Entscheidungsprozess eines Kleinunternehmens, in dem der reibungslo- sen Arbeit im Team und der familiären Atmosphäre große Bedeutung für den Er- folg des Unternehmens zukommt, alle Teammitglieder die gleiche Stimme – die Mehrheit entscheidet. „(Nach einem ausführlichen persönlichen Gespräch) machen wir einen weiteren Durchgang: Alle Bewerber und Bewerberinnen sind zum gleichen Termin eingeladen worden, damit sich alle unsere Mitarbeiter, die schon bei uns tätig waren, auch ein Bild machen konnten und wir schauen konnten, ob es auch menschelt. Das ist irrsinnig wichtig, weil nicht der aufgrund der Testergebnisse oder Schulnoten oder rhetorischen Brillanz am besten Geeignete am bes- ten ins Team passt, sondern es muss auch das Gefühl da sein. Und nachdem die vier sich präsentiert hatten, haben wir eine geheime Wahl gemacht. Und alle haben unseren jetzigen Lehrling an die erste Stelle gesetzt.“ (FB1/Geschäftsführer/S.2) Nicht zu unterschätzen ist in diesem Zusammenhang der Einfluss der Gestaltung der Auswahlverfahren auf die Entscheidung der Jugendlichen für oder gegen ei- nen bestimmten Ausbildungsplatz. Gerade jene Jugendlichen, die aufgrund ihres Potenzials mehrere Lehrstellen zur Auswahl haben, schließen etwa von den Frage- stellungen eines Aufnahmetests oder den Erfahrungen, die sie im persönlichen Aufeinandertreffen mit VertreterInnen des Betriebs und dem ihnen ermöglichten Einblick in die berufliche Realität gemacht haben, auf die Qualität der künftigen betrieblichen Ausbildung.6 „Für mich war das Lehrlingscasting auf jeden Fall ausschlaggebend, warum ich mich für eine Lehre hier entschieden hab. Ich hab da viel über das Unternehmen erfahren, über das Ange- bot, das, was wir zusätzlich lernen, welche Möglichkeiten wir haben, also Lehrlingstage, Schulungen und so fort. Ich hab mir das vorher ganz genau angeschaut, auch bei anderen Lehrbetrieben, wie gut die Ausbildung ist.“ (FB6/Lehrling3/S.1) Werden die Erwartungen der Jugendlichen bezüglich der Qualität der Ausbildung in weiterer Folge jedoch enttäuscht – wie es bspw. bei einem der befragten Lehr- linge der Fall war –, besteht die Gefahr, insbesondere sehr ambitionierte Lehrlin- ge noch während der Lehrzeit an andere Unternehmen zu verlieren. „Ich hab ein Jahr in einem sehr renommierten Restaurant gelernt, die Lehrausbildung war aber lang nicht so gut wie das Lokal. Und ich will ja was lernen. Von meinem Bruder hab ich gewusst, dass die Ausbildung hier sehr gut ist, und deshalb bin ich nach dem ersten Lehrjahr hierher gewechselt.“ (FB6/Lehrling1/S.1) Zu Lehrbeginn erfolgen in allen Unternehmen der Auswahl grundlegende Erstge- spräche durch Ausbildungsverantwortliche, die weitergehende Informationen zu Ausbildung beinhalten und die LehranfängerInnen mit der Unternehmenskultur vertraut machen sollen. Anforderungsvielfalt, Ganzheitlichkeit und Bedeutsamkeit der V. 2 Aufgabe Nach Hackman und Oldham (Job Characteristics Theory, vgl. Punkt III.4.2) stellt die erlebte Bedeutsamkeit der eigenen Arbeitstätigkeit neben der erlebten Ver- antwortung für die Ergebnisse des Tuns und dem Wissen um Resultate und Quali- tät der eigenen Arbeit eine der wesentlichen Einflussgrößen auf das individuelle 6 So begründete ein Lehrling im Rahmen eines Workshops, das vom öibf im Zuge eines laufenden Leonardo da Vinci-Projekts durchgeführt wurde, seine Entscheidung für den aktuellen Lehrbetrieb folgendermaßen: „Ich hab insgesamt drei Aufnahmetests bei verschiedenen großen Unternehmen gemacht und alle hätten mich genommen, aber für mich war klar, dass ich nur zu einem Betrieb will. (...) Ausschlaggebend war für mich, dass beim Aufnahmetest bei meinem jetzigen Unternehmen viele Ausbildner anwesend waren und sie auch mit uns geredet haben in den Pausen. Das hat für mich gezeigt, dass die an mir und der Lehrlingsausbildung wirklich interessiert sind. Außerdem waren mir viele der Ausbildner sehr sympathisch. Und einige Fragen im Test bei den anderen Unternehmen waren sowas von unnötig, dass ich mir gleich gedacht hab: Wenn die schon solche Frage stellen, was lern ich dann überhaupt dort?“