1.2.3. Mikroebene: Interaktionen, interpersonelle Beziehungen und subjektive Deutungen Untersuchungen auf der Mikroebene bieten eine Bandbreite an Erklärungen für Phänomene der Arbeitsmarktsegregation, wenn sie beispielsweise Grenz- ziehungen von so genannten Frauen- und Männerberufen auf einer interak- tionstheoretischen Ebene erklären. Fokussiert werden dabei Individuen wie interpersonelle Beziehungen als auch subjektive Deutungen, die diesen Inter- aktionen gegeben werden (vgl. Gamerschlag 2010:43). Interaktionen spielen ebenso eine wichtige Rolle im Arbeitsleben und treten z. B. bei der Lehrstellen- suche, im Bewerbungsgespräch, bei der Anstellung, in der Arbeitsteilung sowie im Umgang mit KundInnen, Vorgesetzten, AusbildnerInnen und KollegInnen auf. Erklärungen für Geschlechterungleichheit können so »durch die Analyse unreflektiert ablaufender Interaktionen angeboten werden, die zeigen, wie in Interaktionen Kategorien reproduziert werden, welche Geschlechterstereotype evozieren und sich damit im Handeln niederschlagen« (Ridgeway 2001 zitiert nach Gamerschlag 2010:43). 1.2.4. Doing Gender While Doing Work Das Konzept des »Doing Gender« entstammt ebenfalls der interaktionstheo- retischen Soziologie und ist in der Geschlechterforschung zu einem Synonym für die Perspektive einer »sozialen Konstruktion von Geschlecht« geworden. »Doing Gender« betrachtet Geschlecht bzw. Geschlechtszugehörigkeit nicht als Eigenschaft oder Merkmal von Individuen, sondern nimmt jene sozialen Prozesse in den Blick, in denen »Geschlecht« als sozial wirksame Unterschei- dung hervorgebracht und reproduziert wird (vgl. Gildemeister 2004:132). Das Konzept wurde von West/Zimmerman 1987 in einer programmatischen Ab- grenzung zur damals im wissenschaftlichen Kanon dominanten »sex-gender Unterscheidung« entwickelt, die von einem »natürlichen Unterschied« ausgeht und die kulturellen Ausprägungen von »gender« lediglich als gesellschaftlichen Reflex auf Natur fasst (vgl. ebd.). Der Arbeitsplatz als Ort, an dem Geschlecht als sozial wirksame Unterschei- dung hervorgebracht und reproduziert wird, war in der Folge im Zentrum sozialkonstrukivistischer Untersuchungen. Unter der Fragestellung »Doing Gender while Doing Work« haben sich vor allem die Studien von Christine Williams (1989, 1993) in den Kanon eingeschrieben. So untersuchte Williams Frauen und Männer in geschlechtsuntypischen Berufen (männliche Kranken- pfleger und Frauen in der US-Armee). Eine von ihr entwickelte Hypothese ist, dass sich Konstruktionsweisen von »Normalität« vor allem dort gut erschlie- ßen lassen, wo eine »Norm« verletzt oder durchbrochen wird. Überdies zeigen ihre Untersuchungen, dass von der jeweiligen Minderheit im Beruf erhebliche Anstrengungen unternommen werden müssen, die »unpassende Geschlechts- zugehörigkeit« so in das berufliche Alltagshandeln einzubringen, dass sie dem Stigma entgehen, als Frau »unweiblich« oder als Mann »unmännlich« zu sein. Diese Cross-Gender Freaks (Gamerschalg 2010:46) stehen vor der besonderen Herausforderung, die Sexuierung ihres Berufs mit ihrer Geschlechtsidentität in Einklang zu bringen (vgl. ebd.). Dabei erzeugt das »Doing Gender« in der Regel für Männer in Frauenberufen erhebliche Vorteile, die sich in Aufstiegschancen niederschlagen, Frauen in Männerberufen dagegen stoßen auf vielfache Barrie- ren und Hürden (vgl. Gildemeister 2004:136). Gerade für die Herausarbeitung der Unterschiede zwischen verschiedenen Berufen und Berufssparten empfiehlt Gildemeister die Grundkonzeption des »Ich glaub, sie wissen halt, dass wir Mädchen sind« Wien, Dezember 2011 8