Wirtschaftspolitik – Standpunkte. 04 | 2012. seite 2 von 26 die phySiSchen märkte Sind nicht Schuld rOhStOff- und ÖlpreiSvOlatilität Die STarKen preiSSchWanKungen Vieler rohSToFFe inKluSiVe Öl haben Die DebaTTe über Die urSachen Der preiSanSTiege unD Die MÖglichen gegenMaSSnahMen angeheizT. STeigenDe nachFrage Von Sich Schnell enTWicKelnDen groSSen VolKSWirTSchaFTen unD häuFige angeboTSSchocKS WerDen Dabei oFT alS begrünDung genannT. Solche hanDFeSTen FaKToren zur erKlärung Von VolaTiliTäT SinD oFFenbar leichTer zu VerSTehen alS Die WeTTen in hÖhe Von hunDerTen MilliarDen uS-Dollar, Die in erWarTung VorübergehenD STeigenDer preiSe abgeSchloSSen WerDen. MiT eineM MarKTVoluMen, DaS uM 20 biS 30-Fach grÖSSer iST alS Die phySiSche proDuKTion, haben bÖrSengehanDelTe DeriVaTe auF Den rohSToFFMärKTen DieSe MärKTe SySTeMaTiSch in FinanzMärKTe VerWanDelT. DaS SollTe Die poliTiK herauSForDern, neue regulaToriSche VorKehrungen an Den FinanzMärKTen zu SchaFFen, anSTaTT nur über Die phySiSchen MärKTe zu Klagen. ohstoffpreise blieben 2011 und im ers- ten Halbjahr 2012 hoch und volatil. So war beispielsweise der Durchschnittspreis für UK-Brent (leicht), Dubai (mittel) und West Texas Intermediate (WTI) im Juli 2012 65% höher als der jeweilige Durchschnitts- preis während des Rohstoffpreisbooms von 2003-20081. Der Ölpreis schwankte stark: Zu Jahresbeginn verzeichnete er einen deut- lichen Anstieg, um im zweiten Quartal stark zu fallen. Ende August 2012 erstarkten die Ölpreise wieder und gewannen – trotz der sehr schwachen Entwicklung in der globalen Wirtschaft – alles, was sie im 2. Quartal ver- loren hatten wieder zurück. Preisvolatilität war schon lange ein Charakteristikum der Rohstoffmärkte. Zurückzuführen ist dies auf die Knapp- heit an vielen globalen Rohstoffmärkten und die geringe Elastizität der Nachfrage. Während rohstofftypische Schocks in der Vergangenheit eine Schlüsselrolle spielten, fehlt diesem Faktor heute vor allem auf der Versorgungsseite und in den Ölmärkten die Überzeugungskraft. Bei politischen Schocks unternehmen die größten Ölproduzenten beachtliche Anstrengungen, um die Preise zu stabilisieren. Auch die ständig steigen- de Nachfrage seitens aufstrebender Wirt- schaftsregionen erklärt nicht die enormen Ausschläge, die in all diesen Märkten zu verzeichnen sind. Schließlich bewegen sich heute viele Rohstoffpreise der wichtigsten Kategorien, wie Metall, Landwirtschaft und Energie im Gleichklang, und dieser Trend schließt Erklärungen, die auf Schocks von einzelnen Märkten basieren, aus. Deshalb ist die Frage, ob die gegenwärtig die Roh- stoffmärkte überhaupt noch funktionieren, unausweichlich. finanzinvestorinnen führen die Herde an. Zu Beginn des neuen Jahrhunderts wurden Investitionen in Rohstoffe (oder deren Deri- vate) ein Teil größerer Investmentportfolio- Platzierungen. Das führte zu einer Zunahme der Anlagen in Rohstoffpapiere. Sie stiegen von 10 Mrd. US-Dollar zum Ende des letz- ten Jahrhunderts auf ein Rekordhoch von 450 Mrd. US-Dollar im April 2011.2 Dem- entsprechend übersteigt das Volumen der börsengehandelten Derivate die physische Produktion derzeit um das 20 bis 30-fache.3 Gleichzeitig ist der Marktanteil von Finan- zinvestorInnen von weniger als 25% in den 1990-er Jahren auf mehr als 85% gestiegen. Ja, in Extremfällen repräsentieren sie sogar r rohstoffmärkte werden zunehmend mit den finanzmärkten integriert. politische empfehlungen • Verstärkte Transparenz in physischen Märkten. Zurverfügungstellung von bes- seren und zeitnäheren Fundamentaldaten. • Verbesserung der Transparenz auf Warenterminbörsen und OTC- (außerbörs- lichen) Märkten. Versorgung mit mehr Daten über MarktteilnehmerInnen und Positionseinnahme, zumindest für die Regulierungsbehörden. • Verstärkung der Regulierung von FinanzinvestorInnen. Das könnte auch das Verbot von bestimmten „Vehikeln“ für Rohstoffinvestitionen umfassen, Einfüh- rung von Positionslimits und Verbot des Eigenhandels für Finanzinstitutionen, die mit „hedging“ von Transaktionen ihrer Kunden betraut sind. International koordinierte Maßnahmen. • Einführung eines Finanztransaktionssteuersystems. Dadurch könnten generell Finanzmarktaktivitäten verlangsamt werden, insbesondere der Hochfrequenz- handel. • Einführung eines Systems, um mit Finanzblasen richtig umgehen zu können. Aufsichtsbehörden könnten mit der Aufgabe betraut werden, erforderlichen- falls direkt durch Kauf oder Verkauf von Warenterminkontrakten in den Handel einzugreifen, um Preiseinbrüche zu verhindern oder Blasen zu reduzieren. Eine solche Intervention sollte als letztes Mittel eingesetzt werden, um das Entste- hen von spekulativen Blasen zu bekämpfen, wenn Reformen zur Erreichung größerer Markttransparenz und besserer Regulierungsdichte nicht durchge- führt werden oder sich als unwirksam erweisen.