Wirtschaftspolitik – Standpunkte. 03 | 2013. seite 2 von 23 mehr Schein alS Sein? die türkiSche WirtSchaft: unTer Der äGiDe Der aKp (parTei für GerechTiGKeiT unD forTSchriTT) Durch- lief Die TürKei eine perioDe STarKen WirTSchafTSWachSTuMS. ÖffenTliche proJeKTe WerDen JeDoch iMMer häufiGer GeGen Den Willen Der bürGerinnen DurchGeSeTzT. urückzuführen ist dies unter anderem auf einen Boom in der Baubranche, der auf großen Projekten wie z.B. Staudämmen oder eine weitere Brücke über den Bospo- rus beruhte. Nicht zu vernachlässigen ist aber auch die von der Regierung voran- getriebene Konsolidierung bei den Staats- ausgaben. Im Vergleich zu den EU Krisen- ländern gibt die Türkei ein positives Bild ab. Dennoch stellt sich die Frage nach der Nachhaltigkeit des türkischen Wirtschafts- wunders, aber auch inwieweit die türkische Bevölkerung diesen Kurs mitträgt. Denn trotz eines Demokratieversprechens der AKP bei ihrem Antritt werden die Projekte zunehmend mit autokratischeren Mitteln – oft gegen die Interessen der BürgerInnen – durchgesetzt. Diese Vorgangsweise stellt den Beitritt zur EU, die sich von einer Wirt- schaftsgemeinschaft zu einer politischen Union gewandelt hat, in Frage. Als die AKP 2003 unter Erdogan die Re- gierungsgeschäfte übernahm, hatte die Tür- kei kurz zuvor eine schwere wirtschaftliche Krise durchlebt. In der folgenden Dekade sollte das Land ein bisher unerreichtes Wirtschaftswachstum erleben. In Zahlen ausgedrückt, stieg zwischen 2002 und 2012 das BIP um 64%, was einem pro Kopf Anstieg von 43% entspricht. Dies kommt einer jähr- lichen Wachstumsrate von durchschnittlich 3,6% gleich. Für 2013 und 2014 wird ein im Vergleich zu den Spitzenjahren geringeres Wirtschaftswachstum von 3,4% bzw. 3,7% und eine immer noch hohen Inflationsrate von 6,6% bzw. 5,5% vorausgesagt. Es sind unter anderem diese Wirtschaftsdaten sowie das ursprüngliche Versprechen, die Türkei demokratischer zu regieren, die den Erfolg der AKP mit Ministerpräsident Erdo- gan an ihrer Spitze erklären. Daneben ste- hen aber auch weitere wirtschaftspolitische Erfolge wie z.B. die Rückzahlung eines 412 Mio. US Dollar schweren IWF-Darlehens im Mai 2013. Bei einer Bevölkerung von 75 Millionen Menschen steht die Türkei der Weltbank zufolge mit einem Bruttoinlandsprodukt von 735 US Dollar an 16. Stelle in der Welt- wirtschaft, mit dem Ziel, bis 2023 auf Platz 10 vorzurücken. Andere Daten zeichnen ebenfalls ein positives Bild. So ist das durch- schnittliche jährliche pro-Kopf Einkommen um fast ein dreifaches auf 10.000 US Dol- lar angestiegen, die Armutsquote sank von 28,1% auf 17,1%. Diesen positiven Daten stehen jedoch andere Zahlen gegenüber, die ein komple- xeres Bild zeichnen. So sind die Arbeitslo- senzahlen trotz des Wirtschaftswachstums relativ hoch, was u.a. auf die Folgen der seit 2008 herrschenden Wirtschafts- und Finanzkrise im Euroraum und auf ein ent- sprechend reduziertes Exportvolumen in diese Länder zurückzuführen ist. Die Ar- beitslosigkeit beläuft sich bei den unter 25-Jährigen auf 16,4%, wobei die offizielle Arbeitslosenquote der Frauen bei 19% liegt. Die Dunkelziffer dürfte allerdings deutlich höher sein. Melden sich doch Frauen vor allem in den ländlichen Gebieten nicht als arbeitslos. Die Arbeitslosenquote in der Al- tersgruppe zwischen 25 und 75 Jahren liegt derzeit offiziell bei 7%. Die Inflationsrate ist immer noch be- trächtlich, obwohl sie von einem Höchst- stand von über 70% im Jahr 2002 auf der- zeit 8,8% gefallen ist und zwischenzeitlich sogar bei knapp unter 4% lag. Insgesamt ist sie starken Schwankungen unterworfen. Abgesehen von den hohen Arbeitslo- senzahlen und der erhöhten Inflationsrate geben andere Daten Anlass zu einer kriti- schen Evaluation der türkischen Wirtschaft. In einem Bericht der Weltbank werden eine Reihe Faktoren erwähnt, die ein gemischtes Ergebnis vermitteln. Die Türkei hat demnach immer noch ein erhebliches außenwirtschaftliches Zah- lungsbilanzdefizit. Dies ist auch eine Folge der raschen Kreditexpansion, die 2011 bei den privaten Haushalten 30% und bei den Unternehmen 40% betrug. D.h. das Wachs- tum ist in einem großen Umfang kreditfi- nanziert. Dies erscheint besonders in Hin- Z das staudammprojekt am euphrat wird vermehrt zu konflikten mit syrien und irak führen, da die weitergeleiteten wassermengen nicht ausreichen. ARBEITSLOSENqUOTE IN % quelle: TURKSTAT