Aus der Praxis – für die Praxis 289DRdA ? 3/2014 ? Juni fen fühlte und zeitlebens darunter litt, nicht den Rang erreicht zu haben, der ihm zugekommen wäre, enttäuscht, oftmals missverstanden oder allein gelassen worden zu sein. Charakteristisch für die Persönlichkeit Hillegeists ist auch, dass er nicht nur eine Autobiographie schrieb, sondern anlässlich seines 60. Geburtstages sogar eine „Geburtstags- rede auf sich selbst“ hielt, in der er bekannte, er habe „bis heute immer noch nicht gelernt, mir jene ‚schlichte‘ Beschei- denheit anzueignen, die ich bei vielen ‚Geburtsvorgängern‘ beobachten konnte...“ (S 133). Wenn Steiner meint, in der Biographie Hillegeists ließen sich Parallelen zu den Lebens- läufen von Johann Böhm oder Karl Maisel erkennen, so mag das auf seine Herkunft und Sozialisation durchaus zutreffen, nicht aber auf den Mangel an Bescheidenheit. Im Gegensatz zu Hillegeist zeichnete persönliche Bescheidenheit die meis- ten führenden Gewerkschafter ganz besonders aus. Besonders verdienstvoll ist die detailreiche und präzise Aufarbeitung der Vorgeschichte des ASVG durch Steiner. Zusammen mit der vorher veröffentlichten Studie über den Sozialminister Karl Maisel ergibt die Darstellung der Entwick- lung vom Sozialversicherungs-ÜberleitungsG 1947 bis zur Verabschiedung des ASVG am 9.9.1955 ein vollständiges Bild der Bemühungen um die Schaffung eines österreichi- schen Sozialversicherungsrechts im ersten Jahrzehnt der Zweiten Republik. Dabei zeigt sich, dass die oft verwendete Etikettierung Karl Maisels als „Vater des ASVG“ jedenfalls zu kurz greift. Dem Gesetzesbeschluss ging ein hartes poli- tisches Ringen – auch innerhalb der Gewerkschaftsbewe- gung – um die Grundsätze der Rentenreform voraus, in dem neben dem Sozialminister und Obmann der Gewerkschaft der Metall- und Bergarbeiter Karl Maisel auch der Obmann der Angestelltenversicherungsanstalt, Angestelltengewerkschaf- ter und Abgeordnete zum Nationalrat Friedrich Hillegeist eine entscheidende Rolle spielte. Personifiziert durch diese beiden standen sich in der Diskussion um eine Reform der SV zwei grundsätzlich unterschiedliche Konzeptionen gegenüber: Während Maisel ein Anhänger des Modells einer einheitli- chen Volksversicherung nach dem Vorbild des in Großbri- tannien verwirklichten „Beveridge-Plans“ unter Beseitigung der Unterschiede zwischen Angestellten und Arbeitern war, trat Hillegeist vehement gegen eine „Nivellierung“ des Leis- tungsrechts in der PV ein. Der von ihm ausgearbeitete Ren- tenreformplan, später als „Hillegeist-Plan“ in die Geschichte der österreichischen SV eingegangen, war ursprünglich nur für die Angestellten gedacht. Seine Grundforderung lautete dem entsprechend: Ausreichende Erhöhung der Renten und Beseitigung der Unterversicherung in der PV der Angestell- ten. Darüber hinaus vertrat Hillegeist in seinem Reformkon- zept Grundsätze, die in der Folge die weitere Entwicklung des Sozialversicherungsrechts, insb in der PV, entscheidend prägen sollten: das Solidaritätsprinzip, das Versorgungsprin- zip, das Lebensstandardprinzip und die Finanzierung nach dem Umlageverfahren. Wesentlicher Bestandteil seines Kon- zepts waren Ruhensbestimmungen, weil er es nicht für sozial vertretbar hielt, „jemandem zu seinem Arbeitseinkommen die Rente zusätzlich als Nebeneinkommen zu geben“ (S 90). Im Detail kann man durchaus darüber streiten, ob das letztlich beschlossene ASVG eher die Handschrift der Legisten des Sozialministeriums oder der Experten des Hauptverbandes oder aber jene des Sozialversicherungspo- litikers Hillegeist trägt. Unbestreitbar ist aber, dass dessen Lebenswerk, der „Hillegeist-Plan“, den Grundstein der Pen- sionsbestimmungen des ASVG gebildet hat. Deshalb kann man Hillegeist wohl zu Recht als Wegbereiter und einen der Architekten des ASVG bezeichnen. Unbestreitbar ist aber auch, dass es der politischen Durchsetzungskraft eines Karl Maisel bedurft hat, um das große Werk zu realisieren. Interessant ist auch, was Steiner über die Reaktionen auf die geplanten Regelungen in der KV im Rahmen des ASVG berichtet: Wenige Tage vor der Beschlussfassung im Nationalrat protestierte die Ärzteschaft gegen das Gesetz mit einer Demonstration und einem „Ärztestreik“. Sie fürchtete um den freien Berufsstand des Arztes und wollte eine Ein- kommensgrenze für die Inanspruchnahme der ärztlichen Hilfe als Sachleistung; außerdem wehrten sich die Ärzte gegen die Konkurrenz durch Kassenambulatorien. Wer denkt bei einem solchen Bericht nicht an spätere ähnliche Ereignisse und an die aktuelle Diskussion um eine Gesundheitsreform? Bestimmte Interessenlagen ändern sich offenbar auch nach 60 Jahren nicht, wodurch der Eindruck entsteht, dass sich die Geschichte wiederholt. Ein wichtiger Lebensabschnitt, der in Steiners Studie nur relativ kurz behandelt wird, ist die Zwischenkriegszeit. Als überzeugter Antifaschist lehnte Hillegeist jede offizielle Mitarbeit in der Einheitsgewerkschaft des Ständestaates, die er nicht als echte Interessenvertretung der Angestellten angesehen hat, kategorisch ab, sprach sich aber gleichzeitig dafür aus, legale und halblegale Möglichkeiten zu nützen, um sich im Interesse der Erhaltung der wirtschaftlichen und sozi- alen Errungenschaften Einfluss in der Einheitsgewerkschaft zu sichern (S 37). Als Gründer der „Freien Angestelltenge- werkschaft Österreichs“ setzte er seine gewerkschaftliche Tätigkeit in der Illegalität fort und wurde – auch von den anderen Gewerkschaften – zum Sprecher jenes „Arbeiterko- mitees“ gewählt, das Verhandlungen mit Bundeskanzler Kurt Schuschnigg über eine Zusammenarbeit mit der Regierung führen sollte. Hillegeist war fest davon überzeugt, dass man bis zum letzten Augenblick alles unternehmen musste, um Hitler zu verhindern, und glaubte daran, dass das durch die Vereinigung der Österreicher aller politischen Lager mög- lich wäre (S 38). Am 3.3.1938 kam es zur Aussprache mit Schuschnigg, der sich zwar verhandlungsbereit erklärte, aber den Führer der Christlich-sozialen Johann Staud mit der Ver- handlungsführung beauftragte. Steiner beendet dieses Kapi- tel mit dem Hinweis, die Verhandlungen seien vom Gang der Ereignisse und vom Einmarsch der Nazis „überholt“ worden. An dieser Stelle von Steiners Buch hätte ich mir doch etwas mehr Tiefgang gewünscht. Immerhin meint Bruno Kreisky in seinen Memoiren (Zwischen den Zeiten, S 282 f), Staud habe diese Gespräche sabotiert, weil er das Monopol, das ihm die Diktatur eingeräumt hatte, nicht preisgeben wollte und sich „zu viel Zeit gelassen“ habe. Fest steht jedenfalls, dass Friedrich Hillegeist seinen Kampf gegen den Nationalsozialis- mus – wie viele andere Gewerkschafter – mit der Verhaftung und Deportation in das KZ Buchenwald bezahlen musste. Das beherrschende Thema, das Steiners Studie wie ein roter Faden durchzieht, ist das Verhältnis oder genauer gesagt: der Konflikt zwischen Arbeitern und Angestellten innerhalb der Gewerkschaftsbewegung. Schon im Vorwort schreibt Anton Pelinka: „Hillegeist sah seine Aufgabe in der SPÖ und im 1945 neu gegründeten, überparteilichen Österreichischen Gewerkschaftsbund vor allem darin, die speziellen Interessen der Angestellten zu vertreten. Deshalb verteidigte er auch – gerade bei der Formulierung eines umfassenden Sozialversicherungsrechts – den Sonderstatus der Angestellten“. Obwohl in einem Artikel der Gewerkschaftszeitung „Der österreichische Arbeiter und Angestellte“ schon 1946 zu lesen Neue Bücher