Digitalisierung der Arbeitswelt – Weiterbildung, Datenschutz, AN-Schutz und Betriebsverfassung ? S. KÖCK DRdA ? 5/2017 ? Oktober 351 dung von entsprechenden Schutzbestimmun- gen und -verfahren auch zu ermöglichen. Das ist der richtige Kern der DS-GVO in ihrem arbeitnehmerbezogenen Art 88 Abs 2. 5. Arbeitnehmerschutz – Chancen und Gefahren 5.1. Ausgangslage: Abnahme physischer und Zunahme psychischer Belastungen?88) Auf der Hand liegt die These, dass die Digitali- sierung als eine Form der weiteren Automation physische Belastungen und Gefahren der Arbeits- welt reduzieren kann. Seien es Roboter oder Droh- nen – in vielfältiger Weise kann die schon bishe- rige Geschichte der Automatisierung betreffend die Reduktion physischer Gefährdungen auf neue Weise fortgesetzt werden. Schwieriger ist hingegen die Frage zu beantworten, inwiefern die Digitalisierung zur Zunahme der psy- chischen Belastungen der Arbeit beiträgt. Diese Fra- gestellung trifft mit der häufig berichteten Diagno- se zusammen, dass psychisch bedingte Fehlzeiten zugenommen zu haben scheinen.89) Dementspre- chend war die Erstreckung des AN-Schutzrechts auf psychische Gefahren ein Kernpunkt der jüngeren Novellierungen. Die Erstre ckung der Gesundheits- definition auch auf psychische Gesundheit, die Rolle der Arbeitspsychologen, die Erstreckung der Evaluierung auf psychische Belastungen und die besondere Prüfung der psychologischen Aspekte bei Zwischenfällen – all das wurde erst in jüngerer Zeit in das ANSchG aufgenommen90) und beginnt sich nun in der Praxis zu verbreiten. Im Zusammenhang mit diesen Initiativen wird aller- dings auch immer wieder vor voreiligen Schlussfol- gerungen gewarnt: Die statistischen Zahlen über die Zunahme psychisch bedingter Fehlzeiten müssen nicht aus einer Zunahme der psychischen Belas- tungen der Arbeit resultieren: Auch die verbesserte Diagnostik psychischer Erkrankungen, der Abbau der mit psychischen Erkrankungen verbundenen Stigmatisierung und die potenzielle Auswirkung des Privatlebens auf die Fehlzeiten sind allesamt Faktoren, die zumindest das Potenzial haben, sich auf Fehlzeiten spürbar auszuwirken. 5.2. Die potenzielle Rolle der Digitalisierung bei psychischen Belastungen In welchem Umfang also die Digitalisierung dazu beiträgt, die psychischen Belastungen der Arbeit zu erhöhen, bleibt zu erforschen. Drei Fakto- ren, die häufig mit Digitalisierung in Verbindung gebracht werden, sind plausible Kandidaten für solche Effekte: – Verdichtung: Die Digitalisierung erlaubt es, auch Bürotätigkeit und Dienstleistungen wie bisher produzierende Tätigkeiten in kleinste Teile zu zerlegen und zu analysieren.91) Da raus folgt, dass zunehmend auch Bürotätigkeit wie Fabriksarbeit organisiert werden kann. Es steigt der Leistungsdruck in Bereichen, die bislang metrisch kaum zu durchleuchten waren. Die Dauer der Beantwortung einer Anfrage, die Erledigungsdauer für eine E-Mail etc. Projekt- kontrolle kann metrisch exakt übernommen werden – mit der Folge des zunehmenden Drucks auf die Projektbeteiligten, jeder Rück- stand hinter dem Plan wird sofort sichtbar. Die- ser Mechanismus wird viel seltener erwähnt als die Verdichtungsgefahr bei flexiblerer Arbeit,92) könnte aber auch sehr bedeutend sein. – Spezialisierung: Damit verbunden ist die potenziell auch im Dienstleistungsbereich zunehmende Spezialisierung. Wenn die Analy- se der genauen Dauer einer E-Mail-Erledigung zeigt, dass die Dauer bei Wiederholung sinkt, so steigt die Versuchung, die Spezialisierung auch im Dienstleistungsbereich zu erhöhen. Es können „Monotonie im Dienste der Effizi- enz“93) folgen, der Job des einzelnen AN wird kleinteiliger und einfacher, für den AG poten- ziell billiger. – Entgrenzung: Die oft diskutierte durch die Digitalisierung stark begünstigte „Entgrenzung“ der Arbeit erlaubt auch eine Beeinträchtigung der privaten Sphäre.94) Wie bereits gesagt, in welchem Umfang diese Fak- toren zur psychischen Belastung der AN beitragen, bleibt zu erforschen. Es scheint auch so, als wären sich AG durchaus der Gefahren dieser Faktoren bewusst – wenn zB E-Mail-freie Zeiten garantiert werden. Auch das Niveau der Spezialisierung ist nicht mechanisch der Digitalisierung geschuldet, sondern beruht auf bewussten Management-Ent- scheidungen. Bei aller Optimierung darf die Zeit- achse nicht vergessen werden: Wenn es um die Abwägung von kurzfristigen Vorteilen gegenüber langfristigen Nachteilen geht, ist auch zu fragen, wer es sich leisten kann (und wer dafür incenti- viert ist), die langfristige Sichtweise einzunehmen. 6. Betriebsverfassungsrecht 6.1. Betriebsbegriff Die Digitalisierung hat zumindest das Potenzial, den Betriebsbegriff zu erodieren, auch im grenz- überschreitenden Kontext. Es wird oft betont, dass die Digitalisierung durch die Schaffung virtueller Strukturen die physischen 88) Daneben stellen sich Fragen des AN-Schutzes vor allem bei Formen der „entgrenzten“ Arbeit. Eine Behandlung unterbleibt hier aus Platz- mangel, näher dazu bei Risak, JAS 2017, 12 mwN. 89) Siehe zB der Hauptverband, http://orf.at/stories/2064151/; oder auf- grund von Daten der OÖ Gebietskrankenkasse R. Haider, Kranken- stände konstant niedrig – psychische Leiden nehmen zu!, http://blog. arbeit-wirtschaft.at/krankenstaende-konstant-niedrig-psychische- leiden-nehmen-zu/. Die Datengrundlagen dazu sind weitgehend in den Statistischen Handbüchern der österreichischen SV enthalten, aber nicht ausreichend transparent, um genau überprüft zu wer- den. Der Anstieg scheint sich zuletzt zumindest stark abgeflacht zu haben – das Jahrbuch 2016 zeigt gegenüber 2015 schon eher einen Rückgang im Anteil der psychischen Erkrankungen als Ursache an den Krankenständen. 90) Siehe insb in § 2 Abs 7 und 7a; § 4 Abs 5 Z 2a und Abs 6; § 60 Abs 2; § 69 Abs 1; § 81 Abs 3 Z 6; § 82a Abs 5 ASchG. 91) Veröffentlichte Daten dazu scheinen für Österreich nicht verfügbar zu sein; journalistisch für Deutschland siehe zB brand eins Heft 03 März 2017, 64 („10 Minuten für eine E-Mail, 30 für eine Rechnung“). 92) Beispielhaft dBMAS, Weißbuch Arbeiten 4.0 78. 93) Ebenda. 94) Siehe bei Risak, JAS 2017, 12.