BUCHBESPRECHUNGEN DRdA ? 2/2018 ? April 173 Reichsarbeitsministeriums zurückgreifen. Sören Eder veranschaulicht in einem instruktiven Beitrag an Hand der Ahndung von Arbeitsvertragsbrüchen die grund- legende Veränderung des Arbeitsrechts im NS-Regime und thematisiert die Rolle des „Treuhänders der Arbeit“ als nachgeordnete Behörde des Reichsarbeitsministeri- ums. Die Arbeitsverwaltung war – wie weitere Beiträge zeigen – in die Organisation der Ghettos involviert und im Übrigen wurde eine „Völkische Sozialordnung“ für ein Europa unter deutscher NS-Herrschaft propagiert. Zwar kam es zwischen den Spitzenrepräsentan- ten des Ministeriums und der Deutschen Arbeits- front immer wieder zu Konflikten, die auch zum Teil habituell bedingt auf persönliche Animositäten von Reichsarbeitsminister Franz Seldte und dem Führer der Deutschen Arbeitsfront Robert Ley sowie ihrer Vertreter zurückzuführen waren, jedoch auf mittlerer Mitarbeiterebene kaum eine Rolle spielten, wie ua der Beitrag des wohl besten Kenners der Geschichte der Deutschen Arbeitsfront Rüdiger Hachtmann veran- schaulicht. Nachdem die Deutsche Arbeitsfront durch das „Gesetz zur Ordnung der nationalen Arbeit“ die Kontrolle über die Betriebs- und Tarifpolitik an die dem Reichsarbeitsministerium unterstehenden „Reichstreu- händer der Arbeit“ verlor (wobei die These vertreten wird, dass die Deutsche Arbeitsfront – deren Mitarbei- ter an der Ausarbeitung des AOG mitbeteiligt waren – darüber sogar froh war, hatte sie doch nun infolge der staatlich administrierten Lohnpolitik Lohnsenkungen nicht zu verantworten), gelang es Robert Ley, die Kom- petenz über den sozialen Wohnbau an sich zu reißen, was allerdings mit dem Fortschritt des Krieges und der damit verbundenen Einschränkungen kaum mehr eine Rolle spielte. Reichsarbeitsminister Franz Seldte (1882-1947), der von 1933 bis 1945 das Reichsarbeitsministerium leitete, erwies sich trotz einer ihm von außen oft zugespro- chenen geringen Sachkenntnis als ein im Hintergrund agierender Koordinator, dem es – wie Alexander Nüt- zenadel in der Einleitung bemerkt – gelang, „Konflikte auszusitzen und das Ministerium so gegen Angriffe von außen zu schützen“. Der Minister konnte sich überdies auf eine loyale Beamtenschaft stützen und überließ dieser auch entsprechenden Freiraum, was allerdings an der vom Reichsarbeitsministerium mitgetragenen und mitadministrierten verbrecherischen Politik nichts ändert. Was in der vorliegenden Publikation nicht the- matisiert wird – jedoch in diesem Zusammenhang aus regionalem Interesse zu erwähnen ist (das Folgende nach Hartzmannsgruber [Bearb], Die Regierung Hitler V: 1938 [2008] 553 ff) –, sind jene Gerüchte, die im Zuge der Annexion Österreichs 1938 zum Gesprächs- thema wurden: Die Zusammenlegung des österreichi- schen Handels- und Sozialministeriums zum Ministeri- um für Wirtschaft und Arbeit wurde in Berlin als Indiz dafür kolportiert, dass dies nun auch von Hitler für das „Deutsche Reich“ geplant sei. Seldte fühlte sich denn auch sofort bemüßigt, ein umfangreiches Elaborat an Hitler zu senden, in dem er die unabdingbare Relevanz eines selbständigen Arbeitsministeriums („Sozialminis- teriums“) betonte und dies auch mit Verweis auf euro- päische und außereuropäische Staaten zu untermau- ern suchte. Wiewohl Wirtschaftsminister Walter Funk dieses Gerücht 1939 erneut zu streuen versuchte und unverhohlen Ambitionen für die Agenden des Reichs- arbeitsministeriums zu zeigen schien, beließ Hitler den Reichsarbeitsminister in seinem Amt, das allerdings im Verlauf des Krieges zunehmend Kompetenzen abgeben musste. Wiewohl hier nur einige Thematiken des instruk- tiven Sammelbandes angerissen werden konnten, so sehr darf man gespannt auf die avisierten weiteren Studien zu einzelnen Themenbereichen blicken, zumal mit der vorliegenden Publikation die Aufarbeitung der „Geschichte des Reichsarbeitsministeriums im Natio- nalsozialismus“ keineswegs abgeschlossen ist. Ab 2018 werden im Rahmen des Forschungsprojektes fünf Ein- zelmonografien zu verschiedenen Schwerpunktthemen erscheinen: So wird Ulrike Schulz über die Organisati- onsgeschichte des Reichsarbeitsministeriums 1919-1945 berichten, Swantje Greve den „Generalbevollmächtigten für den Arbeitseinsatz“ und Sören Eden die „Treuhän- der der Arbeit“ behandeln. Auf die nationalsozialisti- sche Rentenversicherungspolitik wird Alexander Klimo und auf die Reichsanstalt für Arbeitsvermittlung und Arbeitslosenhilfe Henry Marx eingehen. Die genannten AutorInnen gaben im vorliegenden Band bereits einen ersten informativen Überblick über ihr Thema. Bietet somit bereits der erste Band einer Geschichte des Reichsarbeitsministeriums im Nationalsozialismus ein eindrucksvolles und nachahmenswertes Beispiel für die historische Aufarbeitung einer ministeriellen Administration im NS-Regime, welchen man eine breite Leserschicht insb aus der Beamtenschaft wünschen würde, so darf man auf die weiteren Bände – über die DRdA berichten wird – mit Freude sehr gespannt sein. KLAUS-DIETER MULLEY (WIEN) Bundesarbeitskammer/Österreichischer Gewerkschafts- bund (Hrsg) Wohlstand der Zukunft – Investitionen für eine sozial- ökologische Wende Verlag des ÖGB, Wien 2017 208 Seiten, kartoniert, € 14,90 Die Folgen der Finanzmarkt- und Wirtschaftskrise sind in der Realwirtschaft in Europa noch immer nicht ausgestanden. In den meisten Ländern sinkt zwar die Arbeitslosigkeit, aber das Niveau ist in vielen Ländern noch immer sehr hoch. Gleichzeitig sind strategische Weichenstellungen erforderlich, die auf eine maßgeb- liche Reduktion der Treibhausgasemissionen abzielen sollen, die Reformen im Bildungssektor anstoßen und leistbaren Wohnraum schaffen sollen – um nur einige wichtige Felder zu nennen, die im vorliegenden Buch angesprochen werden. Angesichts der Herausforde- rungen wären vor allem Maßnahmen gefragt, die die Arbeitslosigkeit reduzieren, die öffentliche Daseinsvor- sorge sichern, soziale Integration und Aufstieg fördern, eine fairere Verteilungssituation schaffen und die Ener- giewende vorantreiben, um die Klimakrise zu entschär- fen. Erreicht werden sollen und können diese Ziele mit Investitionen in die Infrastruktur und durch den Ausbau sozialer Dienstleistungen. Die Notwendigkeit einer sozial-ökologischen Erneuerung sei unbestritten, der Wirtschaftspolitik in Europa gelinge es aber nicht,