INTERVIEW Leben wie in Lignano Sind die Menschen, die in den neuen Stadtentwick- lungsgebieten leben, zufrie- den? Wir haben in jedem Stadtteil mit etwa fünfzig Men- schen gesprochen. Es waren sowohl Personen, die dort leben, als auch Leute, die dort arbeiten oder nur durchgehen. Es gibt eine Grundzufrieden- heit. Die Menschen sind froh, dass sie in einem neuen, schö- nen Stadtteil wohnen. Es gibt aber Unterschiede in einzelnen Stadtteilen. Womit sind die Menschen nicht zufrieden? In unseren Befragungen ist am häufigs- ten der Verkehr vorgekommen. Wenn es zB Straßen gibt, die nur schwer zu überqueren sind, wenn geregelte Kreuzungen und Ampeln fehlen. Es gibt manchmal auch Schwierigkei- ten mit dem öffentlichen Ver- kehr, zB wenn Haltestellen weit weg sind oder die Frequenz gering ist. Nur Verkehr? Natürlich gibt es in jedem Stadtteil auch Einzelne, die sich über lautes Spielen beschweren. Andere Themen waren der Konsum von Alkohol, manchmal auch das Rauchen und die dadurch verursachte Verschmutzung. In seltenen Fällen war das Sicherheitsgefühl bei Nacht ein Thema. Was natürlich in der Kommunikation passiert, ist, dass diejenigen, die sich nicht zu Wort melden, meist zufrieden sind. Diejenigen, die etwas stört, versuchen, Gehör zu finden. Was soll die Stadt aus den Untersuchungen lernen? Wir haben gesehen, dass es im öffentlichen Raum auch darum geht, Identität zu schaffen. „Ich wohne dort!“, „das ist unser Ort, wo wir uns treffen“ ist für die Identifikation mit einem Stadt- teil enorm wichtig. Das ist in Aspern aufgrund der Seeanlage gut gelungen. Ein Befragter hat gemeint: „Ich fühle mich wie in Lignano.“ Oder die BewohnerIn- nen im Sonnwendviertel haben ihren Helmut-Zilk-Park. Auf den Bombardiergründen ist es offen- kundig, dass so ein Identifikati- onsraum fehlt. Wie schafft man Identifika- tionsräume? Bei größeren Gebieten muss das schon im Vorhinein überlegt sein. Das sind Grundsatzentscheidun- gen. Die Stadt muss dazu auch die entsprechenden Flächen kaufen, und es muss in die Masterpläne und über die Flä- chenwidmung Eingang in die städtische Planung finden. Der See in Aspern wurde auch rechtzeitig angelegt. Was ist noch wichtig? Die Stadt soll auch ein Raum sein, wo ich mich bewege, selbst- ständige Mobilität für alle Alters- gruppen ist sehr wichtig. Die Leute gehen joggen, sie wol- len Rad fahren, sie wollen sich bewegen. Man soll sich eine Stadt lustvoll aneignen können. AK Stadt · Seite 11 wien.arbeiterkammer.at/meinestadt Die Landschaftsökologin und -gestalterin Heide Studer hat mit vielen Menschen aus den neuen Stadtvierteln gesprochen. Jetzt spricht sie. tet werden, auch weil öffentliche Budgets knapper sind oder anders verteilt werden. In Vereinbarungen und Verträgen ist des- halb eine dauerhafte öffentliche Nutzung festzuhalten, die neben baulichen und tech- nischen Qualitäten soziale, ökologische und freiraumgestalterische Kriterien berücksich- tigt. Eine Konzentration auf die Interessen der Öffentlichkeit bedeutet vor allem einen Gewinn für MieterInnen und Bewohne- rInnen, aber auch für die in den Gebieten arbeitenden Menschen. Es braucht jeden- falls beides: die öffentliche Hand und die Privaten, es braucht wohnungsbezogene Frei- und Grünflächen wie stadtteilbezo- gene Infrastruktur. Kooperation einzelner Projekten Stadtentwicklungsprojekte sind keine Insel- lösungen. Eine qualitätsvolle Verzahnung mit der Umgebung dient dem gegenseitigen Nutzen. Für die Entwicklung lebenswerter, attraktiver Stadtteile ist die Kooperation zwischen den einzelnen Projekten sowie ein zielgerichtetes Management, das die Ent- wicklung begleitet und die gemeinsamen Ziele unterstützt, nötig. Öffentlicher Raum ist wertvoll, Doppelglei- sigkeiten müssen in Zukunft verhindert und Mehrfachnutzungen, wo immer sie mög- lich sind, unterstützt werden. Einheitliche Planungszielvorstellungen und Mindest- standards für die Ausgestaltung des öffent- lichen Raums sind die Basis dafür. Aber auch professionelles Management und institutionelle Unterstützung sollten einen wichtigen Beitrag zur Stadtentwicklung leisten. Ziel der Wiener Stadtentwicklung sollte es sein, einen allgemeinen Standard festzulegen, der künftig die Grundlage für eine berechenbare Qualität sicherstellt. DI.in Heide Studer, Landschafts ökologie und -gestaltung, Teilhaberin tilia technisches büro für landschaftsplanung und -gestaltung; Co-Autorin der AK Studie „Öffentliche Räume in Stadtentwicklungs- gebieten“ Um sozial nachhaltig zu bauen, muss es auch konsumfreien Raum für alle geben