INTERVIEW Alltags-ExpertInnen der Stadt Welche Konflikte tauchen bei Nachverdichtungsprojekten auf? Die Städte gehören weder Politik und Verwaltung noch lautstarken Bürgergrup- pen oder Investoren mit einsei- tigen Besitzansprüchen. Inter- essenkonflikte gibt es daher auf mehreren Ebenen: Ganz grundsätzlich gegenüber ste- hen sich Private und Wohn- baugesellschaften mit Bau- land-Besitz auf der einen und BestandsmieterInnen und Anrainende auf der anderen Seite. Immer häufiger zeigt sich auch der Konflikt zwi- schen notwendiger Sanierung und den Interessen der Altein- gesessenen, die zunehmend jegliche Veränderung im unmit- telbaren Umfeld kategorisch ablehnen. Themen sind außer- dem der Schutz allgemeiner Grünflächen, die Verteidigung von Parkplätzen und oft auch die Angst vor Zuziehenden. Die Konfliktlinien verlaufen auch zwischen Wohnversorg- ten und Wohnungssuchenden sowie wirtschaftlich zwischen möglichst hoher Rendite und der Leistbarkeit des Wohnens für Einkommensschwache. Wie lassen sich Konflikte lösen? Unabdingbare Voraus- setzungen sind Glaubwürdig- keit und Fairness sowie eine klare Linie bei Stadtplanung und Politik. Um Interessen- konflikte vernünftig lösen zu können, ist vor allem eine transparente, ehrliche Kommunika- tion der geplanten Bauvorhaben not- wendig. Weiters bedarf es einer möglichst frühzeitigen und umfassenden Information und Einbindung der Betroffe- nen. Last not least muss auch ein konkreter, nachvollziehba- rer Mehrwert für die Betroffe- nen gegeben sein. Wie können BewohnerInnen den Prozess mitgestalten? Die Bewohnerinnen und Bewohner sind die Alltags- ExpertInnen der gelebten Stadträume. Ihre Beteiligung gelingt durch frühes, alle gesellschaftlichen Gruppen einbeziehendes „Change Management“. Anlassbezoge- ne Öffentlichkeitsarbeit, wenn faktisch schon alles entschie- den ist, bringt nichts. Wie kann man sich einen Beteiligungsprozess vorstel- len? BürgerInnen an gesell- schaftlichen Entscheidungs- prozessen aktiv zu beteiligen, ist ein Grundrecht und wird sowohl von der Verfassung als auch von der Leipzig-Charta eingefordert. Sie konkretisiert das „Modell der europäischen Stadt am Anfang des 21. Jahr- hunderts“, indem sie Werte wie Mit- und Selbstbestimmung propagiert. Die Charta setzt sich für Durch mischung, sozia- le Integration und mehr öffent- lichen Raum ein. Vorgeschla- gen wird darin, dass alle Ansprüche an die Stadtent- wicklung gerecht abgewogen werden. Das ist natürlich Theo- rie. Die Praxis ist gezeichnet von den Mühen der Ebene des demokratischen Handelns. AK Stadt · Seite 11 wien.arbeiterkammer.at/meinestadt Mit seinem Team von wohnbund:consult berät, organi- siert und forscht Raimund Gutmann zu den Themen Stadtentwicklung und sozialem Wohnungsbau. sche Dienststelle, die bauliche Ergänzung als wichtigen Lösungsansatz forciert, sollte sich der Thematik annehmen. Ein optimiertes Flächenmanagement der Stadt und bei den Wohnbauträgern, eine grundsätzliche Evaluierung und Potenzial- prüfung im Falle einer Objektsanierung und die Entwicklung von nachvollziehbaren Rahmenbedingungen bei städtebaulichen Verträgen könnten erste wichtige Hand- lungsstränge zur Unterstützung gesamt- städtischer Zielvorstellungen sein. Qualität verbessern Qualitätsvolle Dichte muss das Ziel sein. Gebiete mit zunehmender Dichte müssen vor allem qualitativ gestärkt werden, wie beispielsweise durch Zielvorgaben beim Verhältnis von Wohnungsanzahl zu einem attraktiven öffentlichen Raum als Aus- gleich. Bauliche Ergänzung könnte jeden- falls einen wichtigen Beitrag zur Reali- sierung von leistbarem Wohnraum darstel- len. Es geht darum, alle Möglichkeiten zu nutzen, um dem neuen Wohnbedarf zu ent sprechen und mit ausreichend leistba- rem Wohnraum zu versorgen. Dr. Raimund Gutmann ist Firmenin haber des unabhängi- gen Büros wohnbund:consult und im Beirat der IBA-Wien – Neues soziales Wohnen sowie Coautor der AK Studie „Leistbaren Wohnraum schaffen – Stadt weiter bauen“. Argumente müssen nachvollziehbar und anschaulich kommuniziert werden. Befürchtungen ernst nehmen! Die Verbauung der Aussicht ist mit 80 Prozent bei Weitem die größte Befürchtung der Alt-MieterInnen bei Nachver dichtungen. Etwa die Hälfte gibt an, sich Sorgen zu machen, dass Kfz-Stellplatze und Grün fläche verloren gehen. 41 Prozent ängstigen sich vor Zu - ziehenden, und etwa ein Drittel mutmaßt steigende Wohnkosten. 80 Prozent