1 (1) Problemaufriss und Erkenntnisinteresse Seit Ende der 2000er-Jahre intensivieren sich die Debatten um eine einseitig verengte Wirtschaftspolitik unter Ausklammerung sozialer und ökologischer Dimensionen. Vor diesem Hintergrund gewinnt auch die Problematisierung traditioneller Kennzahlen gesellschaftlichen Wohlstands und Fortschritts sowie die Forderung nach ihrer Ersetzung bzw. Ergänzung durch alternative Indikatoren (erneut) an Bedeutung. Schließlich besteht ein enger Zusammenhang zwischen statistischen Erhebungen und politischen Entscheidungen; oder wie der Abschlussbericht der Commission on the Measurement of Economic Performance and Social Progress es prominent formulierte (vgl. Stiglitz et al. 2009: 7): „What we measure affects what we do; and if our measurements are flawed, decisions may be distorted.“ Wie in diesem einleitenden Kapitel kurz dargelegt werden soll, steht im Zentrum der Auseinandersetzung das Bruttoinlandsprodukt (BIP) als jener Indikator, der ausgehend von den 1930er-Jahren zur „mächtigste[n] Kennzahl der Menschheitsgeschichte“ (Lepenies 2013: 9; vgl. auch Fioramonti 2013: 1) avancierte. (1.1) Von der Indikatorendebatte zur Debatte um ihre mangelhafte Verankerung Vor rund zehn Jahren bereits, nämlich im Jahr 2007, gingen auf internationaler Ebene zwei Konferenzen über die Bühne, die als zentrale Ausgangspunkte jener Debatte gelten, die dann infolge der Finanz- und Wirtschaftskrise massiv an Fahrt gewann (vgl. etwa ESSC 2011: 9; STAT 2015a: 30f.): Die Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) startete bei ihrem zweiten Weltforum zu Statistics, Knowledge and Policies in Istanbul das Projekt Measuring the Progress of Societies; und die EU- Kommission organisierte gemeinsam mit dem EU-Parlament sowie einer Reihe weiterer AkteurInnen wie OECD und Club of Rome die Konferenz Beyond GDP. Im Bereich der wirtschaftswissenschaftlichen Forschung und Beratung wurde die Debatte um neue Indikatoren gesellschaftlichen Wohlstands und Fortschritts in der Folge wesentlich von der bereits zitierten Commission on the Measurement of Economic Performance and Social Progress vorangetrieben, die zu Beginn des Jahres 2008 vom damaligen französischen Staatspräsidenten Nicolas Sarkozy eingesetzt worden war (vgl. Stiglitz et al. 2009). Im Bereich der wirtschaftspolitischen Debatte und Praxis markierte eine im August 2009 seitens der Europäischen Kommission unter dem Titel GDP and beyond: Measuring progress in a changing world veröffentlichte Roadmap for Action einen