15 (3) Forschungsstand und Eingrenzung des Untersuchungsgegenstands Aufbauend auf Vorarbeiten, wie sie seit dem 17. Jahrhundert von Ökonomen wie William Petty und später vor allem von Colin Clark und Simon Kuznets unternommen wurden (vgl. etwa Lepenies 2013; Fioramonti 2013: 17ff.), avancierte die in den 1930er-Jahren entwickelte Kennziffer des Bruttoinlandsprodukts (BIP) bzw. deren Varianten (z.B. Bruttonationalprodukt, Bruttosozialprodukt) in der Nachkriegszeit zum weltweit bedeutendsten Maßstab gesellschaftlichen Wohlstands und Fortschritts. Seine Geschichte ist dabei eng mit jener der Volkswirtschaftlichen Gesamtrechnung (VGR) verbunden, als dessen Leitindikator das BIP fungiert und das heute als mehr oder weniger global durchgesetztes und international harmonisiertes System zur quantitativen Erfassung des Wirtschaftskreislaufs gilt. Beinahe ebenso lang wie die Geschichte des Aufstiegs des BIP zum zentralen Wohlstands- und Fortschrittsindikator währt – wie vielfach gezeigt wurde (vgl. etwa Chaloupek/Feigl 2012: 778ff.; Fioramonti 2013) – jene seiner Problematisierung und Kritik. So hatte bereits Kuznets, der maßgeblich an der Entwicklung des BIP beteiligt war, festgehalten, dass „the welfare of a nation can scarcely be inferred from a measurement of national income“ (Kuznets zitiert nach ebd.: 54). Einen ersten Höhepunkt erreichte die daran anschließende Debatte in den 1970er- und 1980er-Jahren. Wie Scheiblecker et al. (2011: 715) konstatieren, gingen die wesentlichen Impulse damals jedoch von der Wirtschaftswissenschaft aus, wohingegen ihr Revival während der 2000er- und 2010er- Jahre in erster Linie von der Wirtschaftspolitik vorangetrieben wurde. Durch den Ausbruch der Finanz- und Wirtschaftskrise erhielt die Debatte schließlich ab 2007, wie selbst die Europäische Kommission (2013: 4) konstatiert, zusätzlichen Antrieb: „The need for additional indicators […] has been reinforced by the crisis.“ Wie in der Wachstumsdebatte als solcher artikuliert sich so auch in der eng mit ihr verbundenen Indikatorendebatte – wenngleich häufig in indirekter und vermittelter Form – ein Bewusstsein der aktuellen Krise. In der Perspektive vieler AkteurInnen sollte diese so auch als Chance für eine Neuorientierung wirtschaftspolitischer Aktivitäten genutzt werden (vgl. Europäische Kommission 2009: 3; SVR/CAE 2010: 2; OECD 2011: 14). Die Kritik am BIP lässt sich in diesem Zusammenhang grob dahingehend unterscheiden, ob methodische Bedenken gegenüber der Erfassung gesellschaftlichen Wohlstands durch besagten Indikator geäußert oder ob dessen Adäquanz als Wohlstandsmaß grundsätzlich infrage gestellt wird (vgl. etwa Diefenbacher et al. 2010: 17ff.). Ersteres verweist u.a. auf