IFAM INFO INSTITUT FÜR AUFSICHTSRAT-MITBESTIMMUNG · NR. 2 – MAI 2010 · www.ifam-aufsichtsrat.at Eine Befragung der AK-Wien von ArbeitnehmervertreterInnen im Auf- sichtsrat zeigt erstmals, wie sich Aufsichtsratsarbeit vor dem Hinter- grund der Finanz- und Wirtschafts- krise gestaltet hat. Die Erhebung wurde von Oktober bis November 2009 durchgeführt: An der Online- Befragung haben österreichweit quer durch alle Branchen mehr als 300 ArbeitnehmervertreterInnen im Aufsichtsrat teilgenommen. An die- ser Stelle möchten wir uns bei allen ganz herzlich bedanken, die den Fragebogen ausgefüllt haben und damit erst diese Auswertung mög- lich gemacht haben. Mit der richtigen Strategie aus der Krise Die Befragungsergebnisse zeigen, dass die heimi- schen AufsichtsrätInnen beim Krisenmanagement ver- stärkt auf die Unternehmensstrategie achten: In mehr als drei Viertel der befragten Unternehmen steht der Strategiefindungsprozess ganz oben auf der Tagesord- nung. Bei den am stärksten von der Krise betroffenen Unternehmen (mit Umsatzeinbrüchen ab –20 %) sind es sogar neun von zehn Aufsichtsratsgremien die nach der geeigneten Strategie suchen. Entsprechende Marktanalysen und Marktbeobachtungen (73,5 %) so- wie die Entwicklung von Zukunftsszenarien (64,3 %) unterstützen den Strategiebildungsprozess. Aus Sicht der Belegschaftsvertretung sollte die strategische Po- sitionierung des Unternehmens nicht nur in Krisenzei- ten Priorität haben, sondern regelmäßig im Aufsichts- ratsplenum thematisiert werden. Zählt doch gemäß AktG „die Festlegung allgemeiner Grundsätze der Ge- schäftspolitik des Unternehmens“ und damit konkret Ziel- und Strategiebildung sowie Mittelbereitstellung und -zuteilung zu den elementaren Aufgaben und Pflichten der AufsichtsrätInnen. Die Krise rückt zudem ein weiteres Thema der Geschäftspolitik verstärkt in den Fokus: In zwei von drei Aufsichtsratsgremien steht die Liquiditäts- und Finanzplanung bedingt durch Auf- trags- und Umsatzrückgänge sowie der Kreditklemme im Mittelpunkt. Gerade vor dem Hintergrund der Finanzkrise erscheint es paradox, dass wichtige Themenfelder wie Risikoge- schäfte, Veranlagungspolitik oder Vorstandsvergütung in der Aufsichtsratssitzung eine sehr untergeordnete Rolle spielen: Lediglich 21,1 % der AufsichtsrätInnen diskutieren die Risikogeschäfte des Unternehmens, in gerade einmal jedem sechsten Unternehmen ist der Umgang mit Anlageformen Sitzungsgegenstand. Kein Thema im Aufsichtsrat ist zudem die Entlohnungs- struktur des Managements: In nur 12,4 % der Unter- nehmen wird über Vergütungskriterien des Vorstandes bzw. der Geschäftsführung diskutiert. Im Hinblick auf die jüngsten Entwicklungen ist gerade in diesen Fragen das verstärkte Engagement und die höchstmögliche Sorgfalt des Aufsichtsrats erforderlich, um seriöse Kontrolle zu gewährleisten. Aus der Krise lernen! Die Themen auf der „Krisenagenda“ machen deutlich, dass angesichts des schwierigen wirtschaftlichen Um- felds das Anforderungsprofil für AufsichtsrätInnen zu- nehmend anspruchsvoller wird. Fachkompetenz und AUFSICHTSRATSARBEIT IN DER KRISE – WEITER WIE BISHER? CHRISTINA WIESER, MARKUS OBERRAUTER, AK WIEN BETRIEBSWIRTSCHAFT