Während die Anwendung der Binnenmarkt- und Wettbewerbsbestimmungen bereits in den 1990er Jahren auf öffentliche Dienstleistungen wie Telekommunikation, Postdienste und Energieversorgung ausgeweitet wurden, stand bis dahin auf europäischer Ebene eine Liberalisierung des Wassersek- tors noch nicht auf der Agenda. Im Rahmen der Lissabon-Strategie aus dem Jahr 2000 änderte sich dies. Ein Teil dieser Strategie war es, die Binnenmarktvervollständigung weiter voranzutrei- ben und im Zuge dessen auch die Rolle von „Dienstleistungen von allgemeinem wirtschaftlichen Interesse“ im Wettbewerbs- und Binnenmarktrecht gezielt in den Fokus zu nehmen. In den darauf- folgenden Jahren wurden diesbezüglich von der Europäischen Kommission in zwei Richtungen Sondierungs- und Evaluierungsprozesse in Gang gesetzt (vgl. Schenner 2006; Raza 2009). Zum einen wurde die Binnenmarktvervollständigung durch die Liberalisierung der noch ausstehen- den Sektoren angestrebt. Hier erfolgte eine Evaluierung relevanter Sektoren, so auch des Was- sersektors. In diesem Zusammenhang wurde auch mehrfach die Erstellung einer eigenen Sekto- renrichtlinie für eine Liberalisierung des Wassersektors angedacht. Zum anderen wurden Son- dierungsprozesse initiiert, die den besonderen Stellenwert von „Dienstleistungen von allgemeinem wirtschaftlichen Interesse“ klären und für deren Erbringung größere Rechtssicherheit herstellen soll- ten. Mehrfach angedacht war zu diesem Zweck eine „Rahmenrichtlinie für Dienstleistungen von allgemeinem wirtschaftlichen Interesse“ (vgl. Schenner 2006: 90f). Die beiden genannten Richtlinienprojekte wurden nicht in dieser Form umgesetzt, jedoch markieren sie Zielhorizonte, in Richtung welcher Diskussionen vorangetrieben wurden und woraus Ansatz- punkte für weitere Policies entstanden. Die Ergebnisse dieser Sondierungsphase lassen sich an- hand einer Reihe von Schlüsseldokumenten (Mitteilungen, Berichten, Reden) nachzeichnen. Deren Bedeutung für eine Neuorientierung der europäischen Wasserpolitik erwächst in dieser Phase ins- besondere durch ihr Gewicht im Prozess der Themeninitiierung und des Agenda-Settings (für ge- nauere Ausführungen zum Prozessverlauf in den Jahren 2000 bis 2006 vgl. auch Schenner 2006). Der Frage, inwiefern der Wassersektor verstärkt in den Prozess der Binnenmarktvervollständigung intergriert und für mehr Wettbewerb geöffnet werden könne, wurde ab dem Jahr 2000 von der Euro- päischen Kommission in unterschiedlichen Mitteilungen und Dokumenten nachgegangen. So wird zunächst im Jahr 2000 in einer Mitteilung der Europäischen Kommission zu einer „Binnen- marktstrategie für den Dienstleistungssektor“ die Frage der Binnenmarktvervollständigung erör- tert (Europäische Kommission 2000a). Eine von der DG Wettbewerb beauftragte Studie (WRc/ecologic 2002) soll „einen Überblick über die grundlegenden Charakteristika des Wassersek- tors verschaffen“ und Optionen sondieren, wie in diesem Bereich mehr Wettbewerb eingeführt wer- den kann (Schenner 2006: 94). Aufmerksamkeit erhielten aber auch weitere Stellungnahmen, wie eine Rede des damaligen Binnenmarktkommissars Bolkestein, in der er die Dringlichkeit und Machbarkeit von mehr Wettbewerb „im“ Wassermarkt betonte, etwa auch durch den Bau pa- ralleler Leitungen (Bolkestein 2002; vgl. Schenner 2006:94).