verwendeten Differenzierungsversuche gliedert die Arbeiten zu Finanzialisierung in drei Stränge (French et al. 2011). Der zeitlich älteste Strang setzt auf der makroökonomischen Ebene des Natio- nalstaats und der Veränderungen desselben an. Der zweite Strang setzt auf einzelwirtschaftlicher Ebene der Unternehmen an und analysiert insb. die Konsequenzen des „Shareholder-Value“- Pardigmas. Schließlich nimmt der dritte und jüngste Strang insb. aus soziologischer und kulturwis- senschaftlicher Perspektive die privaten Haushalte und ihre Verhaltensänderungen (Alterssicherung, Immobilienmarkt) in den Blick. Im vorliegenden Kapitel wird unter „Finanzialisierung“ – zusammen- fassend – ein Phänomen verstanden, welches beschreibt, dass FinanzinvestorInnen (und damit die Logik der Finanzmärkte) sich an Unternehmen beteiligen, jedoch aber entgegen dem Funktionieren von mittel- bis langfristig orientierten Geschäftsmodellen eine kurzfristige Maximierung des „Share- holder-Value“ (als kurzfristige „Logik“ der Finanzmärkte bezeichnet) anstreben. Welche Konsequen- zen dies zeitigt, wird im Folgenden erörtert. Die Entwicklung der großen neun englischen Wasserkonzerne seit Anfang der 2000er Jahre stellt ein idealtypisches Beispiel für die Untersuchung der Finanzialisierung auf Unternehmens- ebene dar, die mit der Vorstellung der „Shareholder-Value“-Doktrin einhergehen. Nachdem die Privatisierung in der ersten Phase eine sehr fragmentierte und – ideolgisch gewünsch- te – „Shareholder“-Demokratie14 hervorbrachte, änderte sich dies sehr rasch als die englische Re- gierung ihre strategische „Golden Share“ 1994 aufgab (Helm und Tindall 2009). Die englischen Wasserversorger waren aufgrund ihrer Finanzkennzahlen (hohe Liquidität, kaum verschuldet mit hohen und sicheren Umsätzen) attraktive Übernahmeziele, insb. für europäische und US- amerikanische Infrastrukturkonzerne. Mit deren Einstieg ging auch ein Konzentrationsprozess auf Seiten der AnteilseignerInnen einher. Ende der 1990er Jahre begannen sich die Ertragsaussichten der neuen EigentümerInnen durch den politischen Machtwechsel (New Labour) und in dem Zusammenhang das stärkere regulatorische Durchgreifen des Regulators OFWAT zu verschlechtern (Schiffler 2015). Zudem stellte sich heraus, dass die Erwartungen, die sich die (Energie-)Konzerne in Bezug auf das neue Geschäftsfeld ge- macht hatten, zu hoch gegriffen waren (Hall et al. 2013). Dies führte dazu, dass in den 2000er Jah- ren eine zweite wesentliche Verschiebung bei den AnteilseignerInnen von den Infrastrukturkonzer- nen zu FinanzinvestorInnen stattfand (Bakker 2003b). Mit deren Auftauchen veränderten sich die Geschäftsmodelle und Praktiken ein weiteres Mal und verschoben sich in Richtung Finanzialisie- rung. Seither sind die meisten der neun englischen Wasserunternehmen im wesentlichen von Finanzin- vestorInnen kontrolliert. Von den urspünglich über die Börse privatisierten Unternehmen sind aktuell nur mehr drei an der Börse (London Stock Exchange) gelistet – diese sind Severn Trent Water, 14 Aus den Memoiren von Margret Thatcher: “Privatization (...) was fundamental to improving Britain’s economic per- formance. But for me it was also far more than that: it was one of the central means of reversing the corrosive and corrupting effects of socialism ... Just as nationalization was at the heart of the collectivist programme by which Labour Governments sought to remodel British society, so privatization is at the centre of any programme of re- claiming territory for freedom” (Thatcher 1993: 676).