61 im öffentlichen Bewusstsein zu verankern und vor allem ihr auf Austerität und neolibera- len Strukturreformen beruhendes Krisenmanagement als einzigen erfolgversprechenden Weg darzustellen. Die von Gewerkschaften, aber auch anderen zivilgesellschaftlichen Ak- teurInnen erhobenen Einwände und Hinweise auf die ausbleibenden Erfolge und die ver- heerenden sozialen Folgen dieses Krisenmanagements wurden mit dem Hinweis gekon- tert, dass die Maßnahmen eben Zeit brauchen und in vielen Fällen nicht konsequent ge- nug umgesetzt wurden. Aufgrund ihres weichen und indirekten Charakters sind die Fol- gen der Deutungshoheit der Europäischen Kommission und der EZB nur sehr schwer einzuschätzen. Sie war jedoch eine wesentliche legitimatorische Grundlage des Krisen- managements und entfaltete ihre Wirkung argumentativ auch in den Ländern, die nicht direkt von den anderen beiden Instrumenten des lohnpolitischen Interventionismus be- troffen waren. 2 AUSWIRKUNGEN AUF TARIFVERTRAGSSYSTEME UND LOHNENT WICKLUNG Seit 2011 wurde eine Mehrzahl der EU-Mitgliedsländer mit europäischen Vorgaben zur aktu- ellen Lohnentwicklung und/oder Entwicklung der Tarifvertragssysteme konfrontiert (siehe Ta- belle 1). Diese sind entweder als länderspezifische Empfehlungen im Rahmen des Europäi- schen Semesters formuliert worden oder bilden verbindliche Vorgaben der Troika gegenüber den Staaten im Rahmen finanzieller Hilfsprogramme. Tabelle 1: Europäischer Interventionismus im Bereich der Lohnpolitik, 2011–2017 1. Länderspezifische Empfehlungen im Rahmen des Europäischen Semesters Dezentralisierung der Tarifverhandlungen Belgien, Finnland, Italien, Spanien Reform/Abschaffung der automatischen Lohnindexierung Belgien, Luxemburg, Malta, Zypern Moderate Entwicklung der Mindestlöhne Bulgarien, Frankreich, Portugal, Rumänien, Slowenien Moderate Lohnentwicklung/Entwicklung der Nominallöhne im Einklang mit der realen Produktivität Belgien, Bulgarien, Finnland, Italien, Kroatien, Luxemburg, Slowenien, Spanien Lohnentwicklung im Einklang mit Produktivitätswachstum/zur Ankurbelung der Binnennachfrage/stärkeres Reallohnwachstum Deutschland, Niederlande Vermeidung zu hoher Löhne am unteren Ende der Lohnskala Schweden, Slowenien