5 B. Fragestellung  I. Das Programm des „Europäischen Paktes für sozialen Fortschritt“  Seit Jahrzehnten wird politisch und wissenschaftlich die Frage diskutiert, ob und wie die  Europäische Union nicht nur Wirtschafts? und dann Währungsunion, vielleicht auch  Wertegemeinschaft sein kann, sondern wie sie auch zu einer Sozialunion werden kann.  Lange Zeit herrschte in dieser Hinsicht ein optimistisches Szenario vor. Zugrunde lag dem die  Überzeugung, dass die Integrationsschritte im Bereich des Binnenmarktes und im Hinblick  auf einen gemeinsamen Währungsraum auch weitere substantielle Integrationsschritte im  Bereich des Sozialen (unter Einschluss von Arbeitsrecht und Tarifvertragssystem) erzwingen  würden. In dieser Phase lag es gerade für Gewerkschaften und sozialdemokratische Parteien  nahe, jedem Integrationsschritt mit Blick auf das große Ganze erfreulich entgegenzusehen,  weil hier die Auffassung bestand, dass durch jede Vertiefung auch immer die eigentlich  angestrebte Gesamtdynamik befördert würde. Diese würde am Ende zu einer Art  „Europäischen Republik“ führen, also zu einem staatlichen Gebilde, das politisch? demokratisch integriert und im Bereich des Sozialen einschlägig handlungsfähig ist. So wäre  schließlich das zwischenzeitlich auf mitgliedstaatlicher Ebene verlorene soziale  Steuerungsvermögen auf höherer Ebene wiedergewonnen.  Nach dem Scheitern des Verfassungsvertrages wurden zunächst die Etiketten von  „Vereinigte Staaten von Europa“ oder von „Europäischer Republik“ im politischen Raum  gestrichen, inzwischen sind sie auch aus der wissenschaftlichen Diskussion verschwunden.  Weiterhin hat die Auffassung an Boden gewonnen, dass die Herausbildung einer  demokratischen und sozialen Union doch keine integrationsdynamische Notwendigkeit  darstellt, sondern gravierenden Hürden begegnet. Dabei ist für aufgeschlossene Beobachter  immer klarer geworden, dass diese Hürden nicht allein und auch nicht in erster Linie auf  provinzieller Engstirnigkeit der politischen Repräsentanten der Mitgliedstaaten beruhen.  Vielmehr gründet sie in der vielschichtigen Heterogenität der 27 Mitgliedstaaten, die  ihrerseits nicht im leeren Raum, sondern im Rahmen einer globalisierten Weltwirtschaft  agieren.  Auf dieser Grundlage ist bei vielen politischen und wissenschaftlichen Beobachtern die  Einsicht gereift, dass – welche Gestalt die Union in einer ferneren Zukunft auch immer  annehmen mag – in der Gegenwart eine Politik zur Stärkung des Sozialen in der Union sich  jedenfalls immer auch darauf fokussieren muss, dass das Unionsrecht die sozialstaatlichen