9 II. Stand der Diskussion  Mit diesem Ansatzpunkt bestellt die Studie insgesamt neues Feld, auch wenn sie nicht die  einzige Stimme ist, die sich bislang zu primärrechtlichen Reformoptionen geäußert hat, mit  deren Hilfe die Problematik des Sozialen im europäischen Integrationsprozess zumindest  gemildert werden soll.   So hat Thorsten Kingreen, Rechtswissenschaftler und Professor für Öffentliches Recht,  Sozialrecht und Gesundheitsrecht an der Universität Regensburg, den Entwurf des EGB zu  einem Sozialen Fortschrittsprotokoll einer kritischen Würdigung unterzogen.11 Dieses  Gutachten hat instruktiv gewisse Schwächen des EGB?Vorschlags markiert, etwa gerade die  Entscheidung für die Form eines Protokolls anstelle der Form einer Vertragsänderung. Die  wichtigste Kritik beruht aber auf einem – vom Wortlaut des EGB?Vorschlags nahegelegten –  konzeptionellen Missverständnis, auf das unten ausführlich einzugehen sein wird.12  Weiterhin überschätzt Kingreen die Verwirklichungschancen der von ihm als Alternative  angebotenen Möglichkeit einer sekundärrechtlichen Umsetzung der Intentionen des  Protokolls. Schließlich blieb die Integrationsdynamik der Marktfreiheiten, die der  „Europäische Pakt für sozialen Fortschritt“ zurecht prominent thematisiert, in jenem  Gutachten aufgrund der Fragstellung außer Betracht.13  Darüber hinaus hat Martin Höpner, Politologe und Professor am Max?Plack?Institut für  Gesellschaftsforschung in Köln, ein Diskussionspapier vorlegt, in dem er Optionen einer  Reform des EU?Rechts unter dem Aspekt des Sozialen vorstellt und sortiert.14 Die  vorliegende Studie konzentriert sich demgegenüber auf diejenigen Reformoptionen, die  durch das Programm des Europäischen Paktes aufgegriffen wurden. Sie entwickelt diese  Optionen unter rechtswissenschaftlichem Fokus weiter. Die Analysen können darum am                                                               11 Thorsten Kingreen, Soziales Fortschrittsprotokoll, Potenzial und Alternativen, 2014, verfügbar unter  http://www.hugo?sinzheimer? institut.de/fileadmin/user_data_hsi/Veroeffentlichungen/HSI_Schriftenreihe/Thorsten_Kingreen.pdf .  12 Dazu unten D.III.1.  13 Tatsächlich ist, wie weiter unten über die Nachweise deutlich werden wird, gerade die Arbeit von Kingreen  wegweisend für die Kritik an der geltenden Konzeption der Marktfreiheiten, vgl. Thorsten Kingreen,  Grundfreiheiten, in: Bogdandy / Bast (Hrsg.), Europäisches Verfassungsrecht, 2. Auflage, Berlin 2009, S. 705 ff.  14 Martin Höpner, Grundfreiheiten als Liberalisierungsgebote? Reformoptionen im Kontext der EU? Reformdebatte, Max?Planck?Institut für Gesellschaftsforschung Discussion Paper 17/10, Köln 2017, online  verfügbar unter:  http://www.mpifg.de/people/mh/paper/Hopener2017GrundfreiheitenalsLiberalisierungsangebote.pdf