ZENTRALORGAN DES ÖSTERREICHISCHEN GEWERKSCHAFTSRUNDES 16. FEBRUAR 1953 i NR. 184 PREIS 25 GROSCHEN Vbb Der Erfolg unserer Weibeuklion: I i! Vien, ' 34.000 neue Mitglieder! Die Injektion wirkt •.. Uber die Argumente gegen das Sofortprogramm des Gewerk¬ schaftsbundes und der Arbeiter¬ kammern zur Bekämpfung der Arbeitslosigkeit war sich die Un- temehmerpresse nicht recht einig. Während ein Teil der gegneri¬ schen Blätter erklärte, die vorge¬ schlagenen Maßnahmen seien ein „Jauckerl", unsere Wirtschaft be¬ dürfe aber einer Kur, bemühte der andere Teil wieder das Gespenst der Inflation. Aber das war nutzloses Geplän¬ kel. Die verantwortlichen Stellen konnten sich den mit entsprechen¬ dem Nachdruck vorgebrachten Vorschlägen nicht verschließen. Nach einer Vorsprache dei^ Prä¬ sidien des Gewerkschaftsbundes und des Arbeiterkammertages gab Bundeskanzler Ing. Figl den Mi¬ nistern den Auftrag, unverzüglich Vorschläge auszuarbeiten. Die Kommission für den Wohnhaus - Wiederaufbaufonds bewilligte Kredite in der Höhe von 253 Millionen Schilling für den Wiederaufbau von Wohn¬ häusern. Der Ministerrat ge¬ nehmigte den Abschluß eines Kreditvertrages von 36 Millio¬ nen Schweizer Franken, das sind rund 220 Millionen Schil¬ ling, für Investitionen der Post¬ verwaltung, insbesondere zur Vollautomatisierung des Fern¬ sprechnetzes. Allerdings wurde durch die Ver¬ zögerung der Freigabe kostbare Zeit verloren, und es bedurfte mancher Interventionen, damit die Bestellungen der Postdirektion an die Schwachstromindustrie ver¬ geben werden konnten. Am 21. Jänner beschloß der Generalrat der österreichischen Nationalbank die Ermäßigung der Bankrate um ein halbes Prozent und entsprach damit dem Punkt 4 des Sofortprogramms. Am 28. Jänner hielt das Ministe¬ rium für Verkehr uncf verstaat¬ lichte Betriebe eine Konferenz der Leitungen der verstaatlichten Be¬ triebe ab, in der versichert wurde, daß die verstaatlichten Unter¬ nehmungen alles in ihrer Macht Stehende tun werden, um den gegenwärtigen Beschäftigten- stand auch weiterhin voll auf¬ rechtzuerhalten. Am gleichen Tag richtete die Sektion Industrie der Bundes¬ wirtschaftskammer an die Indu¬ strieunternehmungen den drin¬ genden Appell, Kündigun¬ gen von Arbeitern und Ange¬ stellten derzeit zu vermei¬ den. Dieser Appell entspricht dem Punkt 1 des Sofortprogrammes des ÖGB und der Arbeiterkammern. In den einzelnen Bundesländern sprachen Vertreter der Landes¬ exekutive des ÖGB bei den Lan¬ deshauptleuten vor und drangen auf entsprechende Maßnahmen. Eine zwingende Notwendigkeit Wer wagt heute guten Ge¬ wissens zu behaupten, daß es keiner Sofortmaßnahmen bedarf? Immer wieder lesen wir von Selbstmorden, deren Ursache Ar¬ beitslosigkeit ist. Wir greifen nur einen Tag heraus: Am Sonntag, dem 1. Februar, verübte ein älteres Ehepaar Selbstmord, weil der Mann seit einiger Zeit arbeitslos war. Zwei Tage vor dem Selbstmord sagte die Frau zu einem ihr bekannten Geschäftsmann: „Der Friedl und ich, wir sind überflüssig, für uns gibt es keine Arbeit mehr!” Am gleichen Tag sprang ein achtzehn¬ jähriger Bursche in die Donau, weil er seinen Arbeitsplatz als Schuhmachergehilfe verloren hatte. Der Gewerkschaftsbund und die Arbeiterkammern wollen mit (Fortsetzung auf Seite 3) Export oder Hausherrenrente? Die Forderung der Hausbesitzer nach Beseitigung des Wohnungs¬ anforderungsgesetzes, der Aufhe¬ bung des Preisregelungsgesetzes, das auch für Miefen gilt, und nach der Herstellung kostendecken¬ der Zinse hat begreiflicherweise unter den österreichischen Arbeitern und Angestellten lebhafte Empö¬ rung ausgelöst. Mit Genugtuung wurde dabei zur Kenntnis genom¬ men, daß der österreichische Ge¬ werkschaffsbund zusammen mit den Arbeiterkammern in der gemeinsamen Konferenz vom 15. Jänner diese Forderungen mit aller Entschiedenheit a b g e I e h n t hat. Die Verwirklichung der Haus¬ herrenforderungen wäre nämlich eine fühlbare Verschlechterung des Mieterschutzes, gleichsam der erste Schritt zur gänzlichen Beseitigung des Mieterschutzes überhaupt. Angesichts der wirtschaftlichen und sozialen Bedeutung, die der Mieterschutz in unserem Lande hat, wird mit dem Mieterschutz ja auch der Lebensstandard der arbeiten¬ den Bevölkerung verteidigt. Durch den Mieterschutz war und ist be¬ kanntlich der Wohnraum, von ge¬ wissen Ausnahmen abgesehen, der Spekulation entzogen. Lediglich die Frage der Untermietzinse konnte leider noch nicht befriedi¬ gend gelöst werden, da eine aus¬ reichende Kontrolle praktisch un¬ möglich erscheint. Der durch den zweiten Welt¬ krieg neuerlich katastrophale Man¬ gel an Wohnraum führte nur dank des Mieterschutzes zu keiner skru¬ pellosen Ausbeutung der Mieter. Schon in der ersten Republik hat der Mieterschutz nicht nur den sozialen Wohnhausbau ermöglicht, sondern auch eine Verbesserung der Lebensbedingungen der Ar¬ beiter und Angestellten herbeige¬ führt. Auf die heftigen Klagen der Hausbesitzer wurde oft erwidert, daß gerade sie die Inflation nach dem ersten Weltkrieg besser über¬ standen hatten als jene, die ihre Ersparnisse nicht in Häusern, son¬ dern in Sparguthaben angelegt hatten. Das Geld wurde von der Inflation völlig verschluckt, die Häuser aber blieben stehen — sie ermöglichen nur nicht mehr ein sorgen- und müheloses Leben allein auf Grund der Erträgnisse aus den Mietzinsen. Damit aber müssen sich die Hausbesitzer ab-