Willkommen beim Gewerkschaflstreffen in Wienl ArfeeJte?1uiraa,er Wli Bib •Vien. i.. f ZGNTRALORGAN DES ÖSTERREICHISCHEN GEWERKSCHAFTSBUNDES 3!. AUGUST 1953 / NR. 198 PREIS 2 5 GROSCHEN fältit mm tefofy! Rede des Herrn Bundespräsidenfen Dr. h. c.Theodor Körner anläßlich der Eröffnung des 3. Gesamtösterreichischen Gewerkschaftstreffens Am 29. August eröffnete Bundespräsident Körner mit der Enthüllung eines Anton-Hueber- Denkmales in Wien das 3. Gesamtösterreichische Ge werkschafts treffen. Werte Festgäste! Zum dritten Male finden sich in die¬ sen Tagen viele Tausende von Mitglie¬ dern der Gewerkschaften Gesamtöster¬ reichs zu einem Treffen der Freund¬ schaft und Solidarität zusammen. Es ist diesmal die Bundeshauptstadt Wipi. die-Sie gastlich empfängt, und sie wird eine volle Woche lang den freudig begrüßten Landsleuten aus allen Bundesländern Gelegenheit ge¬ ben, teilzuhaben an all den Schätzen alter Kultur, die sie treuhändig ver¬ waltet, die al jr allen Österreichern gemeinsam gehören. Es war ein schöner Gedanke, am Be¬ ginn dieses Festes in Liebe und Dank¬ barkeit jener zu gedenken, die der österreichischen Gewerkschaftsbewe¬ gung den Weg bereitet haben, auf den sie heute mit Stolz zurückblicken kann. Gerade vor sechs Jahrzehnten faßte eine kleine Gruppe energischer und vom Glauben an die Zukunft erfüllter Menschen den damals sehr kühnen Ge¬ danken, die bis dahin zersplitterten und infolgedessen machtlosen Arbeiter¬ organisationen in einer gemeinsamen Interessenvertretung zusammenzufüh¬ ren. Zur Weihnachtszeit jenes Jahres 1893 wurde die Gewerkschaftskommis- sion Österreichs gegründet, die Vor¬ läuferin jenes großen, einflußreichen Gewerkschaftsbundes, der im politi¬ schen Leben Österreichs längst unent¬ behrlich und aus ihm nicht mehr weg¬ zudenken ist. Ein Mann war es vor allem, der seine unerschöpfliche Arbeitskraft, seinen unerschütterlichen Idealismus und die ganze Größe seines Organisations¬ talents in den Dienst dieses Solidari¬ tätsgedankens stellte: Anton H u e b e r, der erste Sekretär der Gewerkschafts¬ kommission und spätere Vorsitzende des Bundes der Freien Gewerkschaften Österreichs. Wenn wir heute als Zeichen zum Beginn des großen Wiener Gewerk¬ schaftstreffens die Hülle von seinem durch Meisterhand geschaffenen Bild¬ nis fallen lassen, so bedeutet das, daß die österreichischen Gewerkschafter in diesen Tagen der Freude und der Einig¬ keit dankbar an jene zurückdenken, die in den Zeiten des Kampfes und der Zer¬ splitterung mutig ihre Fahne voran¬ trugen. Dreifach waren die Erkenntnisse, die sie den arbeitenden Menschen Öster¬ reichs als Erbe hinterlassen haben und die ihnen den Weg erschlossen, der sie aus der Machtlosigkeit zur Gleich¬ berechtigung, aus stummer Duldung zum Mitspracherecht, aus Knecht¬ schaft zur Freiheit führte. Die erste Erkenntnis betraf den Glauben an die unwiderstehliche Kraft der Einigkeit, der imstande war, über alle weltanschaulichen Unter¬ schiede hinweg die Gewerkschaften im gemeinsamen Bunde zu vereinigen. Nur wenn sie miteinander, nicht gegen¬ einander marschieren, können sie das Ziel erreichen, das allen vor Augen schwebt. Die Klarheit über dieses Ziel ist die zweite Erkenntnis: es heißt soziale Gerechtigkeit und materielle Sicherheit. Noch ist es bei weitem nicht erreicht, aber es wäre undankbar, nicht anzuerkennen, daß wir ihm in diesen sechzig Jahren um ein gewaltiges Stück nähergekommen sind. Die dritte Erkenntnis aber lautet da¬ hin, daß vermehrte Macht und verstärk¬ ter Einfluß auch höhere Verant¬ wortung mit sich bringen. Das gilt für alle jene, die sich als Verhand¬ lungspartner um die friedliche Lösung neu gestellter Probleme zu bemühen hpben. Immer wird es die Aufgabe der Gewerkschaften bleiben, mit aller Ener¬ gie für die Rechte der Arbeiter und An¬ gestellten einzutreten, ihre Lebens¬ haltung zu verbessern, ihre Arbeits¬ plätze zu sichern. Aber im demokra¬ tischen Staat, der stets das Wohl der Gesamtheit im Auge haben muß, wird kluges Maßhalten und Rücksichtnahme auf die wirtschaftlichen Gegebenheiten notwendig sein, um Nutzen zu bringen, ohne Schaden zu stiften. So hat es Anton H u e b e r, so haben es seine Nachfolger bis zu unserem lieben Freund Johann Böhm gehalten. Nicht nur die arbeitenden Menschen, das ganze Land hat ihnen dafür zu dan¬ ken, und ich als Bundespräsident be¬ nütze gern den Anlaß, diesem Dank Ausdruck zu verleihen. Möge die Harmonie, in deren Zei¬ chen dieses große Gewerkschaftstref¬ fen veranstaltet worden ist, hinüber¬ leiten in die Zeiten der vollen Freiheit, nach der alle Österreicher gemeinsam streben. Begleitet von diesem Wunsche wollen wir nun die Hülle von dem Bildnis Anton Huebers fallen lassen, und mit diesem Akt der Dankbarkeit und Pietät das Fest der Solidarität be¬ ginnen, dem bestes Gelingen beschie- den sein möge.