Vbb — Mit Bildbeilage Auch dein Nachbar gehört zu uns!* Unter dieser Parole werben wir für den Öster¬ reichischen Gewerkschaftsbund. Gib jede Nummer der „Solidarität", wenn du sie gelesen hast, an einen Unorganisierten weiter. Auch damit wirbst du für deine Organisation. Auf der letzten Seite ein großes Preisausschreiben des Österreichischen Verbandes für Sozialtourismus. 299.53S Arbeitslose! Rasche Maßnahmen erforderlich Von Generalsekretär Anton Proksch Die Entwicklung des österreichischen Arbeitsmarktes war bis zum Jahr 1951 durchaus günstig. Im Jahre 1951 betrug die durchschnittliche Arbeitslosenzahl 116.243, das Jahr 1952 verzeichnete bereits eine solche von 157.950, 1953 aber eine Durchschnittsarbeitslosenzahl von 184.604. 1951 wurden Ende September 66.970 Arbeitslose gezählt, Ende September 1953 betrug die Zahl der Arbeits¬ losen 129.214, also fast das Doppelte. Ettde Dezember 1953 wurde die bis dahin höchste Arbeitslosenzahl festgestellt: 285.323. Der Jänner 1954 überbot diese Zahl leider wieder, und wir sind bereits bei 300.000 Arbeitslosen angelangt. ? Es handelt sich nicht mehr um eine. Saisonarbeitslosigkeit, die nur das Baugewerbe betrifft, sondern eine Reihe anderer Industrien (Metall, Holz, Textilien, Leder) weisen bereits große Arbeitslosenzahlen auf. Zur Saisonarbeitslosigkeit ist die struk¬ turelle, dauernde Arbeitslosigkeit ge¬ treten. Dem Gewerkschaftsbund und den Gewerkschatten war es klar, daß rechtzeitig entsprechende Maßnahmen ergriffen werden müssen, und, bereits am 15^ Oktober vorigen Jahres hat der Vorstand des ÖGB in einer Ent¬ schließung auf die große Arbeits¬ losigkeit und die Gefahr der Ver¬ schärfung in den Wintermonaten auf¬ merksam gemacht und energische Maßnahmen verlangt. Aber nichts ist geschehen. Noch am 13. Jänner des heurigen . Jahres erklärte der Regierungschei vor den Mitgliedern der Industriel¬ lenvereinigung, daß er überzeugt sei, daß wir heuer die Arbeitslosen¬ zahlen des Vorjahres nicht ganz er¬ reichen werden, und daß dies sicherlich ein Beweis für die Kon¬ solidierung unserer Wirtschait sei. Bereits Mitte Jänner, also zwei Tage später, zeigte sich aber, daß die Arbeitslosenzahl schon höher war als zu ihrem Höchststand im Vorjahr, Ende Jänner 1953. Wieder wurden Maßnahmen ver¬ langt, aber ein Teil der Presse schwieg sich auftragsgemäß über d!ie, Arbeitslosigkeit überhaupt aus und feierte unsere günstige Lage bei der Europäischen Zahlungsunion. Aber so kann es nicht weitergehen! Es Hegt gar kein Grund vor, über die wirtschaftliche Entwicklungt Öster¬ reichs erfreut zu sein, wenn die gün¬ stige Währungs- und Außenhandels¬ lage mit einem übergroßen Heer von Arbeitslosen verbunden ist. Immer wieder muß es gesagt werden: Eine größere Arbeitslosenzahl ist sozial gesehen unerträglich und wirtschaft¬ lich ein Luxus, den sich reichere Länder als Österreich nicht leisten können und nicht leisten.wollen. In derr gemeinsamen Konferenz des Vorstandes des ÖGB und der Präsi¬ denten der Arbeiterkammern am 15. Jänner 1953 wurde der Beweis geführt, daß eine Arbeitslosigkeit, wie sie jetzt herrscht, für den Staat und die Volkswirtschaft ungeheure Verluste bedeutet. Zu den- Summen für das Arbeitslosengeld kommt der Entgang an Steuern und Sozialver¬ sicherungsbeiträgen, kommt die schwindende Konsumkraft, mit einem Wort, es ist ein Irrsinn, die Arbeitslosig¬ keit so wachsen zu lassen, wie dies jetzt geschieht. Alle Kräfte und Mittel müßten schon längst ein¬ gesetzt werden, um die Arbeits¬ losigkeit energisch zu bekämpfen, Aber nichts von dem. Länder und Gemeinden können ihre geplanten Arbeiten nicht zur Durchführung brin¬ gen, weil die Bupdrszuschüsse nicht freigegeben werden, die Aufnahme von Krediten ist durch den hohen Zinsfuß und die überflüssigen „Neben¬ spesen" äußerst erschwert. Anstatt durch billige Kredite die Schaffung neuer Arbeitsplätze anzu¬ regen, wird der Kreditzins unter allen möglichen Vorwänden hinauf¬ geschraubt. Dadurch werden Investitionen ge¬ radezu verhindert. Es liegt einzig und allein bei der Regierung und beson¬ ders beim Finanzminister, die . not¬ wendigen Maßnahmen zu treffen, be¬ ziehungsweise dem Parlament ent- (Fortsetzung auf Seite 2) Zu nichts nütze? Da kann man immer wieder aus dem Kreise der Unorganisierten, aber manchmal auchausdemMunde eines Gewerkschaftsmitgliedes die Meinung hören, die Gewerkschaft sei doch zu nichts nütze. Mit der Begründung hapert es ein bißchen, denn logische Argumente sind nicht die starke Seite dieser Besserwisser. Die Pfeile aus dem Köcher der Gewerkschaftsgegner sind verschie¬ den, entweder zielen sie darauf hin, daß die sozialen Rechte der Arbeiter und Angestellten ohnehin gesetzlich verankert sind oder daß ihre Lage schlecht sei und die Ge¬ werkschaften daran nichts ändern. Wer aber am politischen und wirtschaftlichen Geschehen nur et¬ was Anteil nimmt, wird feststelien können, daß es mit Gesetzen allein nicht getan ist. Sie müssen auch ein¬ gehalten werden. Bei den Straf¬ gesetzen sorgen Polizei und Ge¬ richte dafür. Bei den Sozialgesetzen müssen Gewerkschaft und Arbeiter¬ kammern dahinterstehen. Auch ist ein Gesetz nicht etwas, das ewig Gültigkeit behält. Es muß den ge¬ änderten Verhältnissen angepaßt und entsprechend den steigenden sozialen Bedürfnissen verbessert werden. Die solche Forderungen er¬ heben und durchzuseizen trachten, das sind wieder die Gewerkschaf¬ ten. Natürlich wenden sie sich an die politischen Parteien, und je so¬ zialer diese eingestellt sind, desto mehr schenken sie den Wünschen der Gewerkschaften Gehör. Während also die einen vermei¬ nen, daß ihre gewerkschaftliche Zu¬ gehörigkeit auf Grund der Erfolge der Arbeiterbewegung in bezug auf die gesetzliche Fundierung der Ar¬ beiterrechte nicht notwendig sei, verfallen die anderen ins Gegenteil: sie negieren überhaupt die ge¬ werkschaftliche Tätigkeit und finden in Anbetracht ihrer persönlichen schlechten Lebenslage, daß die Ge¬ werkschaften nichts leisten und auch nicht imstande seien, ihnen bessere Lebensbedingungen zu sichern. Sie übersehen oder wollen übersehen, daß es ihnen ohne Gewerkschaften viel schlechter ginge. Fast in jedem Berufszweig sichern von den Ge- 'werkschaften durchgesetzte Kollek¬ tivverträge die Mindestlöhne. Für jene Berufe, in denen kein koüektiv- vertragsfähiger Pahner gegenüber- stehf, wird die Entlohnung auf Grund des von den Gewerkschaften er¬ kämpften Mindestlohngesetzes fest¬ gelegt. Aber die Kollektivverträge sichern nicht nur Entlohnung, sie geben überhaupt die Gewähr für geordnete Arbeitsbedingungen. Natürlich kommt es, besonders im Kleingewerbe, immer wieder vor.