Vbb — Mit Bildbeilage ZENTRALORGAN DES ÖSTERREICHISCHEN GEWERKSCHAFTSBUNDES 8. MÄRZ 1954 i NR. 211 PREIS 25 GROSCHEN '!(/' Die Werbeaktion für den Österreichischen Gewerkschaftsbund vom 1. November 1953 bis Ende Februar 1954 war ein großer Erfolg. Tausende Arbeiter und Angestellte haben wieder den Weg in unsere mächtige Organisation gefunden. Das genaue Ergebnis wird in der Nummer 214 der Solidarität veröffentlicht. WIR WERBEN unter der Parole ,Auch dein Nachbar gehört zu uns‘ WEITER! ? Nun heißt es Arbeit schaffen General Fr$st hat seinen Rückzug angetreten. Nun heißt es mit aller Kraft 'schaffen. Der letzte Vorwand, daß die große Kälte viele Arbeiten im Freien unmöglich macht, ist gefallen. Die konkreten Vorschläge des Gewerk- schaftsbundes und der Arbeiterkammern zur Eindämmung der Arbeitslosigkeit müssen nun endlich realisiert werden. Nicht allein saisonbedingt _Bis 15. Februar stieg die Zahl der ' Arbeitslosen weiter um 8500 auf 308.000 an und ist mittlerweile auf 305.000 gesunken. Jetzt, im März, muß eine weitere rückläufige Bewegung ein- treten. Trotz aller Beteuerungen der Bun¬ deswirtschaftskammer, daß es sich um eine saisonbedingte Arbeitslosigkeit handelt, können die Symptome einer strukturellen Arbeitslosigkeit nicht mehr verschleiert werden. So stieg in der Eisen- und Metallindustrie die Zahl der Arbeitslosen wärend der Zeit vom 1. August 1952 bis 1. August 1953 von 13.062 auf 17.032 an. Auch in anderen Berufsgruppen erhöht sich die Arbeitslosigkeit von Winter zu Winter. . • -.-So ist in der Holzindustrie vom Februar 1952 bis Februar 1954 die Zahl der Arbeitslosen von 6682 auf 12.961 angewachsen. _ Lediglich in der Textilindustrie hat sich infolge des noch immer anhal¬ tenden hohen Warenbedarfs die Zahl der Arbeitslosen nicht so wesentlich verändert. Das ist ein Beweis, daß vermehrter Konsum ein wichtiger Faktor zur Be¬ kämpfung der ArbeitsTti-Hgkeit ist Die strukturelle Arbeitslosigi Die strukturelle Arbeitslosigkeit entsteht aus einem zum Teil- unge¬ sunden Wirtschaft-sgefüge. Sie ist in Österreich ständig im Ansteigen be¬ griffen. Es gab zur Zeit des höchsten Beschä-fügtenstandes in den Jahren 1951: 68.000, 1952: 115.000, 1953: aber schon 129.000. Trotzdem versucht man immer wieder, die steigende Arbeits¬ losigkeit als „saisonbedingt" hinzu¬ stellen. Ende Jänner 1954 wurden rund 299.000 Arbeitslose gezählt, 105.000 davon waren, durch die Saison be¬ dingt, Bauarbeiter. Es verblieben also 194.000 Nichtbauarbeiter. Rechnet man von dieser Zahl noch ungefähr 30.000 Arbeits.ose aus den ßauneben- gewerben ab, die ebenfalls als sai- - sonbedingt bezeichnet werden kön¬ nen, so verbleiben 164.000 Arbeits¬ lose, deren Berufe nur zum geringen Teil einer Wintersaison unterliegen. Diese nüchterne Zahl zeigt, daß das Gerede von der „saisonbedingten" Arbeitslosigkeit sonst nichts als eine sehr gefährliche Vogel-Strauß-Politik darstellt. Wirksame Maßnahmen . Die Winterarbeitslosigkeit steigt von Jahr zu Jahr an. Es ist selbstver- stänoüNr, daß im letzten Moment be¬ schlossene Notprogramme nur ein Tropfen atTN^unen heißen Stein sind. Das Vorziehehv von Aufträgen und Appelle an die Wirtschaft können manche Entlassungen zwar verhin¬ dern, solche Maßnahmen sind aber höchstens imstande, die Arbeitslosig¬ keit zu mildern. Zur Lösung des Problems der Saisonarbeitslosigkeit bedarf es gut erwogener und langfristiger Vor¬ kehrungen. Vor allem gehört dazu eine gro߬ zügige Arbeitsplanung in saison¬ abhängigen Wirtschaftszweigen, die es möglich macht, bei kaltem Wetter ausführbare Arbeiten hauptsächlich auf den Winter zu verlegen. Auch die bewußte Förderung von Wirtschafts¬ zweigen, die kurzfristig Beschäf¬ tigungsmöglichkeiten für Saison¬ arbeitslose bieten, ist eine wirksame Maßnahme gegen die Arbeitslosigkeit. Billige Kredite Der so wichtige Absatz der Kon¬ sumgüter und die arbeitsfördernden Investitionen können ohne billige Kredite kaum das gewünschte not¬ wendige Ausmaß erreichen. Anstatt aber die in den Banken gehorteten Spargelder zu erträglichen Zinsen der kreditsuchenden Wirtschaft zur Ver¬ fügung zu stellen, wird alles daran gesetzt, eine Herabsetzung des Zins- tußes zu verhindern. Unter der faulen Ausrede, daß man die Entwicklung der Liberali¬ sierung abwarten müsse, wurde die Senkung der Bankrate um einen Monat verschoben, ln Wirklichkeit soll die Kreditver- billigung das Faustpfand sein, mit dem die Banken und Unternehmer dia Kapitalmarktgesetze im gewünschten Sinn . durchbringen wollen. Es wäre nun höchste Zeit, daß der General- rat der Nationalbank, der sich mit der Senkung der Kreditkösten befaßt hat, endlich auch handelt und einen zweckentsprechenden Beschluß faßt. Wenn im Kampf gegen die struk¬ turelle Arbeitslosigkeit nicht ziel¬ bewußt vorgegangen wird, besteht die Gefahr, daß sie sich noch erhöht. . Hier müssen auf Grund genauer Prüfungen des Arbeitskräftepotentials vor allem in den Notstandsgebieten Dauerarbeitsplätze geschaffen werden. Ein wirksames Mittel, die Ar¬ beitslosigkeit auf lange Sicht einzu¬ dämmen, ist die Steigerung des Reallohnes. Es läßt sich theoretisch und statistisch einwandfrei nach- weisen, daß niedere Löhne eine große Nachträge nach Arbeits¬ plätzen zur Folge haben. Wenn der Reallohn aber steigt und der Verdienst des Mannes aus- reioht, seine Familie zu erhalten, wer¬ den es zahlreiche Frauen nicht mehr notwendig haben, einen Arbeitsplatz zu suchen und dadurch den Arbeits¬ markt zu belasten. Die Alten wer¬ den früher in Pension gehen, und es wird ihnen erspart bleiben, sich zu¬ sätzlich einen Verdienst zu suchen. Die Forderung, das Reallohnniveau zu erhöhen, mag manche Kreise viel¬ leicht überraschen, Aber sie ist ein sicherer Weg aus dem Chaos der Arbeitslosigkeit, der bei einigem gu¬ ten Willen auch gegangen werden kann. Das Problem der Arbeitslosigkeit in Österreich ist bestimmt nicht leicht zu lösen. Es ist aber auch nicht un¬ lösbar. Der Gewerkschaftsbund hat sich mit ihm ständig befaßt und hat sehr konkrete Vorschläge erstattet. Der Bundesvorstand hat in seiner Entschließung vom 4. Februar 1954 neuerlich betont, daß Arbeitslosigkeit kein Politikum sein dürfe. Regierung und alle verantwortlichen Stellen müssen sich zur Ausarbeitung eines Programms zur Bekämpfung der Ar¬ beitslosigkeit auf lange Sicht zusam- menünden, um diesen Feind der wirt- schaftlichen Gesundung und des sozialen Friedens endlich an der Wur¬ zel heizukommen. “ «.Iw®» •«N ?! Das Eis ist gebrochen. General Frost ist Winteraibeitslosigkeil. Nun kein Vorwand mehr für die große heißt es Arbeit schaffen. Entweder oder Von Präsident Johann Böhm Unter dem Motlo „Die Wirtschaft braucht Ruhe" sind in den der Bundes- wirtschaftskammer und dem Indu¬ striellenbund nahestehenden Tages¬ blättern verschiedentlich Artikel er¬ schienen, in denen sich die Bundes- wirtschaftskammer oder die Redak¬ tionen selbst mit den Forderungen beschäftigten, welche einige Gewerk¬ schaften erhoben haben. Die Bundeswirtschaftskainmer ist der Meinung, daß durch diese Forde¬ rungen die mit Mühe erreichte Stabi¬ lisierung unserer Wirtschatt neuer¬ dings gefährdet sei und daß damit auch alle Bemühungen um eine Sen¬ kung des Preisniveaus aussichtslos würden. Sind diese Befürchtungen gerecht¬ fertigt? Bei nüchterner Beurleilung der Sachlage muß diese Frage doch wohl verneinend beantwortet werden. In der Metallindustrie, die in der Aus¬ sendung der Bundeswirtschaftskam¬ mer neben den Bauarbeitern beson¬ ders erwähnt wird, handelt es sich um nichts anderes als um eine Nach¬ ziehung der Mindestlöhne, welche den übrigen Löhnen näher gebracht werden sollen. Im Baugewerbe sind allerdings weitergehende Forderungen erhoben worden. Aber auch zu diesen Forde¬ rungen muß man sagen, daß sie durch die geänderten Verhältnisse ausgelöst worden sind. Während in den un¬ mittelbaren Nachkriegsjahren die Bauarbeiter damit rechnen konnten, doch den größten Teil des Jahres über Beschäftigung und Verdienst zu haben, ist in der letzten Zeit, ohne daß dies unbedingt notwendig ge¬ wesen wäre, der Saisoncharakter des Baugewerbes immer mehr in den Vordergrund gerückt worden. Die Bauarbeiter sind wieder, so wie das früher einmal der Fall war, ausge¬ sprochene Saisonaibeitei geworden, ohne daß sie Saisonarbeiterlöhne be¬ ziehen würden. Die Flinweise auf die angeblich hohen ßauarbeiterlöhne, die man in der Öffentlichkeit hin und wieder antriffi, sind nämlich irreführend. Wenn ein Maurer, alsp ein qualifi¬ zierter Arbeiter, einen Stundenlohn von 6,60 Schilling bezieh), also pro Woche — wenn ihm nicht durch Regen oder Fiosl ein Arbeitsausfall enlstehl — 316,80 Schilling brutto, so kann wohl nicht von exorbitant hohen Bauarbeiterlöhnen gesprochen wer¬ den. Wenn man dabei noch berück¬ sichtigt, daß der Bauarbeiter im Laufe des Jahres einige Monate beschäfti¬ gungslos ist und sich und seine Fa¬ milie von der Arbeitslosenunterstüt¬ zung ernähren muß, so wird ein billig denkender Mensch es nicht unver¬ ständlich finden, wenn die Bauarbeiter mit ihrer Lebenshaltung unzufrieden sind. Die hauptsächlichste Forderung, welche die Bauarbeiter erheben, geht nach Verwirklichung der sogenannten Schlechtweiterregelung. Sie verlan¬ gen, daß das Risiko eines Arbeits-