ARBEIT UND WIRTSCHAFT HERAUSGEGEBEN VON ANTON HUEBER UND FRANZ DOMES REDAKTEURE! EDUARD STRAAS, VIKTOR STEIN, DR. EDMUND PALLA UND DR. J. HANNAK I. JAHRGANG 1. OKTOBER 1923 HEFT 19 STELLT EUREN MANN! Von Viktor Stein Nicht träumen, jetzt gilt es mitzuwirken mit aller Aber was sollten uns derartige Bedenken über¬ Begeisterung, mit all dem Eifer und der Ausdauer, die haupt? Der Chef der Mehrheit und der Regierung hat seit je den Gewerkschafter auszeichnen; jetzt gilt es, feierlich den unermüdlichen „Kampf dem Klassen¬ unsere ganze agitatorische und organisatorische Er¬ kampf" angekündigt. Mit großem Verständnis für fahrung, all unsere Liebe zur proletarischen Be¬ dieses höchst törichte, weil aussichtslose Beginnen wegung in den Dienst der Organisierung eines der hat er die Schaffung der antimarxistischen Einheits¬ schwierigsten und lehrreichsten Wahlkämpfe des front anzustreben begonnen, denn mit ihr hoffte er die österreichischen Proletariats, in den Dienst der Orga¬ Reste der marxistisch-revolutionären Gesetzgebung nisierung des Wahlsieges zu stellen. Noch nie war beseitigen zu können. Und diese Beseitigung wurde restlose Hingabe aller Gewerkschafter so sehr das ihm als Auftrag mit auf den Lebensweg gegeben. Von höchste Gebot der Selbsterhaltung wie jetzt. Darum den verschiedensten Auftraggebern, die den armen kann es jetzt keinen Platz geben für Erwägungen, ob Dr. Seipel schieben und drängen, während er sich als wir als Gewerkschafter nicht den Rahmen unseres Führer feiern läßt. Völkerbund, die Hausbesitzer, der geschichtlich gewordenen und von uns wohl ge¬ Bankenverband und der Hauptverband der Indu¬ hüteten und gepflegten Aufgabenkreises über¬ strie: das sind der Herren viele und keiner von ihnen schreiten. Wir müssen, also können wir, und was wir kann als besonders rücksichtsvoll in der Betreibung können, müssen wir wollen. seiner Wünsche bezeichnet werden. Aber Herr Seipel Denn dieser Wahlkampf, der am 21. Oktober hat die Aufgabe willig und wissentlich übernommen; hoffentlich mit einem gewaltigen Erfolg der Sozial¬ er glaubt der Welt beweisen zu können, daß es ge¬ demokratie enden wird (und dazu beigetragen zu nügt, die antimarxistische Einheitsfront herzustellen, haben, muß den Ehrgeiz jedes Gewerkschafters bil¬ und die ganze gesellschaftliche und wirtschaftliche den), ist kein Ringen um Mandate, kein Kräftemessen, Entwicklung seit 1914 wird rückgängig gemacht um eine bestimmte Zusammensetzung der dritten ge¬ werden. Im Klassenkampf glaubt er den Ursprung setzgebenden Körperschaft unserer Republik zu er¬ unseres Elends zu erblicken; deshalb will er ihn be¬ reichen. Es geht um mehr, um weit Größeres. Man kämpfen. Und dient dem Gedanken auf sehr ver¬ muß sich diesen Wahlkampf, der in Tagen furcht¬ worrene Art. Die antimarxistische Einheitsfront ist barster Qualen für die Deutsche Republik, in den doch nur das Eingeständnis, daß die Antimarxisten Tagen der Erschütterung des Völkerbundes, der ent¬ gemeinsame Interessen haben, die verschieden sind schiedenen Kampfansage der englischen Arbeiter¬ von denen der Proletarier und nur im Kampfe gegen partei gegen den Versaillismus abspielt, in das große diese verfochten und geschützt werden können. So Werden der neuen europäischen Ordnung hinein¬ ist die antimarxistische Einheitsfront die Bestätigung stellen, man muß sich das komische Getue unserer des Bestandes und Berechtigung des Klassenkampfes, bürgerlichen Parteien — wie lange wird man noch ist das Bekenntnis des Bürgertums zum Klassen¬ kampf, wenn auch in der dem Bürgertum genehmen dies Wort in der Mehrzahl anzuwenden haben? — die äußere Aufmachung des Wahlkampfes hinzu¬ heuchlerischen Art. Sonst führen sie ihn gegen die denken, um richtig zu erkennen, daß dieser Wahl¬ Arbeiterschaft, ohne ihn auch nur mit einer Silbe zu kampf tatsächlich nur eine Episode in dem gewaltigen nennen. Jetzt sind sie etwas aus der Rolle gefallen, historischen Ringen zwischen der zu neuer Kraft er¬ aber die Arbeiterschaft ist belehrt. Antimarxismus ist heute das Losungswort aller Ab¬ starkten Welt von gestern und dem Lager der Arbeit, der Zukunft ist. Wer könnte, ja wer wollte es ver¬ arten der Reaktion: vom Hakenkreuzlertum und antworten, in dieser Situation nachzudenken, ob die Faschistentum bis zur „bürgerlichen Demokratie"; Antimarxismus, das ist der großangelegte Versuch Gewerkschaften an dem Kampfe teilnehmen sollen oder dürfen oder nicht? Alles zeigt uns, daß wir nicht einer Generaloffensive gegen alles, was wir als Er¬ anders können, als treu und entschlossen an der Seite rungenschaft unseres siegreichen Klassenvorstoßes der Sozialdemokratie den Kampf zu führen. Damit zu buchen gewohnt sind. Daher ist der Aufruf zur wird die österreichische Gewerkschaftsbewegung nur Schaffung der antimarxistischen Einheitsfront auch im Sinne der eigenen Tradition, damit wird sie aber für die Gewerkschaftsbewegung notwendigerweise auch im Einklang mit der allgemeinen Politisierung ein Mobilisierungssignal, auf das genau geachtet werden muß. Auch die Gewerkschaften sind an der der Gewerkschaftsbewegung handeln.