ARBEIT UND WIRTSCHAFT HERAUSGEGEBEN VON ANTON HUEBER UND FRANZ DOMES REDAKTEURE: EDUARD STRAAS, VIKTOR STEIN, DR. EDMUND PALLA UND DR. J. HANNAK —————»— I. JAHRGANG 1. DEZEMBER 1923 HEFT 23 i ANSCHAUUNGSUNTERRICHT DER GESCHICHTE Von Max Adler Wir hoffen, daß die nachfolgenden Aus¬ führungen des geschützten Autors, denen wir durchaus nicht in allen Teilen beipflichten, den Ausgangspunkt einer lehrreichen Diskussion bilden werden. Die Redaktion. Die Ereignisse, die sich seit den letzten Wochen in Deutschland abspielen, müssen das Denken und Fühlen jedes klassenbewußten und revolutionären Proletariers auf das tiefste erregen. Nicht nur, weil die furchtbare und täglich noch steigende Not seiner Arbeitsbrüder draußen im Reiche ihn mit stärkstem Mitgefühl erfüllt, mit um so stärkerem, als er diese Not kennt, die er am eigenen Leibe durchgemacht hat und ihr immer noch allzu nah ist — sondern weil er darüber hinaus mit tiefer Trauer und fassungslosem Staunen zugleich erfüllt wird über die vollkommene Wehrlosigkeit und Schwäche des deutschen Prole¬ tariats. War doch dieses einst die kraftvollste Klassenkampfarmee des Weltproletariats, war doch seine Geschlossenheit, seine Kampfbereitschaft, seine Schlagkraft die stete Angst und Sorge der bürger¬ lichen Gesellschaft, der Stolz und die Zuversicht der ganzen proletarischen Internationale. Die Arbeiter¬ massen sind noch da, aber die proletarische Armc-e — wo ist sie? Den Ursachen dieser erschütternden Auflösung der proletarischen Macht in Deutschland nachzu¬ gehen ist hier weder Raum noch Veranlassung. Nur das eine sei gesagt, daß es eine sehr oberflächliche Meinung ist, in der Spaltung der deutschen Sozial¬ demokratie diese Ursachen zu sehen. Sie liegen vielmehr in ökonomischen und ideologischen Veränderungen in der Lage des Proletariats, die schon vor dem Kriege eingetreten sind, so daß sowohl der Sozialpatriotismus der Majorität im Kriege als die Spaltung nach dem Kriege bereits Folgen jener Ursachen sind. Und diese Veränderungen im in¬ nersten Charakter der Partei liefen alle in dieselbe Riefo- tung, wonach die Gegenwartsinteressen des Proletariats den Sieg davontrugen über seine Zukunftsinteressen, wonach das Interesse an der Machtgewinnung im Staate wichtiger wurde als das an der Macht über den Staat und die wohnliche Einrichtung in der bür¬ gerlichen Gesellschaft ganz und gar das Bestreben verdrängte, diese bürgerliche Gesellschaft zu über¬ winden. Es war nur ein sehr bekannter und unver¬ meidlicher psychologischer Prozeß, daß in einer Seele, die ganz und gar bloß von Gedanken und Bestre¬ bungen erfüllt war, für die unmittelbaren politischen und gewerkschaftlichen Ziele einen Gewinn heraus¬ zuschlagen, der ganze Sozialismus sich auflösen mußte in bloße parlamentarische und gewerkschaft¬ liche Taktik, in eine mehr oder minder diplomatische Interessenvertretung, so daß für die eigentliche Glut des sozialistischen Gedankens, für die Ausrich¬ tung des ganzen Menschen in einem über die heutige Welt hinausstrebenden Sinne einfach kein Raum mehr war. So kam es, daß, als eine neue Welt hätte in Angriff genommen werden können, die Menschen nicht da waren, dieses Werk auszuführen. Sozialismus ist eben nicht bloß Produkt der ökonomischen Reife, sondern verlangt auch die geistige Bereitschaft und Entschlossenheit für ihn. Und das ist nicht etwa ein Widerspruch zu unserer marxistischen Grundlehre, zur materialistischen Ge¬ schichtsauffassung, sondern nur ihre wohl¬ verstandene Konseciuenz. Denn zu jeder ökono¬ mischen Grundlage gehört ein ideologischer Überbau, in welchem erst das Bewußtsein von der Eigenart derselben entsteht, den aber jede Klasse aus ihren eigentümlichen Existenzbedingungen und Entwick¬ lungsnotwendigkeiten heraus gestalten muß. Der ideologische Überbau auf der ökonomischen Lebens- grundlajge des Proletariats, in welchem sich erst Bedeutung und Aufgaben des Proletariats erschließen, ist das revolutionäre Klassenbewußtsein und der daraus hervorgehende revolutionäre Klassenkampf. Solange das Proletariat bloß ein Klassenbewußtsein hat, das eigentlich nicht mehr ist als ein Standesinteresse, mit dem es sich zwar gegen¬ sätzlich zur herrschenden Klasse fühlt, aber dieser nur so viel als möglich für sich zu entreißen sucht, ohne das Klassenverhältnis selbst abzuschaffen, so lange lebt der Arbeiter, mag er auch noch so radikal für seine politischen und gewerkschaftlichen Rechte eintreten, noch in der bürgerlichen Welt, ist er selbst noch durchaus bürgerlich gesinnt, ist er nicht revolutionär. Revolutionär sein im Sinne des Marxismus heißt zwar sicher nicht Putsch machen, auf die Barrikaden steigen oder Maschinengewehre in Stellung bringen — das ist bis zum Überdruß wiederholt worden — aber es heißt, in seinem ganzen Denken und Fühlen ein unversöhnlicher Feind der Klassengesellschaft zu sein, so daß die Kampf-