ARBEIT UND WIRTSCHAFT HERAUSGEGEBEN VON ANTON HUEBER UND FRANZ DOMES REDAKTEURE: EDUARD STRAAS, VIKTOR STEIN, DR. EDMUND PALLA UND DR. J. HANNAK ———-————————- II. JAHRGANG 1. JÄNNER 1924 HEFT 1 ANSCHAUUNGSUNTERRICHT DER GESCHICHTE Von J. Hannak „Arbeit und Wirtschaft" ist ein Jahr alt geworden. Mit größerem Erfolg als je zuvor ist der Versuch, in Osterreich ein Sprachorgan proletarischer Wirt¬ schafts- und Gesellschaftspolitik zu schaffen, gelungen. Was immer in, den Bereich der Staats- und Volks¬ wirtschaft, der Sozialpolitik und des Gewerkschafts¬ lebens hineinfällt, was immer der Tag und Tages¬ kampf mit sich bringen mag, die Arbeiterschaft hat dazu nicht nur eine gewaltige Macht, sondern auch ein gewaltiges Machtwort in die Wagschale zu werfen. Man braucht den einen Jahrgang der „Arbeit und Wirtschaft" nur flüchtig durchzublättern, um auf den ersten Blick zu erkennen, wie vielseitig, wie bis ins Innerste (les Wirtschaftsgetriebes verästelt die Interessen des Proletariats geworden sind. Ob es nun die Reform der Bundesbahnen oder die Verbesse¬ rung der Bankkonditionen, die Frage der Auswande¬ rung, der Bevölkerungspolitik oder der Volksgesund- heit, die Elektrifizierung der Wasserkräfte, die Konzentration der Industrie, die Berufsberatung oder gewerkschaftliche, genossenschaftliche und arbeits¬ rechtliche Zeitfragen aller Art betrifft, überall hat die Arbeiterklasse ihre eigene Meinung, überall spricht sie ihr gewichtiges Wort mit, überall nimmt sie leb¬ haften Anteil an Weben und Werden der Gesellschaft. Wir wissen, daß auch das ein Stück Geschichte ist, und mehr noch: ein Stück Emanzipationskampfes der Arbeiterklasse. Der proletarische Mensch hat den ihm von der Bourgeoisie so karg zugemessenen und ängstlich mit geistigen Stacheldrahtzäunen abge¬ schlossenen Raum seines Teilnehmendürfens an der Gestaltung des Gesellschaftslebens weit überschritten. Jene genaue Dosierung proletarischer Entfaltungs¬ möglichkeiten, proletarischer Rechte, proletarischer Kultur — um kein Zentigramm mehr, als es den Herrschaftsinteressen der besitzenden Klassen ent¬ spricht, und es entspricht ihnen nur bis zu der Grenze, wo der arbeitende Mensch aufhört, ein technisch ge¬ schultes Zubehör der Technik des kapitalistischen Wirtschaftsmechanismus zu sei«, und beginnt, seine im Dienste dieses Mechanismus erworbenen Kennt¬ nisse und Fähigkeiten in den Dienst des Organismus seiner Klasse zu stellen — jene sorgsame Abriegelung proletarischen Fortschrittes, der in der „allgemeinen Wählerkurie", dem „sozial gesinnten" Unternehmer und der „neutralen" Volksbildung seinen natürlichen Abschluß finden sollte, was hatte das anderes zu be¬ deuten als den Versuch, das Herrschaftsinstrument der Bourgeoisie in dem mächtigen Untergrund der be¬ herrschten Klassen selbst zu verwurzeln? Der Ver¬ such ist gescheitert, weil er wider alle soziale und geschichtliche Logik war. Die Arbeiterklasse will sich nichts mehr dosieren und portionieren lassen, sie begnügt sich nicht mehr mit den Brocken und Abfällen, die ihr das Wirtschaftssystem des Kapitalis¬ mus hinwirft, um sie für die Bedientenrolle des Systems tauglich zu erhalten. Was sind den Arbeitern und Angestellten heute allgemeines Wahlrecht, Be¬ triebsräte, Fabrikkonstitution, Sozialversicherung, Kollektivverträge, Arbeiterkammern? Vor nicht langem noch Träume einer ungewissen Zukunft, jetzt nur mehr Sprungbrett zu einem höchsten und letzten Ziel. Die Arbeiterklasse ist eine ihrer selbst bewußte Großmacht geworden, eine Großmacht, für deren Be¬ deutung es keine bessere Folie gibt als die Tatsache, daß das letzte Mittel, welches den besitzenden Klassen im Kampfe gegen die Arbeiterklasse noch ge¬ blieben ist, nicht mehr den organischen Gesetz¬ mäßigkeiten der Wirtschaftsordnung entspringt, son¬ dern daß es, diese Gesetzmäßigkeiten bewußt ver¬ nachlässigend und die inneren Konflikte des Kapita- Iismus nur noch verschärfend, das Mittel der G e- walt ist, auf welche allein die bürgerliche Gesell¬ schaftsordnung ihren Fortbestand zu stützen trachtet. Nichts natürlicher, als daß beim Appell an das über¬ spitzte Prinzip der Gewalt der Kampf vor allem um jene Institution geht, welche die höchste Form orga¬ nisierter, weil mit dem Rechtsbewußtsein verknüpfter Gewalt repräsentiert: um den Staat. Mit Recht wird also heute auch und gerade in proletarischen Kreisen das Problem des Staates und der Machteroberung in ihm, das Problem der Aus¬ übung der Staatsmacht, der Diktatur und Demokratie immer häufiger und gründlicher diskutiert. Für die Qewerkschaften, die heute bereits ein Stück Staats¬ macht verkörpern, ein Stück, das teilweise sogar schön in der geschriebenen Verfassung verankert ist, teilweise den faktischen Machtverhältnissen ent¬ springt, wird die sozialistische Staatstheorie und Staatspraxis gleichfalls ein immer wichtigerer Be-