3 ARBEIT UND WIRTSCHAFT 4 standteil ihrer geistigen Gesamteinstellung, und gerade aus diesem unmittelbaren Ringen um die politische Macht geht die immer innigere Verkettung des Schicksals von Partei und Gewerkschaft fast zwangs¬ läufig hervor. Nun müssen wir aber hier einer Auffassung ent¬ gegentreten, welche aus Max Adlers jüngst in „Arbeit und Wirtschaft" veröffentlichtem vortreff¬ lichen Aufsatz (siehe Heft 23, 1. Dezember 1923), wie wir glauben, mit Unrecht und ohne daß es im Sinne des Autors liegt, herausgelesen werden könnte. Näm¬ lich der Auffassung, daß es im Kampfe um die Staats¬ macht nur ein Schwarz-Weiß gibt, entweder alles oder nichts! Max Adler selbst führt ausdrücklich aus, daß, obwohl es bisher Demokratie im eigentlichen Sinne des. Wortes, das heißt als Herrschaft des ganzen Volkes noch gar nicht gegeben hat, weil es noch gar kein einziges einheitliches Volk gegeben hat und geben konnte, solange es Klassengegensätze gibt, daß also, obwohl auch der „friedliche" Parlamen¬ tarismus einer demokratischen Republik seinem innersten Wesen nach Diktatur der herrschenden Klasse ist, dennoch der Begriff „Diktatur" schließlich nur ein Begriff ist, eine Hülse, in die ein jeweils ganz verschiedener Inhalt hineingegossen werden kann, ein Inhalt, den man nicht gleichgültig und einem for¬ malen Prinzip zuliebe unter allen Umständen und vollständig ausschütten darf, um ja nur die leere Hülse selbst in die Hand zu bekommen. Wir wollen das näher darlegen an dem praktischen Beispiel Österreichs, das ja einen mindest ebenso stichhältigen Anschauungsunterricht gewährt wie Deutschland. Was war denn eigentlich der letzte Sinn der bekannten Rede des Bundeskanzlers Seipel in der „Politischen Gesellschaft"? Mit der Rolle des Animiermädchens der Hakenkreuzler-Uni- versität bei den neuen Reichen aus Tarnopol ist die Mission Seipels nicht erschöpft und es hieße seiner Bedeutung unrecht tun, wollte man sie auf dieses Niveau herabdrücken. Die Idee Seipels als des be¬ wußtesten Exponenten des bürgerlichen Staatsgedan¬ kens geht in Wahrheit viel tiefer. Die Schwäche des modernen nachrevolutionären Staates ist in den Augen der Bourgeoisie sein Zuviel an Macht, sein Über¬ maß an Verpflichtung zur Macht. Daß es der soziale Staat wird, der Staat der sozialen Gesetz¬ gebung, der korporativen Geltung der Klassen, der Staat, der selber wirtschaftet und seine Arbeiter und Angestellten auf den Fuß der Parität und Gleich¬ berechtigung ihm gegenüber stellen muß, das trifft die Bourgeoisie so schwer. Denn unterwegs hat sich ihr Machtinstrument, das der Staat ja ist, so voll¬ gesaugt mit neuen Funktionen des Wirtschaftslebens, daß die alte, ursprüngliche und hauptsächliche Funk¬ tion des „Nachtwächterstaates", des bloßen Schutzes der Ordnung, also die ursprüngliche Funktion der Diktatur über die Masse der arbeitenden Menschen einigermaßen eingeengt worden ist. Gewiß, diese alte Funktion ist nicht erloschen und sie äußert sich, wie Max Adler mit Recht ausführt, in allen Formen der Demokratie und durch alle Formen der Demokratie hindurch, sei es in der Verteilung der Steuerlast, sei es in dem Aufgebot von Polizeitruppen, sei es in der Klassenjustiz, im Schulwesen oder im Eherecht, aber sie würde sich noch viel deutlicher und vehementer äußern, wenn es den besitzenden Klassen gelänge, den Staat von den „Lasten" zu befreien, die ihm im Verlauf des Emanzipationskampfes der Arbeiterklasse zu deren Gunsten aufgewälzt worden sind und die seinen Grundcharakter einer Herrschaftsorganisation der besitzenden Klassen zwar nicht aufgehoben, aber doch modifiziert und abgeschwächt haben. Indem Seipel die private Charitas und das private Mäze¬ natentum an die Stelle der sozialen Automatik des Staatswillens setzen, indem er also mittels einer weit ausholenden Konzeption den Staat von heute unter¬ graben und den Staat von gestern wieder aufbauen will, bestimmt er damit in nicht geringem Maße auch die sich daraus ergebenden taktischen Aufgaben des Proletariats, und zwar in einem Sinne, der durch die bloße Formel von der Diktatur des Proletariats durch¬ aus keine zulängliche und ausreichende Erklärung findet. So gewiß es richtig ist, daß, wenn das erste Stockwerk baufällig ist, ich darüber noch so viele an sich solid und vorzüglich gebaute Stockwerke auf¬ türmen kann, ohne daß das Haus deswegen weniger baufällig würde, so richtig es ist, daß die oberen Stockwerke erst dann gesicherten Bestand haben werden, wenn ich das erste vollständig abgetragen und von Grund und Boden aus neu aufgebaut haben werde, so falsch wäre es anderseits, die über dem ersten Stock schon errichteten neuen Stockwerke preiszugeben, weil sie bei der schwachen Unterlage ohnedies nicht zu halten seien. Ich werde mich viel¬ mehr bemühen, für die Ubergangszeit die oberen Stockwerke durch direkte Pfeiler aus dem Erdreich her recht und schlecht zu stützen, und während die Leute im ersten Stock schreien werden: „Der Über¬ bau muß hinweg, der erste Stock erträgt ihn nicht!", werde ich ihnen antworten: „Nein, i h r müßt delogiert werden, damit man den morschen ersten Stock ver¬ bauen und dem ganzen Haus eine dauernde, feste Basis geben könne!" Wir wissen, beim Kampf um die Räumung des ersten Stockes kann das ganze Haus, also auch die oberen Stockwerke, zusammenstürzen und können wir, wenn alles demoliert ist, gezwungen werden, auf wüstem Grund ganz von vorn zu be¬ ginnen. Aber ohne Not werden wir doch nicht frei¬ willig einen solchen Zustand herbeiwünschen oder gar herbeiführen helfen. Das also schreibt uns eine ganz bestimmte Taktik vor. die nicht mit einer Schablone, so unbestreitbar richtig diese unter allen Umständen auch ist, abgetan werden darf. Seipel will den Staat von heute zer¬ stören — wir auch! Aber jeder will etwas anderes daran zerstören und mit der bloßen Negation des bürgerlichen Staates ist es da nicht getan. Man muß der Negation einen positiven Inhalt geben. Seipel tut das: er will den autoritären Staat. Tun es auch wir, geben auch wir der Negation unseren positiven Inhalt: er kann kein anderer sein als der Wille zum Maximum sozialer Kraft unserer Klasse. Diese würde gefährdet, wenn wir in unserer Taktik blindlings den Staat an sich und um jeden Preis ablehnen, indem wir den absoluten Unwert alles dessen, was wir im bür¬ gerlichen Staat schließlich erreichen können, in unserer Propaganda ausschließlich in den Vorder¬ grund stellen. Das bloße Aufgehen in der Tagesarbeit, das Akkumulieren kleiner Vorteile ohne großzügige Gesichtspunkte, das war freilich das Unglück der deutschen Revolution, aber das bloße Predigen des Endzieles,.ohne sich nach deckenden Schützengräben ini Gegenwartskampf umzusehen, das war das ebenso große Unglück der russischen, ungarischen, bayri¬ schen, italienischen Revolution. Vielleicht ist es nicht ganz unbescheiden, wenn wir uns dessen rühmen, daß es gerade Österreich ver¬ standen hat, die notwendigen Klammern, die die oberen Stockwerke unserer sozialen Machtpositionen im Staate mit dem festen Erdreich unserer revolutio¬ nären Klassenkampfbewegung zusammenhalten, viel fester zu fügen als anderswo. Was unter der Be¬ zeichnung „funktionelle Demokratie" in den letzten Monaten so viel erörtert worden ist, hat seine tiefste Bedeutung vielleicht darin, daß man erkennt, wie sehr diese funktionelle Demokratie die Voraussetzung und das Mittel jeder künftigen Diktatur des Proletariats ist. Indem alle Errungenschaften, die sich das Prole-