7 ARBEIT UND WIRTSCHAFT 8 wenn auch unter anderen Bedingungen, 'heute am Rhein und an der Ruhr gekämpft wird. So war Stinnes in der Vorkriegszeit schon ein mächtiger und weitblickender Organisator, wenn er auch nicht zu den reichsten Leuten Deutschlands zählte. Er ließ sein Geld in vielen Unternehmungen spielen, die er geschickt zu be¬ herrschen verstand. Dann kam der Krieg, wo sich die Ge¬ winne der Kriegslieferanten um ein Vielfaches multi¬ plizierten, wo das Geld buchstäblich auf der Straße lag. Währenddessen Millionen Männer in den Schützengräben dahinsiechten, schaufelten einige daheim Gewinn über Ge¬ winne, füllten sich ihre Kassenschränke mit Geldzeichen, die der Finanzminister Helfferich in Massen drucken ließ. Stinnes war unter den Rüstungsindustriellen einer der rührigsten; während die Schlote seiner Zechen, seiner Eisen- und Stahlwerke rauchten, während seine Schiffe Riesenlasten auf dem Rhein zu Berg und zu Tal schleppten, organisierte er Export- und Importgeschäfte, die ebenfalls reichen Gewinn abwarfen. Daneben war dieser ruhelose Geist in Belgien und Nordfrankreich tätig, um die ver¬ lassenen Fabriketablissements wieder in Gang zu setzen oder brauchbare Gegenstände abzumontieren und nach Deutschland zu überführen. Diese Tätigkeit der Stinnes und Genossen ist dem deutschen Volke teuer zu stehen ge¬ kommen. Daneben nützte Stinnes die Zeit, um Angliederungeu vor¬ zunehmen, um seine errafften Gewinne in Sachwerten an¬ zulegen. Der Grundstock zu seinen späteren Industrie¬ konzernen wurde im Krieg gelegt. Natürlich gehörte er, wie die meisten seiner Gattung, zu den Durchhaltepoliti- kern, die von Eroberungen träumten, die iiir Machtbereich ausdehnen wollten bis zu tPen Erzbecken von Briey-Longwy, bis zu dem Welthafen Antwerpen. Sie waren es. die zur Verlängerung des Krieges am meisten beitrugen und alle An¬ näherungsversuche zunichte machten. Dann kam der Umsturz, jener Moment, wo Millionen Menschen aufatmeten, der Kriegshölle entronnen zu sein. Wo die Oberakteure außer Landes gingen: Ludendorff als ..Lindström" nach Schweden, Wilhelm II. nach Holland. Die Riesenmaschinerie des deutschen Militarismus, die Millionen¬ armee vier Jahre lang im Banne gehalten, klappte zu¬ sammen. Die Regierungsgewalt ging auf Arbeiter- und Sol¬ datenräte über. Politische Reaktionäre verkrochen sich. Zart besaitete Naturen, wie der Leiter der Hamburg- Amerika-Linie. Albert B a 11 i n, machten ihrem Leben durch Erschießen ein Ende, als die Arbeiter von der Ham¬ burger Linie Besitz ergriffen. Anders Hugo Stinnes. Er biß die Zähne zusammen — und mit einem „Trotz alledem!" auf den Lippen nahm er den Kampf auf. Es war die Periode, wo die „Sozialisicrung der Pro¬ duktionsmittel" das verheißungsvolle Wort der Stunde bildete. Leider kam derartiges nicht über schwächliche Versuche hinaus, aber Stinnes sozialisierte nach seiner Art. indem er den großen Umwertungsprozeß benützte, um Quader auf Quader zu türmen, bis die Trutzburg seiner Industriekonzerne iertig war. dieweil die Arbeiter sich die Köpfe über die Möglichkeit der Sozialisierung blutig schlugen. Stinnes war es, der mit daran arbeitete, daß der Kampf auf der Straße möglichst schnell in die Verhandlungs¬ zimmer der Arbeitsgemeinschaft zwischen Unternehmer und Arbeiter verlegt wurde, allwo die aalglatten Verhand¬ lungsstrategen ä la Stinnes im Vorteil waren. Nun ging es mit der Befestigung der Ricsenmacht des Königreiches Stinnes rüstig vorwärts. Die Deutsch- Luxemburgische Bergwerks- und Hütten-A.-G.. die Gelsen- kirchener Bergwerks-A.-G.. der Bochumer Verein für Bergbau und Hüttenbetrieb A.-G., die Elektrizitätsfirma Siemens u. Halske A.-G. nebst Siemens-Sdh.uckert und Schuckert u. Co. wurden zu einem Riesenunternehmen der Siemens-Rhein-Elbe-Schuckert-Union verschmolzen, deren Verträge bis zujn Jahr 2000 lauten. In der S.-R.-S.-U. wird alles, vom Urprodukt bis zur elektrischen Lampe, herge¬ stellt. Ausläufer über die ganze Erde machen sie zu einem der internationalsten Unternehmen. In der Hugo Stinnes- A.-G. für Seeschiffahrt und Uberseehandel, Hamburg, sehen wir eine Schiffahrtsmacht mit umfangreichem Export- und Importhandel nebst Schiffswerften und Tankanlagen empor¬ wachsen. Aus seinen Braunkohlenbergwerken in Mittel¬ deutschland entwickelt sich ein Petroleumtrust mit weit¬ gehender Organisation der eigenen Ausfuhr, der Destillation und Verarbeitung. Dieser Petroleumtrust stößt einerseits an die holländisch-englische Shell-Gruppe und anderseits an die Standard Oil. An die Papier- und Zellulosefabriken in Ostpreußen schlössen sich Wälder. Buchdruckereien, Verlagsgesellschaften, Tageszeitungen und Korrespondenz¬ büros in logischer Folge an. Die Alpine Montangesellseliaft in Österreich wird in den Konzern miteinbezogen und bildet den Mittelpunkt einer Organisation, die sich über Öster¬ reich, Ungarn und nach dem Balkan erstreckt. Hotels, Rittergüter, Kurhäuser usw. schließen den Reigen. Dies in kurzen Zügen das Reich Stinnesien. Weltreiche vergingen, Fürstentümer sanken in den Staub — der Krieg und seine Tochter, die Inflation, stampften neue Herzog¬ tümer aus dem Boden, wovon das von Hugo Stinnes das bedeutendste ist. II. Otto Wolff.- Eine so gewaltige ökonomische Revolution, wie sie der Weltkrieg im Gefolge hat, zeitigt teilweise ganz paradox klingende Resultate. So auf wirtschaftlichen Gebieten der zahlreiche Aufstieg von Händlern zu Industriellen. Wenn Stinnes einer Familie entstammte, die schon ein Jahr¬ hundert lang in der Industrie führend war. so war es nur eine logische Folge, wenn, er zu einem Großindustriellen ersten Ranges emporwuchs. Anders bei Handelsfirmen, die von der eisenerzeugenden Industrie vor dem Kriege stark abhängig waren und nach demselben zu tonangebenden Industriellen wurden. So Otto Wolff und andere. Wolff betrieb vor dem Kriege ein Eisenwarengeschäft mittlerer Güte in der rheinischen Handelsmetropole Köln. Die Göttin Fortuna, die im Kriege das Füllhorn des Reich¬ tums über so manchen ausschüttete, bedachte auch Otto Wolff, mit ihrem Segen. Dies war gewiß nichts Außer¬ gewöhnliches. Außergewöhnlich war nur, was Wolff mit dem Gewinn zu machen verstand. Doch zuvor einige Im¬ ponderabilien. die nicht gering zu dem Erfolg Wolffs bei¬ trugen. Wolff hatte einen Sozius mit Namen Otmar Strauß. Dieser wurde wie viele andere im Kriege zum Heeresdienst ein¬ gezogen. Nicht alle, die den feldgrauen Rock zu tragen be¬ rufen waren, brauchten Kriegsdienst zu vollbringen; die Schlauen unter ihnen wurden abkommandiert und kamen in Ämter hinein. Darunter auch Strauß. Er avanoierte als Abkommandierter sehr rasch, bis er im Reichsmarineamt in Berlin landete. Hier gab es neben anderem auch Ge¬ schäftsverbindungen anzuknüpfen. Namentlich die Lieferung nach der Türkei hatte er reichlich Gelegenheit zu beobachten, wobei er in nahe Beziehung zu der türkischen Gesandt¬ schaft in Berlin kam. Daß solche Beziehungen auch ge¬ schäftlich von Nutzen waren, das versteht sich am Rande. Strauß war einer von denjenigen, die sich nach dem Um¬ sturz der Revolutionsregierung zur Verfügung stellten. Er wurde die rechte Hand Erzbergers und wirkte auch in der Waffenstillstandskommission mit. In der Zeit, als in Weimar das „demokratische" Deutschland geboren wurde, ent¬ wickelte Strauß dortselbst eine lebhafte Initiative, die allerdings nach außen nicht in Erscheinung trat. Als Ge¬ heimer Regierungsrat war er dem preußischen Staats¬ kommissariat für öffentliche Ordnung zugeteilt. Unnötig zu sagen, daß in solchen Stellungen manches geschoben werden konnte, was auch den heimischen Geschäften von Nutzen war. zumal Geld reichlich zur Verfügung stand, um auch sonst verschlossene Türen mittels geheimem Druck auf¬ springen zu lassen. Indessen führte Otto Wolff das Geschäft, das mittlerweile einen, großen Umfang angenommen hatte. Er war (Jabei. die Papiermarkgewinne in reale Werte umzusetzen. Nament¬ lich Aktien von großen Eisenwerken begann Wolff aufzu¬ kaufen mit dem Ziele, diese Werke unter seine Kontrolle zu bringen. Zuerst gelang es. in den Köln-Wissener Eisen¬ werken Fuß zu fassen. Das Geschäft des Weißblechhandels war schon von jeher eine Spezialität Wolffs gewesen. Er trachtete hier nach einem Monopol, und dies nicht nur im Handel mit Wei߬ blech und ähnlichen Produkten, sondern auch in der Pro¬ duktion. Nicht lange währte es und Wolff konnte sich rühmen, 90 Prozent der Weißblechfabrikation und des Handels Deutschlands zu kontrollieren. Dem Eisenwerk Köln-Wissen folgten die Rheinischen Stahlwerke in Duis¬ burg, ein Werk, das neben großen Kohlengruben Hochöfen, Stähl- und Walzwerke besitzt und etwa 24.000 Arbeiter be¬ schäftigt. Die Rheinische Metallwaren- und Maschinen¬ fabrik (Lokomotiven, Waggon- und Maschinenbaufirma) Düsseldorf beherrscht Wolff gemeinsam mit Krupp, Essen, und der Allgemeinen Elektrizitätsgesellschaft, Berlin. Dann