11 ARBEIT UND WIRTSCHAFT 72 In Österreich lebt diese Idee unter den Postangestellten seit dem Jahre 1921. Sie erlangle starken gewerkschaft¬ lichen Antrieb aus den Ereignissen der letzten Tage. Die Bundesbahnen, ein bisher hoheitlich verwalteter Betrieb, wurden durch Gesetz vom 19. Juni verselbständigt. Die Verwaltung wurde demokratisiert, die Angestellten wurden zur Mitverwaltung zugelassen. In den Tagen, da der Streik einsetzte, setzte- sich die verwaltungstechnische Reform in eine für die Angestellten vorteilhafte Besoldungsreform um. Die Form der Autonomisierung erhielt starken gewerk¬ schaftlichen Antrieb. Diese im besten Sinne des Wortes revolutionäre Idee der Sonderstellung der Postbetriebe ist so stark, daß sie unbe¬ wußt auch nodh bei jenen Elementen wirkt, die ihr bewußt entgegenwirken wollen. Nur aus diesem Gesichtspunkt ist die dem Poststreik charakteristische Erscheinung zu ver¬ stehen, daß die Gewerkschaften aller Richtungen sich am 29. November in den Postbetrieben zu einem Aktions¬ komitee zusammenschlössen, während ebenso charakte¬ ristischerweise in der Hoheitsverwaltung die schroffe Trennung der gewerkschaftlichen Richtungen aufrecht¬ erhalten blieb. Die gewerkschaftliche Auto¬ nomisierung ging so der verwaltungstech¬ nischen Autonomisierung der Postbetriebe v o r a u s. Der gewerkschaftliche Anlaß. Was war das unmittelbare Gewerkschaftsproblem, das In diesem Kampfe zu lösen war? Die Verkehrsangestellten haben sich im Juni 1922 das Indexgesetz erstreikt. Die Regierung will es ab¬ schaffen. Da die Angestellten sich dieses Gesetz nicht kampflos entreißen lassen wollen, versucht es diu Re¬ gierung etappenweise. Die Regierung redet vor der Öffentlichkeit von den Etappen der Besserstellung der öffentlichen Angestellten, in Wahrheit sind es Etappen des Abbaues des Indexgesetzes. In der ersten Etappe (Juli 1922) wurde der Index für drei Monate suspendiert. In der zweiten Etappe, eben der Etappe, an der sich letzten Endes der Streik entzündete, sollte der Index für sieben Monate suspendiert werden. Im Juli war es den Gewerkschaften leicht, einzuwilligen, denn d'er Herbst, die Zeit der Ernte stand vor der Tür. Sie gaben sich mit einer Erhöhung der Familienzulage als Kompensa¬ tion zufrieden, Im November war es schwer, denn der Winter, die Zeit der ansteigenden Teuerungskurve war angebrochen. Hier mußte die Kompensation schwerwiegen¬ der, die Forderung radikaler sein. Die Regierung bot als Kompensation eine Gesetzes¬ vorlage. die dem untersten Beamten einen Index von l-5 Prozent, einem im Durchschnitt angenommenen unteren Beamten einen Index von 6 Prozent, einem im Durchschnitt angenommenen mittleren Beamten einen solchen von 10 Prozent, einem höheren Beamten einen von 20 Prozent und darüber kompensierte. Diese angebliche Etappe der Besserstellung der Beamten hätte leicht für einige Gruppen, und gerade für die finanziell schlechtest gestellten, eine ganz offensichtliche Schlechter¬ stellung werden können. Die Gewerkschaften konnten das nicht zugeben. Sie stellten diesem System zwei Forde¬ rungen entgegen: die Forderung nach Erhöhung der pro¬ zentualen Gehaltsvermehrungen für alle Gruppen und die Forderung nach gewissen Indexgarantien. Man kann füglich annehmen, daß die Regierung diesen Forderungen hätte Rechnung tragen können, ohne den von ihr der zweiten Etappe gewidmeten Betrag von 641 Mil¬ liarden wesentlich überschreiten zu müssen, wenn sie nicht gegen jede Demokratie verstoßen hätte. Der Gesetzentwurf wurde im Finanzministerium ausge¬ klügelt, ohne daß je eine Organisation zu Rate gezogen worden wäre. Dieser Gesetzentwurf wurde den Organi¬ sationen trotzdem nicht als Beratungsgrundlage vorgelegt. Die Regierung erklärte vielmehr, die Gesetzesvorlage sei nicht „aufs Feilschen und Schachern" eingerichtet, sie könne in „wesentlichen" Dingen, nicht abgeändert werden. Man sieht, hier kamen zwei Weltanschauungen in schroffen Gegensatz: die Idee der Regierungsautorität, die sich im Bundeskanzler personifizierte, und die Idee der Demokratie, die von den Gewerkschaften vertreten wurde. Der gewerkschaftliche Anlaß zum Streik war also Schutz gegen Teuerung, Schutz gegen Be¬ trieb s a b s o 1 u t.i s tri u s. Da die Regierung in ihrer Starrköpfigkeit verharrte, mußte der Kampf entbrennen. Er entbrannte nach drei¬ wöchigen fruchtlosen Verhandlungen am 10. Dezember um 6 Uhr früh. Die Kampfhandlung. Als Kenner aller Poststreiks aller Länder kann ich ganz wohl erklären, daß nie ein Poststreik in dieser Geschlossen¬ heit geführt worden ist. Vom ersten Augenblick an war er geschlossen und in allen seinen Wirkungen wohl organisiert. Man bedenke, daß sich dieser Streik auf 2800 über ganz Österreich verstreute Betriebe zu erstrecken hatte und auf Betriebe, die auf das tägliche Leben einen ganz empfindlichen Einfluß ausübten. Die Organisation erstreckte sich nach zwei Richtungen. Durch geschlossene Führung des Kampfes sollte der Re¬ gierung und der öffentlichen Meinung vor Augen geführt werden, daß sie einer einheitlichen Willensäußerung der Postangestellten gegenüber standen. Anderseits sollte die Öffentlichkeit nicht verbittert werden, ihr Verständnis für die Argumente der Streikenden sollte geweckt werden. Diesem letzteren Zwecke diente ein wo'hlorganisertjer Pressedienst. Der Streik als Kampfhandlung war ein unbestrittener glänzender Erfolg. Anders das Ergebnis. Das Ergebnis war ein Kompromiß. Der Abschluß. In der Nacht vom 12. auf den 13. Dezember wurden die Kompromißformeln gefunden. Dem Indexproblem kamen die Gewerkschaften von zwei Seiten bei. Die Regierung mußte erklären, sie werde vor Ablauf des Gesetzes neue Besoldlrngsverhandlungen ein¬ leiten, „wenn die Erhöhung der Kosten der Lebenshaltung in einem Ausmaß erfolgen sollte, die hinausgehe über das Ausmaß jener Preisbewegung, die sich im Wechsel der Jahreszeiten ergebe und sich im Verlauf eines Jahres wieder auszugleichen pflege". Die Suspendierung des Index erstreckt sich also nicht auf die Weltmarkt¬ teuerung und nicht auf die Sanierungs¬ teuer u n g, die aus der Erhöhung der Steuern und Zölle, Mietzinse usw. etwa erfolgen kann. Außerdem wurde eine finanzielle Besserstellung durch eine lineare Weihnachtsauszahlung von 70.000 K erreicht und schließlich mit Wirkung vom 1. Jänner 1924 ein Prämiensystem erreicht, das einerseits die Angestellten an dem wirtschaftlichen Ertrag der Betriebe interessieren, anderseits eine bessere Besoldungsgrundlage schaffen soll. Schließlich wurde Klarheit über die dritte endgültige Etappe geschaffen. Diese dritte Etappe soll in ressort¬ mäßigen Verhandlungen vor beraten werden (man merkt sogleich die Wirkung der Idee der Sonderstellung und den demokratischen Fortschritt) und soll nach Be¬ endigung der Beratungen sofort in Wirkung treten, also vor dem Ablauf des Besoldungsgesetzes, das mit 1. Juni 1924 befristet ist. Ein Kompromiß? Gewiß, aber ein für die Gewerkschaften gesundes und annehmbares Kompromiß. A u s k 1 a n g. Jedermann weiß, daß der Ausklang des Streiks un¬ harmonisch war. Der Donnerstag des 13. Dezember wird kein Ehrentag der österreichischen Gewerkschaftsbewegung bleiben. Trotzdem der oben geschilderte Abschluß von den Unterhändlern aller Gewerkschaften gutgeheißen worden war, gingen die Massen der Organisierten am 13. Dezember je verschiedene Wege. Während die Vertrauensmänner der Postgewerkschaf.t den Abschluß einstimmig guthießen, be¬ schlossen die Vertrauensmänner der Technischen Union die Fortsetzung des Streiks. Die Blätter, für die ich diese Zeilen schreibe, sind nicht geeignet, die Plattform für eine Polemik zwischen zwei freien Gewerkschaften abzugeben. Ich will sie meiden. Immerhin, im Interesse der gesamten Gewerkschafts¬ bewegung soll der gewerkschaftliche Grundsatz hervorge¬ hoben werden, der in diesem Falle zur Debatte steht. Er ist so einfach, daß er gar nicht in Frage gestellt werden darf. Er lautet: Wenn die Unterhändler zweier Gewerkschaften mit dem¬ selben Arbeitgeber einen gemeinsamen Vertrag eingehen, darf keine der beiden Gewerkschaften diesen Vertrag ein¬ seitig erweitern, ändern oder brechen. Keine der beiden Gewerkschaften darf also den gemeinsam begonnenen und beendeten Streik ohne Einwilligung der anderen für eigene Forderungen fortsetzen.