41 ARBEIT UND WIRTSCHAFT 42 Stenum werde den Willen der freien Gewerkschaften, die auch im Staat und in der Wirtschaft etwas darstellen, mehr als bisher in Berücksichtigung ziehen. Klagen ähnlicher Art sirtd auch auf anderen Gebieten der Regierungspolitik zu verzeichnen. Auf organisatorischem Gebiet brachte das verflossene Jahr trotz aller Schwierigkeiten eine Stärkung der Gewerk¬ schaften, zahlenmäßig, materiell und moralisch. Dies wird in diesem Blatt noch besonders zu zeigen sein. Der Ge¬ werkschaftskongreß vom Juni 1923 bildete eine Heerschau ansehnlichster Art; er legte die Anschauungen der Gewerk¬ schaften in verschiedenen Fragen fest. Die Tätigkeit der Gewerkschaften im neuen Jahr wird sich der des abgeschlossenen Jahres anschließen: Lohn- und Gehaltabmachungen, Festigung der Sozialpolitik und der Kulturarbeit in den Massen. Dabei sei der Erwartung Raum gegeben, es werde in diesem Jahr gelingen, dem Beschluß des letzten Gewerkschaftskongresses gemäß die Organi¬ sationen zu größeren und noch leistungsfähigeren Gebilden zusammenzuschweißen. Auf diesem Gebiet konnte im ver¬ flossenen Jahr ein sichtbarer Erfolg nicht gebucht werden. Freilich hat es an Bestrebungen, solcher Art nicht gefehlt, nur sind fertige Abschlüsse nicht in die Öffentlichkeit ge¬ kommen. Doch dies soll nun eintreten. Vorarbeiten und Be¬ ratungen sind genügend erfolgt. Zum mindesten könnte eine Zusammenlegung und damit Stärkung der Fachpresse ohne sonderliche Schwierigkeiten sofort erfolgen. Dieses Blatt wird nicht müde werden, ein Verfechter derartiger Ge¬ danken zu sein, und schon aus wirtschaftlichen Gründen für eine einheitlichere Gestaltung des gewerkschaftliehten Apparates eintreten. * ** Lohnverträge. Die Arbeiterschaft der Ledergalanterie¬ branche 'hat einen neuen allgemeinen Kollektivvertrag mit zehnprozentiger Lohnerhöhung erkämpft. Bei den Ver¬ handlungen drehte es sich hauptsächlich um die Frage der Beibehaltung der sogenannten kleinen Feiertage. Sie bleiben aufrecht. Die Arbeitsvermittlung ist eine paritätische ge¬ worden. Der neue Vertrag gilt bis Ende August 1924. — Die Buchbinder haben in Salzburg einen Zusatzvertrag für alle selbständigen Buchbindereien in Osterreich abgeschlossen (6. November 1923); auch eine gemeinsame Kommission zur Schlichtung von Differenzen ist vorgesehen. Der große Konflikt der Metallarbeiter in Steiermark ist beigelegt worden, das Ergebnis soll noch gewürdigt werden. Mit den Bergarbeitern, steht es nach wie vor auf dem toten Punkt. Die Stockdrechsler Wiens haben im Ok¬ tober eine Loimverbesserung von zehn Prozent, die Knopf¬ drechsler von zwölf Prozent erkämpft. Gewerkschafter im Parlament.. Die unter diesem Titel kürzlich hier aufgezählten 32 Gewerkschafter bedürfen noch einer Ergänzung. Aus Vorarlberg ist noch Genosse Her¬ mann Herr in a n n zu nennen und aus Steiermark Ge¬ nosse Anton Ebner, der im Holzarbeiterverband als Gau¬ leiter tätig ist. — Im Sozialpolitischen Ausschuß des Parla¬ ments sitzen folgende Gewerkschafter: Hueber. Boschek. Wiedenhofer, Pick, Allina, Widholz und Smitka. Die Kleinbauern. Häusler und Pächter haben im Rahmen der sozialdemokratischen Fraktion eine sechs Mann starke Untergruppe zur besonderen Verfechtung landarbeiterlicher Interessen geschaffen und sich ein parlamentarisches Aktionsprogramm zurechtgelegt. Von der Gewerkschaftspresse. Die gewerkschaftliche 'Fachpresse hat mit dem Jahreswechsel einige Änderungen zu verzeichnen. Der „Metallarbeiter", das Organ mit der größten Auflage von allen Blättern in Österreich, erscheint mit dem Eintritt in den 34. Jahrgang wieder wöchentlich. Das Fachblatt der Bergarbeiter erscheint gleichfalls wieder allwöchentlich. — Das Fachblatt der Maschinisten und Heizer ist in gefälligem Format, nun im 28. Jährgang stehend, wieder für den österreichischen Verband allein erschienen, während es bisher mit dem deutschen Blatt vereint war. Die deutschen Maschinisten der Tschecho¬ slowakei haben an dem Blatt der österreichischen Kollegen einen entsprechenden Anteil. Seit 1. November 1923 er¬ scheint der „Österreichische Maschinist und Heizer" in Wien, vier Seiten stark, vierzehntägig, Genosse Georg Harupin ist Redakteur. — Das Eisenbahnerfachblatt konnte vor kurzem auf seinen dreißigjährigen Bestand blicken. Die Schrecknisse und Beschwerden der Griindungszeit (No¬ vember 1893) wurden aus dem Anlaß den Lesern vor Augen geführt. — Die „Verbandszeitung", das Organ der Arbeiter¬ schaft der chemischen Industrie, erhielt vor einiger Zeit in dem Genossen Karl K o I b einen neuen Redakteur. — Als „Republikanischer Schutz" ist ein neues Blatt in schmuckem Gewand erschienen (großes Format, vierspaltig mit Text¬ bildern, Karikaturen der Tagesereignisse). Die Schrift nennt sich Wochenblatt für die Interessen der öffentlichen Angestellten. Sie ist ein Kampforgan der Sicherheitsorgane (Gendarmerie, Wachebeamten usw.). Es sind bisher elf Nummern erschienen. Redakteur ist Martin Neuhof er, Eigentümerin ist die Verlagsanstalt für öffentliche Ange¬ stellte G. m. b. H. Das Blatt ist zu beziehen in Wien V, Rechte Wienzeile 97, und kostet als Einzelnummer 800 K, vierteljährlich 9000 K. — Die Re¬ daktion des „Staatsarbeiter" wird jetzt von Genossen Josef Fischer geführt. — „Der freie Gewerkschafter", das Mitteilungsblatt des Kreises Steiermark des Bundes der lndustrieangestellten, hat mit Nummer 3, 1. Jahrgang, sein Format verbreitert. Hauptversammlungen. Der Verbandstag der Versiche¬ rungsangestellten wurde am 8. Dezember abgehalten. Aus den Verbänden. Die Schuhmacherorganisatiou hat sich durch den Ankauf des Hauses Märzstraße 40 in Wien ein eigenes Heim erworben. Heimarbeit. Die Heimarbeit im Tapezierergewerbe ist in unheimlichem Zunehmen begriffen und bereitet dem Holz¬ arbeiterverband manche Sorge. Dies ist auf den Umstand zurückzuführen, daß viele kleine Meister ihr Geschäft ohne Gehilfen betreiben, für größere Firmen arbeiten, dadurch soziale Verpflichtungen ersparen und den Gehilfen durch Lohndruck Konkurrenz machen, obendrein auch keine Ar¬ beitszeit einhalten. Dadurch sind auch die Interessen der Gewerkschaft geschädigt, denn Arbeitslosigkeit und Unter¬ bieten der Gehilfenforderungen sind die weiteren Folgen. 1200 Meistern stehen 600 Gehilfen (in Wien) gegenüber. Kalender. Einer langjährigen Gepflogenheit folgend, ist auch diesmal wieder anläßlich des Jahreswechsels eine Anzahl Kalender, meist im Taschenformat, erschienen. Die verschiedenen Verbände als Herausgeber haben dabei den Bedürfnissen, der Mitglieder Rechnung zu tragen versucht und neben allgemeinen Angaben, Nachrichten und Mit¬ teilungen auch facliteclmische Aufsätze, Organisations¬ beschlüsse und Regeln als lehrreichen Inhalt des Kalenders gewählt. Daher sind diese Kalender praktisch und empfehlenswert, eben deshalb erfreuen sie sich großer Beliebtheit. Da ist zuerst ob seiner besonderen Ausstattung der „Freie Landbote" zu nennen, den der Landarbeiter¬ verband herausgibt. Der diesjährige Bote hat seinen Vor¬ gänger hinsichtlich Ausstattung und Inhalt vorteilhaft über¬ troffen. Er bietet ausgewählten belehrenden und unter¬ haltenden Stoff und enthält auch organisatorische Mit¬ teilungen. Der Textilarbeiter-Notizkalender ist eine alte literarische Gabe der Textilarbeiterunion für den Weih¬ nachtstisch. Der Holzarbeiter-Kalender kann gleichfalls auf Jahre des Erscheinens zurückblicken. Der Kalender der Bundes- und lndustrieangestellten ist wie immer schmuck¬ voll geraten. Den diesjährigen vierten Jahrgang macht eine vorzügliche Darlegung des Angestelltenrechtes von Prot. Grimberg wertvoll. — „Technisches Jahrbuch" nennt sich ein neuer. 90 Seiten starker Taschenkalender des Zentral¬ verbandes der Maschinisten; es bietet manche gute wissen¬ schaftliche Abhandlung, spricht von Verhaltungsmaßregel» bei Unfällen, enthält das Adressenverzeichnis der Organi¬ sation und die Unterstützungseinrichtungen. — Der Taschenkalender der Sattler, Taschner und Riemer ist gleichfalls wieder in gediegener Ausführung erschienen. — Mögen diese Kalender in den Reihen der Gewerkschafter viele neue Freunde finden. Genossenschaftsgründung. Die Kleinhäusler und Pächter haben innerhalb des Landarbeiterverbandes eine landwirt¬ schaftliche Genossenschaft gegründet, um landwirtschaft¬ liche Geräte, Gespanne, Maschinen, Sämereien und Dünger gemeinsam einkaufen sowie Erzeugnisse verwerten zu können. Vorstand ist Genosse M o r a w i t z. Gewissensfreiheit. Die Fuldaer Bischofskonierenz hat es den Katholiken verboten, den freien Gewerkschaften anzu¬ gehören, wer dies dennoch tut, ist zum Sakramentsempfang nicht zuzulassen. Mit solchen mittelalterlichen Mitteln wirbt man also für die christlichen Gewerkschaften und vermeint, dadurch den freien Gewerkschaften zu schaden. Vergeb¬ liches Bemühen!