47 ARBEIT UND WIRTSCHAFT 48 duell scheint aber Max Adler ganz entschieden die Ober¬ hand zu behalten. In die Enge getrieben, muß sich Kelsen entschließen, von Marx zu Lassalle zu flüchten, und baut seine Polemik gegen die Staats t h e o r i e des M a r x i s- rn u s darauf auf, daß er die staatspolitische Praxis der Marxisten auf der Abkehr von Karl Marx ertappt haben will. Er kleidet diesen Gedanken in die glitzernde Formel: Zurück zu Lassalle! Aber selbst wenn dem so wäre, wäre damit noch immer nicht gegen Marx, sondern höchstens gegen die Marx-Schüler ein Beweis erbracht. Indes ist schon dies eine Schwäche der Kelsenschen Abhandlung, die Kon¬ zeption der Tagespolitik etwa eines Otto Bauer kühn 'her¬ auszulösen aus dem Zusammenhang der noch viel tieferen Konzeption von Bauers theoretischer Gesamtanschauung. Wie zwischen Marx und Lassalle, so wird auch zwischen dem Theoretiker Bauer und dem Praktiker Bauer der spitzfindigste Jurist nicht ein Auseinanderfallen der letzten Ziele zu konstruieren vermögen. Da bleibt alle Mühe um¬ sonst. Ebenfalls im C. L. Hirschfeld-Verlag — als Sonder¬ abdruck aus dem letzten Heft des Grünberg-Archivs — hat Karl K o r s c h seine Arbeit über „Marxismus und Philo¬ sophie" erscheinen lassen (Leipzig 1923, 71 Seiten). Sie ist eine philosophische Rechtfertigung der bolschewistischen Theorie. In konzentrierterer Form vorgebracht als in dem langweilig breitspurigen Buch von Georg Lukäcs: Ge¬ schichte und Klassenbewußtsein (Malik-Verlag, Berlin 1923, siehe „Arbeit und Wirtschaft", 1, Heft 15, Spalte 579), ist sie auch geschmackvoll zurückhaltender, läßt aber eben¬ falls zahlreicheBedenken bestehen. Bei dieser Gelegenheit muß auf den Umstand hingewiesen werden, daß im Gefolge der Militärdiktatur in Deutschland ein Verlag gewaltsam gesperrt worden ist, der neben vielem sehr Anrüchigem auch manches Verdienstvolle auf dem Gebiet der sozialistischen Publizistik hervorgebracht hat. Es ist die kommunistische „Vereinigung Internationaler Verlagsanstalten", welcher ihre in der vorigen Nummer der „Arbeit und Wirtschaft" kritisdh beleuchtete Schlageter- Broschüre nichts genützt hat. Weit entfernt davon, daß die Schlageter-Leute von solchen Liebesbeweisen sich hätten rühren lassen, haben sie es dem Verlag vergolten, daß er neben diesem Schlageter-Schund auch sehr gut redi¬ gierte und wohlfeile Ausgaben der kleineren Schriften von Marx veranstaltet hat, daß er sich vor allem die Heraus¬ gabe der Werke von Rosa Luxemburg und Mehring an- Beitragsleistung an die Gewerkschaftskoinmission. Die Vorständekonferenz der österreichischen Gewerk¬ schaften vom 7. Dezember 1923 hat beschlossen, der Beitrag an die Reichsgewerkschaftskommission habe ab 1. Jänner 1924 30 K pro Woche für jeden an die Verbände geleisteten Wochenbeitrag beziehungsweise 130 K pro Monatsbeitrag zu betragen. Dies diene den Leitungen der freien Gewerk¬ schaften Österreichs zur Kenntnisnahme. Sitzungen der Gewerkschaftskommission. Die achte Sitzung der Reichsgewerkschaftskommission vom 8. November 1923 beschäftigt sich auf Grund schrift¬ licher Mitteilungen mit den Lohnbewegungen der Industrie- angestellten, des Bergarbeiterverbandes und der Metall¬ arbeiter. Die Mitteilungen werden zur Kenntnis genommen. Ein Bericht des Allgemeinen deutschen Gewerkschafts¬ bundes Berlin über die Situation in Deutschland wird nach längerer Aussprache zur Kenntnis genommen und den Ge¬ werkschaften empfohlen, ihre Aktionen fortzusetzen. Der schon mehrmals behandelte Konflikt zwischen zwei Ver¬ bänden wegen der Vertragsverhandlungen für Konsumver¬ einsbedienstete wird durch efnen einstimmig gefaßten Be¬ schluß der Kommission entschieden. Das Ansuchen der tschechischen Genossen in den österreichischen Gewerk¬ schaften, dem häufigeren Erscheinen -der Zeitschrift „Od- borar" zustimmen zu wollen, wird einer Konferenz der be¬ teiligten Verbände befürwortend unterbreitet: über Wunsch der tschechischen Vertrauensmänner wird Genosse Wessely als Vertreter der Vertrauensmänner zu deren gelegen sein ließ. Zur Charakteristik der gegenwärtigen Schandwirtschaft in Deutschland liefert auch diese Schließung eines Buchverlags durch Militärgewalt einen bezeichnenden Beitrag. Zu gutem Ende noch die Mitteilung von dem Erscheinen des zweiten Bandes des neuen „Brockhaus-Lexikons" (Ver¬ lag Brcjckhaus, Leipzig). Im zweiten Band finden wir in allernächster Nähe beisammen die größten Gegensätze: „Kapitalismus", „Kollektivismus", „Kommunismus". Sehr zu begrüßen sind die zahlreichen wirtschaftspolitischen Ar¬ tikel mit ihren trefflichen Ubersichten. Wir nennen nur: „Frauenfrage", „Genossenschaften", „Gewerkvereine", „Ju¬ gendbewegung". Auch der Handel ist voll gewürdigt, man kann ihn sogar bildlich in seiner Entwicklung aus grauer Vorzeit bis zur neuesten Leipziger Messe verfolgen. Eingelaufene Bücher. Oskar Stillich: Das Freigeld. (Industriebeamteriverlag. Berlin 1923, 80 Seiten.) O. M. W e i n r e b: Die Spinnfasernindustrie in Österreich. Eine volkswirtschaftliche Untersuchung. (Verlag Hölder- Pichler-Tempsky, Wien-Leipzig 1923, 91 Seiten, 32.400 K.) Hans Dechan t: Der Kollektivvertrag nach öster¬ reichischem und deutschem Recht. (Rikola-Verlag, Wien 1923, 192 Seiten.) Ludwig Bergsträßer: Der politische Katholizismus. Do¬ kumente seiner Entwicklung. (II: 1871—1914, Drei-Masken- Verlag, München 1923, 396 Seiten.) Die Entwicklung der Reparationsfrage. Chronik des wirt¬ schaftlichen Niederganges in Deutschland. (Zentralverlag, Berlin 1923, 43 Seiten.) Ferdinand Güterbock: Mussolini und der Faschismus. (Wieland-Verlag, München 1923, 163 Seiten.) Otto Gl ö ekel: Die österreichische Schulreform. (Volks¬ buchhandlung, Wien 1923, 16 Seiten, 6000 K.) Ferdinand Ossendowski: Tiere, Menschen lind Götter. (Aus dem amerikanischen Urtext übertragen von Wolf v. De wall, Verlag Societäts-Druckerei, Frankfurt am Main 1923, 368 Seiten.) Julius Bunzel: Reden aus Österreich an die deutsche Nation. (Leuschner und Lubenskys Universitätsbuchhand¬ lung, Graz und Leipzig 1923, 79 Seiten.) Denkschrift des Verbandes der Bergarbeiter Österreichs an den Nationalrat der Republik Österreich. (Verlag der Bergarbeiter, Druck „Typographia", Graz 1923, 7 Seiten.) N Sitzungen delegiert. Ein Schreiben des kommunistischen revolutionären Blocks mit dem Verlangen nach einer Ein¬ heitsfront wird keiner weiteren Behandlung zugeführt. Zur Hauptversammlung der Bank- und Sparkassengehilfen wird ein Delegierter entsendet. Eine Anfrage wegen der Zu¬ gehörigkeit einer Gruppe von Angestellten zur Gewerk¬ schaftsorganisation wird dahin entschieden, daß der Bund der Ind'ustrieangestellten die Fragesteller als Mitglieder übernehmen soll. In dem Streitfall zwischen Postgewerk¬ schaft, Technische Union und Metallarbeiter wegen Zuge¬ hörigkeit bestimmter Mitgliedergruppen wird eine nach Vorverhandlungen getroffene Vereinbarung auch von der Kommission einstimmig zum Beschluß erhoben. Der Beginn der Werbungen für die Wehrmacht wird zur Kenntnis ge¬ nommen und den Gewerkschaften empfohlen, den Genossen den Eintritt in die Wehrmacht nahezulegen. Ein Bericht über die Arbeiterbank wird zur Kenntnis genommen, ebenso ein Bericht über d'ie Vollversammlung der nach dem Abbau¬ gesetz gebildeten paritätischen Kommission. Hieran schließt sich eine Aussprache über die Kinderzuschüsse. Schlie߬ lich wird noch ein Bericht über die Generalversammlung des Verbandes der gemeinwirtschaftlfchen Anstalten zur Kenntnis genommen und es werden mehrere Anfragen vom Vorsitzenden beantwortet. Die neunte Sitzung der Gewerkschaitskommission vom 13. November 1923 beschäftigt sich ausschließlich mit der finanziellen Gebarung der Gewerkschaften und mit den Sammlungen zur Linderung der ..Not in Deutschland. Von Amsterdam angeregte Sammlungen erscheinen als über¬ holt. — MITTEILUNGEG E Eigentümer. Verleger und Herausgeber: Anton Hueber, Sekretär. — Verantwortlicher Redakteur: Eduard St r aas, beide Wien 1, Ebendorferstraße 7Drude: „Vorwärts" Wien V, Rechte Wienzeile 97