ARBEIT UND WIRTSCHAFT HERAUSGEGEBEN VON ANTON HUEBER* UND FRANZ DOMES REDAKTEURE: EDUARD STRAAS, VIKTOR STEIN, DR. EDMUND PALLA UND DR. J HANNAK II. JAHRGANG 15. SEPTEMBER 1924 HEFT 18 EINE DENKW�RDIGE DENKSCHRIFT Von J. Hannak Die Sanierung hat ihre Schuldigkeit getan, die Sa� nierung kann gehen. Das ist das Motto der neuesten Etappe �sterreichischer Unternehmerpolitik. Zwei Jahre lang hat das Schlagwort von der �Sanierung" den Kapitalisten treue Dienste geleistet, hat es dazu herhalten m�ssen, die machtpolitischen Restaurations� bestrebungen der Bourgeoisie effektvoll zu kost�� mieren. Als Seipel im Oktober 1922 aus Genf heim� kam, da begr��te ihn der Jubel aller reaktion�ren Schichten, die vermeinten, durch die V�lkerbunds- kontrolle, nein, in der Maske und dem Scheine der V�lkerbundskontrolle das sehr reale Sein der Kon� trolle des internationalen Finanzkapitals aufzurichten und damit auch freie Bahn f�r die wirtschaftliche und soziale Niederwerfung' der �sterreichischen Arbeiter� klasse zu gewinnen. Den ersten Teil dieser Aufgabe, die wirtschaftliche Versklavung �sterreichs durch die ausl�ndische Bankokratie, hat die �Sanierung" er� folgreich gel�st, der zweite Teil, die Wehrlos- machung und Dem�tigung der Arbeiterschaft, ist ihr nicht gelungen. Das erkl�rt die Undankbarkeit, mit der die b�rgerlichen Klassen jetzt die �Sanierung" zu verabschieden im Begriff sind. Wohl hat das inter� nationale Finanzkapital hucli die einheimische Bour� geoisie an der Beute eine Zeitlang mitnaschen lassen und ihr im vorigen Jahre den Segen der gro�en Aktienhausse beschert � es waren die Honigmonde der Genferei, die Zeiten ihrer h�chsten Lobpreisung � aber sowie die �sterreichischen Kapitalisten, keck und �berm�tig geworden, darangehen wollten, so� zusagen den Gernegro� zu spielen und wie ein ganz Erwachsener nun gar selber wirtschaftliche Erobe� rungen im Ausland zu machen, da fuhr ihnen dieses Ausland derb �ber die Finger und knickte mit der Franken-Schlacht die Fr�hlingsbl�ten ihres Macht� rausches. Nun sitzen die Herrschaften in der Tinte: Wie Hasardeure haben sie das m�helos Gewonnene wieder eingeb��t und stehen nun obendrein einer trotz Arbeitslosigkeit und Krise nicht nur un� gebeugten, sondern an Machtbewu�tsein und Selbst� vertrauen sogar betr�chtlich gest�rkten Arbeiter� schaft gegen�ber. Da freut sie die ganze �Sanierung" nicht mehr und sie beginnen den Plunder weg� zuwerfen. Ja im Gegenteil, das Wort von der �Sanie� rung" wird jetzt f�r sie gef�hrlich. Denn an ihr fest� halten, hei�t in letzter Konsequenz �sterreich von der Bevormundung durch das Ausland, von der Kontrolle durch den Herrn Generalkommiss�r befreien. Ge� rade die Fortsetzung der Kontrolle ist die letzte Hoff� nung des Schwarzenbergplatzes. Denn den Herrn Zimmerman einmal au�er Landes, sehen die Unter� nehmer keine M�glichkeit mehr, die �sterreichischen Arbeiter vielleicht doch noch kirre zu' machen. Als der Fronvogt herbeigeholt werden sollte, da hie� es �Sanierung", nun, da er gehen soll, schreien diese Patrioten: Gar keine Spur, wir sind nicht saniert! So ist denn in den letzten Monaten immer offen� kundiger jener Szenenwechsel wahrzunehmen, �ber den der talentierte Sohn des �alten Biach" in der �Neuen Freien Presse" nicht genug staunen und (reist verspritzen kann, jener Szenenwechsel, wonach es die Sozialdemokratie ist, die heute das Genfer Werk zu �verteidigen", n�mlich zu einem Abschlu� zu bringen bem�ht ist, w�hrend die vordem von Genf so begeisterten b�rgerlichen Klassen sich wesentlich abgek�hlt haben. Die Angst um den Generalkommiss�r, die Furcht vor der Aufhebung der Kontrolle, das allein bewegt noch die besitzenden Klassen, das ist der letzte Sinn der j�ngsten Kundgebungen unserer Unternehmer. Ihre Denkschrift an die V�lkerbundsdelegation, ihr scharfmacherisches Auftreten gegen die Metallarbeiter und Bergarbeiter, ihre drohende Sprache in den Zeitungen, alles entstammt derselben Quelle: durch Kami>fget�se und F�rderung der sozialen Unruhe die Gefahr neuer schwerer Ersch�tterungen und da� mit die Notwendigkeit der Fortsetzung der V�lker� bundskontrolle �ber �sterreich den schwankend ge� wordenen Kontrolloren selbst zti beweisen. W�hrend sich die Arbeiterschaft die herzlichste M�he gibt, auf� bauende Industriepolitik zu treiben � sei es in der gewissenhaften Mitarbeit der politischen Partei am Zolltarif, sei es in den gr�ndlich gearbeiteten Gut� achten der Arbeiterkammern zu allen Fragen des Wirtschaftslebens, sei es in der besonnenen An� passung der Gewerkschaften an die Erfordernisse der Gesamtwirtschaft �, wollen die Unternehmer nach dieser Denkschrift offensichtlich nicht Industrie� pol i t i k, sondern Industrie z e r s t � r u n g, Unruhe und bittere K�mpfe. Wir wissen nicht, ob wirk� lich die ganzen Unternehmerverb�nde hinter der zu so trauriger Ber�hmtheit gelangten Denk� schrift stellen, und das lendenlahme Benehmen des Herrn Nationalrates Rainer im Parlament scheint eher darauf hinzudeuten, da� es sich da mehr um eine der vielen Stil�bungen der karriere� beflissenen Sekret�re im Hause der Industrie han� delt, wo die Zauberlehrlinge zuweilen zu t�richten Streichen geneigt sind, indes der alte Hexenmeister im Jockeiklub zu tun hat. Aber sei dem wie immer,