ARBEIT UND WIRTSCHAFT HERAUSGEGEBEN VON ANTON HUEBER UND FRANZ DOMES REDAKTEURE: EDUARD STRAAS, VIKTOR STEIN, DR. EDMUND PALLA UND DR. J HANNAK II. JAHRGANG 15. NOVEMBER 1924 HEFT 22 DIE ENGLISCHEN WAHLEN UND DIE WELT¬ REAKTION Von J. Hannak Die Rede Otto Bauers auf dein Salzburger Parteitag liest sich in ihrem ersten grundsätzlichen Teil wie ein Motivenbericht zu den englischen Wahlen und der Politik der englischen Arbeiterpartei. Es ist nichts Neues mehr, daß sich große Ähnlichkeiten in Charakter und Entwicklungstendenzen der englischen und österreichischen Arbeiterpolitik finden. Der Ver¬ gleich läßt sich sogar bis in Details fortführen, und wie wir etwa unseren General Körner haben, so haben die englischen Arbeiter ihren Oberst Wedgwood, wie wir fast völlig kommunistenrein sind, so sind es auch die Engländer, wie bei uns die beste Harmonie und einträchtiges Zusammenarbeiten zwischen Partei und Gewerkschaften besteht, so halten es auch unsere britischen Genossen. Auch daß, aller räumlichen, technischen und weltpolitischen Größenunterschiede ungeachtet, gleiche materielle Produktionsbedingungen und eine gleiche soziale Schichtung die Gleichheit der politischen Formungen bewirkt haben, ist eine bereits bekannte Tatsache. Den Angelpunkt dieser doppelten Tatsachenreihe bildet jener Prozeß, der Österreich zum Zweiparteien¬ system hin und England zum Zweiparteiensystem zurückführen soll. Gerade hierin aber sind denn doch noch deut¬ liche Unterschiede wahrzunehmen. Es mag, wie Karl Renner bemerkt hat, in der Tat zweifelhaft sein, ob die Massierung aller Gegner des Proletariats in einer einzigen geschlossenen Partei unter allen Um¬ ständen und in jeder Periode der gesellschaftlichen Entwicklung für das Proletariat von Vorteil sei, aber in Österreich ist es jedenfalls so, daß die Entwicklung zwangsläufig in diese Richtung geht und das Prole¬ tariat nicht nur kein Interesse, sondern auch keine Möglichkeit hätte, diesen Prozeß zu verhindern. Indem dieser Konzentrationsprozeß aller Arbeitergegner in einer einzigen Partei sozusagen organisch vor sich geht, aus den von keiner Wahltechnik beeinflußten und verdunkelten realen Kräfteverhältnissen der Klassen, offenbart er damit zugleich das wirkliche Wachstum unserer Macht, deren von der anderen Seite her gesehenes Abbild. In England steht es nun nicht ganz so, obwohl es nach den letzten Wahlen so scheint. Die Arbeiter¬ partei hat dort zwar 40 Mandate verloren, aber über eine Million Stimmen gewonnen und damit bewiesen, daß sie allen Zufällen der Wahlmechanik zum Trotz in weiterem mächtigen Aufstieg begriffen ist. Eben dieses Zufalls der Wahlmechanik will sich jedoch die Politik Macdonalds bedienen, sie macht ihn geradezu zum Hebel einer weltgeschichtlichen Wandlung, will sie doch mit Hilfe dieses Mechanismus die eine der großen historischen Parteien, die Liberalen, mit Stumpf und Stiel ausrotten. Der jüngste Wahlausgang gibt dieser Taktik offenbar recht; die Liberalen sind auf ein Häuflein von 40 Mann zusammengeschrumpft. Und dennoch macht dieses Resultat einigermaßen nachdenklich. Kraft des Wahlmechanismus und kraft eines merkwürdigen, in der Geschichte vielleicht einzig¬ artigen Spiels parlamentarischer Regeln und Tradi¬ tionen war die Arbeiterregierung vor bald Jahresfrist ins Leben getreten, und die wunderbare, belebende Schwungkraft, die von dieser bloßen Tatsache einer Arbeiterregierung ausging, ließ allzuleicht die Illusion erwachen, daß die Arbeiterregierung, weil sie im Amt sei, auch in der Macht sei. Schon die Existenz dieses Amtes war ein internationaler Gewinn an Macht des Proletariats, aber die Existenz dieses Amtes war keineswegs in den Machtverhältnissen des englischen Gesellschaftskörpers selbst verankert. Die Arbeiterregierung war eine Minoritätsregierung, die nur durch vielleicht moralisch, aber nicht macht¬ politisch und vor allem nicht dauernd zwingende Umstände.eingesetzt worden war. In demselben Maß, in dem die englische Arbeiterregierung den Enthusias¬ mus und die abgekämpften Energien des kontinentalen Proletariats neu erweckte, in demselben Maß und, je länger sie regierte, desto mehr schläferte die Arbeiter¬ regierung in den Massen das Bewußtsein des labilen Daseins dieses Regierungsexperiinents ein. Das war natürlich nicht das Verschulden der Arbeiterregierung» sondern ein sozialpsychologisches Gesetz. Aber eben dieses sozialpsychologische Gesetz läßt nun breite Arbeiterschichten in dem Ausgang der englischen Wahlen eine Niederlage der Arbeiterpartei erblicken, während die Wahlen aus dem Gesichtswinkel der tat¬ sächlichen Machtverhältnisse eine Machtstärkung labours gebracht haben. Die parlamentarische Spiel¬ regel ist jetzt durch die wirkliche Regel des Kräfte¬ spiels der Klassen abgelöst worden. Die englische Ar¬ beiterpartei bleibt endgültig die große hoffnungsreiche