5 ARBEIT UND WIRTSCHAFT 6 des Referats geübte Kritik des Beschlusses, den der Internationale Gewerkschaftskongreß 1924 in Wien gefaßt hat, der bestimmt, daß dem Ausschusse des Internationalen Gewerkschaftsbundes in Amsterdam drei Vertreter von internationalen Sekretariaten angehören sollen. Tarn o w ist der Auffassung, daß dieser Beschluß weder notwendig noch zweckmäßig ist, ja er hält ihn sogar für grundsätzlich und praktisch bedenklich, denn er befriedige nach keiner Seite hin und daher sei diese Lösung wahrscheinlich noch nicht endgültig. So kommt er zu dem Schluß, daß es not¬ wendig ist, auf dem nächsten Kongreß diesen Beschluß zu revidieren, und zwar in der Richtung, daß die national ab¬ gegrenzten, in den Landeszentralen vereinigten Industrie¬ verbände sich zu einem internationalen Gewerkschafts¬ bunde zusammenzuschließen haben. Beschließende In¬ stanzen seien nur durch die Landeszentralen zu bilden. Insbesondere sei die Doppelvertretung der Gewerkschafts¬ mitglieder zu beseitigen. Kollege T a r n o w hat recht, wenn er behauptet, daß der Wiener Beschluß nicht endgültig ist. Das Leben ist auch in den Gewerkschaften stärker als Beschlüsse. Richt¬ linien sind Reglements. Die Entwicklung der Gewerk¬ schaftsorganisationen ist eine zwangsläufige. Diese müssen ihre Organisationsform, die Kampfmethoden und sonstigen Einrichtungen dem Stande der Industrie anpassen, der gleichfalls nicht immer derselbe bleibt, sondern, wie jeder¬ mann beobachten kann, Änderungen nach einer bestimmten Richtung unterliegt. Diejenige Gewerkschaft, die an den liebgewordenen alten Formen festhält, läuft Gefahr, aktionsunfähig zu werden, zu verdorren. Die Richtung, in der sich die Gewerkschaften in ihren internationalen Be¬ ziehungen bewegen, scheint Tarnow unrichtig abzu¬ schätzen. Der Internationale Gewerkschaftsbund von 1914 und der von heute sind zwei grundverschiedene organi¬ satorische Gebilde, sie unterscheiden sich nicht nur im Aufbau, sondern auch in ihrem Aufgabenkreis. Vor dem Kriege wurden wichtige allgemeine Gewerkschaftsfragen durch den Internationalen Sozialisten- und Gewerkschafts¬ kongreß entschieden. Beim Kongreß 1910 in Kopenhagen zum Beispiel hat die Beratung über den tschechischen Separatismus in Österreich einen breiten Raum einge¬ nommen. Der internationale Gewerkschaftskongreß tagt jetzt selbständig zeitlich und räumlich abgesondert vom Kongreß der sozialistischen Internationale. Wir sehen aber, daß die beiden Internationalen ihr Tätigkeitsgebiet nicht klar genug abgegrenzt haben, denn auf beiden Kongressen werden oft dieselben Fragen behandelt, wie der Acht¬ stundentag, die Auswanderungsfrage usw. Der Internatio¬ nale Gewerkschaftsbund ist wieder manchmal gezwungen, sich mit Problemen zu beschäftigen, die in das Gebiet der Politik übergreifen. Zwischen beiden Internationalen be¬ stehen freundschaftliche Beziehungen, die Konflikte schwer möglich machen, sie jedoch nicht für alle Zeiten aus¬ schließen. Die freundschaftlichen Beziehungen der gewerk¬ schaftlichen und sozialistischen Internationale erscheinen uns in Österreich als selbstverständlich und wünschens¬ wert, nichtsdestoweniger muß festgestellt werden, daß sie der Entwicklung des Internationalen Gewerkschaftsbundes nicht immer förderlich sind. Die amerikanische Landes¬ zentrale hat 1919 in Amsterdam bei der Gründung des Internationalen Gewerkschaftsbundes mitgearbeitet, ihr Einfluß war dabei nicht gering, wer an dem Kongreß teil¬ genommen, wird die Präpotenz, die G o m p e r s dort zur Schau getragen, in Erinnerung behalten haben. Kurze Zeit nach Errichtung des Internationalen Gewerkschaftsbundes ist jedoch die amerikanische Landeszentrale ausgetreten, weil ihr die Verbindung mit der sozialistischen Inter¬ nationale nicht genehm war. Ferner ist noch der Austritt der norwegischen Organisationen aus demselben Grund erfolgt. Dem Anschlüsse der russischen Gewerkschaften an den Internationalen Gewerkschaftsbund, die ganz im Banne ihrer politischen Partei stehen, türmen sich haupt¬ sächlich durch die ideele Verbindung des Internationalen Gewerkschaftsbundes mit der Zweiten Internationale Hindernisse entgegen. Die Tatsache, daß die politische Um¬ stellung einer Landeszentrale eine Änderung in dem Ver¬ halten zum Internationalen Gewerkschaftsbund nach sich zieht, bildet die schwache Seite dieser gewerkschaftlichen Internationale. Eine noch wesentlichere Veränderung gegen die Vor¬ kriegszeit haben auch die Berufsinternationalen voll¬ zogen. Diesen internationalen Verbindungen muß eine immer steigende Bedeutung zugeschrieben werden. Ist es möglich, die Wichtigkeit der Internationale der Transport¬ arbeiter zu leugnen, die den gesamten Verkehr zu Wasser und zu Lande umfaßt? Ihre Tätigkeit und Beschlüsse können sich einschneidend auf das ganze Wirtschaftsleben auswirken. Ähnliches trifft auf viele andere internationale Verbindungen zu, wie die der Bergarbeiter, Metallarbeiter. Lebensmittelarbeiter und andere mehr. Die Berufsinter- nationalen beschäftigen sich gegenwärtig weniger mit der Wahrung der Mitgliedsrechte des einzelnen Arbeiters, dafür bestehen organisierte internationale Kampfgemein¬ schaften, ausgebaute Streikversicherungen, Unterstützungs¬ aktionen für in Bedrängnis geratene Verbände. Sie befassen sich ferner mit wichtigen Fragen der Sozialpolitik, drücken mancher Berufsfrage den Stempel des internationalen Charakters auf, fassen Beschlüsse und überwachen deren Durchführung. Kollege Tarnow scheint manches zu übersehen, wenn er über die Möglichkeit der Ausdehnung der Kämpfe auf benachbarte Länder mit antiquierten Argumenten und spöttischen Bemerkungen hinwegzu¬ kommen meint. Es bestehen Industriekonzerne, die Be¬ triebe gleicher Art in mehreren Ländern besitzen, es sei nur auf den Schichtkonzern verwiesen, der Produktions¬ stätten von Holland bis zum Schwarzen Meer umfaßt. Würde die Auffassung Tarnows zutreffen, daß die Ar¬ beiter eines Betriebes in einem Lande sich glücklich fühlen, weil sie infolge eines Streiks in einem anderen Lande besser beschäftigt sind und sich den Teufel darum scheren, daß ihre Branchenkollegen dort in einem schweren und aussichtslosen Kampf stehen, dann ist der praktische Wert der internationalen Verbindung überhaupt in Frage ge¬ stellt. Bei gewerkschaftlichen Verbindungen muß unter allen Umständen der Zweckmäßigkeit Rechnung getragen werden. Wir Gewerkschaften pfeifen auf alle geistreichen Reden und die schönsten Kongresse, wenn dabei nicht praktische, effektive Erfolge erzielt werden. Zum Glück ist es in Wirklichkeit nicht so schlimm, wie es Tarnow schildert. Es ist nicht schwer, eine Reihe von Beispielen anzuführen, wonach Arbeiter durch Zurückweisung von Streikarbeit ihre Kollegen im Ausland im Kampie wirksam unterstützt haben. T arno w sieht noch manches andere schlecht oder durch die Brille eines an Zucht, Ordnung, Gehorsam und Respekt vor der Obrigkeit gewöhnten Menschen. So sagt er unter anderem: „Das Tätigkeitsfeld der internationalen Berufssekretariate ist beschränkt auf die speziellen Ange¬ legenheiten des betreffenden Berufes und hat seine Grenze, wo die allgemeinen Gewerkschaftsfragen beginnen, die national in die Kompetenz der Landeszentralen, inter¬ national in die des Internationalen Gewerkschaftsbundes fallen. Für allgemein gewerkschaftliche Fragen sind die Berufsinternationalen nicht selbständig, sondern dem Internationalen Gewerkschaftsbund nachgeordnet, nicht beschließende, sondern ausführende Organ e." Das ist einer der Grundsätze, nach welchen, wie Tarnow meint, der nächste Kongreß den Wiener Be¬ schluß revidieren soll. Er wird mit dem Vorschlage, daß die Berufsinternationalen dem Internationalen Gewerk¬ schaftsbund nachgeordnet (nicht untergeordnet?) und dessen ausführende Organe sein sollen, einen durch¬ schlagenden Lacherfolg erzielen. Selbstverständlich ist. daß keine der bestehenden Berufsinternationalen sich das Recht anmaßt, in Angelegenheiten einer anderen dreinzureden, ihr Tätigkeitsfeld läßt sich jedoch nicht so strenge abgrenzen, wie das eines Infanterieregiments. Die Berufsinternationalen sind manchmal gezwungen, sich mit allgemeinen Gewerk¬ schaftsfragen zu beschäftigen, die Auswirkung solcher Fragen auf die eigene Industriegruppe zu untersuchen und hiezu Stellung zu nehmen. Eine genaue Absteckung des Aktionsradius ist auch deshalb nicht möglich, weil aus den gewerkschaftlichen Kämpfen sich Zusammenhänge zwi¬ schen den Berufsinternationalen ergeben. Die Internationale der Holzarbeiter wird sich wegen gemeinsamer Aktionen in den Waggonfabriken und für die Arbeiter bei der Er¬ zeugung von Luftfahrzeugen jedenfalls mit der Internatio¬ nale der Metallarbeiter verständigen müssen. Vor kurzer Zeit haben die Berufsinternationalen der Lebensmittel¬ arbeiter und der Transportarbeiter beschlossen, gemeinsam das Verbot des Tragens zu schwerer Lasten anzustreben. Ist es denn überhaupt möglich, einen Strich zu ziehen und den nachgeordneten Berufsinternationalen kategorisch zu erklären: bis hieher geht die Grenze eurer Tätigkeit, von hier an beginnt die des Internationalen Gewerkscharts- bundes? Welche praktische Bedeutung kann diese „Nach¬ ordnung" und die Degradierung der Berufsinternationalen zu „ausführenden Organen" des Internationalen Gewerk-