ARBEIT UND WIRTSCHAFT HERAUSGEGEBEN VON ANTON HUEBER UND FRANZ DOMES REDAKTEURE: EDUARD STRAAS, VIKTOR STEIN, DR. EDMUND PALLA UND DR. J. HANNAK IV. JAHRGANG 15. MAI 1926 HEFT 10 DER GROSSTE GEWERKSCHAFTLICHE KAMPF DER GESCHICHTE Von Otto Leichter Der gr��te gewerkschaftliche Kampf der Ge� schichte ist ausgebrochen: ein Kampf, der in seinen Ursachen und seinen Wirkungen hinausweist �ber die kapitalistische Gegenwart, ein Kampf, der, mag er enden wie immer, von den zuk�nftigen Geschicht� schreibern vielleicht als der Beginn der sozialen Re� volution in dem �ltesten und reichsten Lande des Ka� pitalismus bezeichnet werden wird. Dieser englische Generalstreik ist nicht nur darum der gr��te gewerk� schaftliche Kampf der Geschichte, weil noch niemals so gewaltige Massen in einem Streik oder bei einer anderen Aktion auf den Plan getreten sind, sondern auch darum, weil noch niemals mit solcher Klarheit und solchem Zielbewu�tsein um die Beseiti� gung der kapitalistischen Produktionsweise in einem der wichtigsten und f�r ihren Bestand ausschlag� gebenden Wirtschaftszweige gek�mpft wurde. Um was k�mpfen die englischen Arbeiter? Zun�chst gegen die Herabsetzung der L�hne im englischen Bergbau und damit auch gegen eine Senkung des Lohn- und Lebensniveaus in den anderen Branchen. Aber es w�re sehr oberfl�chlich zu glauben, der Kampf der englischen Genossen ersch�pfe sich in einem gew�hnlichen Lohnkampf, wie er allt�glich von den Gewerkschaften gef�hrt werden mu�. Nein, der Kampf in England geht um mehr. Denn hinter der Frage, ob die englischen Grubenbesitzer dieselben L�hne weiterzahlen k�nnen oder nicht, in der Frage der Konkurrenzf�higkeit des englischen Bergbaues bei Aufrechterhaltung des Lohnniveaus, das sich die englischen Bergleute verm�ge der St�rke ihrer Or� ganisation errungen haben; hinter dieser Frage ver� birgt sich das Problem der Organisation des engli� schen Kohlenbergbaues und seiner Produktions� methoden. Und hinter dieser Frage taucht die Schick� salsfrage des englischen Kohlenbergbaues und der kapitalistischen Wirtschaft �berhaupt auf, erhebt sich drohend f�r die englischen Kapitalisten die Frage der Sozialisierung des englischen Kohlenbergbaues. Denn auch die englischen Bergarbeiter bestreiten nicht, da� die englische Kohle bei der jetzigen Orga� nisation des Bergbaues, den heutigen Gestehungs� kosten und der gegenw�rtig �u�erst angespannten Konkurrenz auf dem internationalen Kohlenmarkt nicht konkurrenzf�hig sein kann. Deshalb geht der Kampf nicht allein um die Lohnfrage, sondern vor allem um die Wirtschaftsverfassung im englischen Bergbau. Die Krise des englischen Kohlenbergbaues datiert nicht von heute und gestern; man kann ihre Ursachen auf Jahre zur�ckverfolgen. Und die Ab� satzschwierigkeiten w�ren schon l�ngst in Erschei� nung getreten, w�ren sie nicht im Jahre 1921 durch den beinahe zweimonatigen Streik der englischen, 1923 durch den langen Streik der nordamerikanischen Bergarbeiter und 1923 durch die Ruhrbesetzung er� leichtert worden. Der Ausfall der englischen F�rde� rung infolge des Streiks im Jahre 1921, die ge� steigerten Absatzm�glichkeiten durch den Ausfall der nordamerikanischen Kohlenproduktion 1922 und die Ruhrkonjunktur f�r den englischen Kohlen� export im Jahre 1923 haben die Krisen im eng� lischen Bergbau vertagt. Als aber die Ruhrkohlen� f�rderung im Jahre 1924 wieder in Gang kam, da zeigte sich sehr bald die Konkurrenzunf�higkeit des englischen Kohlenbergbaues. Die ausbrechende Krise wurde noch dadurch versch�rft, da� sie in eine Zeit der internationalen Kohlenkrise fiel. Die technischen Umstellungen, der �bergang zur �lheizung auf den Schiffen, die st�rkere Ausn�tzung der Wasserkr�fte und die st�ndigen Fortschritte in der Heiz- und W�rmetechnik haben eine starke Ein� schr�nkung des Kohlenkonsums in fast allen L�n� dern zur Folge gehabt. Und w�hrend noch beim Ab� schlu� der Friedensvertr�ge die Schicksalsfrage der Weltwirtschaft und Weltpolitik die war, ob es gelin� gen werde, den Kohlenbedarf innerhalb der n�chsten Jahre zu befriedigen, w�hrend sich im Jahre 1919 die Bestrebungen der Sieger vor allem darauf kon� zentrierten, .gro�e Kohlenlieferungen von Deutschland zu zerwingen, ist die Kohle, die unverkauft auf den Halden liegt, zur gr��ten wirtschaftlichen Sorge des. Jahres 1925 geworden. Mit Recht hat unl�ngst je� mand bemerkt, da� der Friedensvertrag wahrschein� lich sehr bald dahin abge�ndert werden m�sse, da� man die besiegten L�nder zwingt, alle Kohlenlager der Welt in Besitz zu nehmen. So rasch hat sich die Entwicklung auf den internationalen Kohlenm�rkten vollzogen! Das vergangene Jahr brachte den H�hepunkt der Kohlenkrise. Im Sommer war die Kohlenproduktion und der Kohlenverkauf am geringsten, seither ist - wohl vor allem infolge des st�rkeren Verbrauches in den Wintermonaten � der Kohlenabsatz etwas gr�� �er geworden, aber auch die Produktionszahlen f�r