365 ARBEIT UND WIRTSCHAFT 366 überhaupt die Aussicht zu haben, wieder zu einem menschenwürdigen Standard zu gelangen. Und sie waren auch bei den Verhandlungen unmittelbar vor dem Streik bereit, einer Herabsetzung der Löhne zu¬ zustimmen, in dem Augenblick zuzustimmen, in dem die von der Regierung versprochenen Reformen be¬ ginnen. Aber die Verhandlungen scheiterten schlie߬ lich daran, daß die Bergbauunternehmer, um sich „Zeit" zu den Reformen zu lassen und sie vielleicht auf den Nimmersleinstag zu verschieben, verlangten, daß die Herabsetzung der Löhne sofort eintrete. Der Generalstreik der englischen Arbeiter ist aber auch darum so ungeheuer bedeutungsvoll, weil die Entwicklung der nächsten Jahre, vielleicht der nächsten Jahrzehnte von ihm abhängt. Es geht nicht nur um das Schicksal der englischen Arbeiter, son¬ dern auch um das der Arbeiterklasse vielleicht der ganzen Welt. Aber wie immer der Streik ausgehen mag, die Tatsache, daß die englischen Arbeiter mit solch unerhörtem Elan, in so prächtiger Einigkeit in den Kampf eingetreten sind, daß die Streikparolen — das steht heute trotz der bürgerlichen Zeitungslügen schon fest — beinahe vollkommen lückenlos befolgt wurden, das allein schon ist ein ungeheuerlicher Er¬ folg. Aber nicht nur die Freude über die Entwick¬ lung der englischen Arbeiterbewegung, nicht nur das Gefühl der leidenschaftlichen, unser ganzes Denken und Fühlen beherrschenden Anteilnahme ist es, was uns in diesen Tagen bewegt. Nein, es ist auch das Gefühl, daß es trotz aller Rückschläge, die die Sache des Proletariats da und dort erleiden mag, im Sturm vorwärtsgeht und daß wir vielleicht zum ersten Male in diesen Tagen vernehmen, wie die unbeirr¬ bar vorwärtsschreitende ökonomische Entwicklung an die Pforten des kapitalistischen Hauptquartiers pocht. 6. Mai 1926. NACHTRÄGLICHES ZUR RUSSLAND¬ DELEGATION Von Wilhelm Ellenbogen Die Vertrauensmännerbesprechung, in der die sozial¬ demokratischen Rußlanddelegierten über ihre Eindrücke in den Sowjetrepubliken referierten, hat mit echt sozial¬ demokratischer Sachlichkeit und Redlichkeit das Gute, das dort geschaffen wurde, anerkannt. Das geschah, obwohl jeder einzelne der mehreren tausend sozialdemokratischen Vertrauensmänner die Unwahrhaftigkeit und den Zynismus genau kennt, mit denen umgekehrt die Kommunisten die sozialdemokratischen Leistungen, sagen wir zum Beispiel in der Gemeinde Wien, verunglimpfen und besudeln. Und der edle Idealismus, mit dem diese Vertrauensmänner sich des Erfolges freuen, den eine noch so ungehörig sich be¬ nennende Gruppe erringt, wenn sie nur proletarisch und sozialistisch ist. stand in beispielgebendem, wohltuendem Gegensatz zu der Tücke, mit der die Kommunisten um¬ gekehrt in Ländern, wo die Sozialdemokraten die Führung haben, die proletarische Kraft durch persönliche Verleum¬ dungen und Aufstellung unerfüllbarer Forderungen zu unter¬ wühlen suchen, die Arbeiterschaft zur größeren Freude der bürgerlichen Gegner spalten und dem Indifferentismus in die Arme treiben (siehe Donawitz), und um dieses Ziel zu erreichen bis zur Verbindung mit Faschisten, den ge¬ schworenen, den zu jedem Verbrechen stets bereiten Feinden des Proletariats hinabsinken. Man muß sich diesen Gegensatz der sittlichen Auffassung von der proletarischen Würde und dem proletarischen Pflichtgefühl vor Augen halten, um die Abneigung zu ver¬ stehen, mit der die sozialdemokratischen Vertrauensmänner die Tatsache aufnehmen, daß es Sozialdemokraten gibt, die sich zu Vorspanndiensten der kommunistischen Agitations¬ bedürfnisse hergeben, denn das und nichts anderes ist in Wahrheit der eigentliche Zweck der Rußlandreisen. Das sachliche Interesse an den positiven Ergebnissen der sowjetistischen Methode, die Gesellschaft sozialistisch zu beeinflussen, mag Sozialdemokraten fesseln, und zwar mitunter in leidenschaftlicher Weise, für Kommunisten aber sind die Rußlanddelegationen nur andere Formen der berühmten Zellenbildungsmanöver, Methoden der Zwie¬ trachtsaat, der Zerstörung. So wie die Einheitsfront nie ehr¬ lich gemeint war und nur ein Schwindelmanöver zur Zer¬ setzung der sozialdemokratischen Geschlossenheit darstellt, so ist den Kommunisten die sachliche Information bei der ßereisung Rußlands das Gleichgültigste von der Welt; um ein Umgehungsmanöver handelt sich's ihnen, um ein Um¬ schleichen und Unterminieren der Sozialdemokratie. Und darum, weil sie nie mit offenem Visier kämpfen, wählen sie gern als Sozialdemokraten verkleidete Kommunisten als Wortführer der Delegation aus — ich sage nicht, daß das bei der letzten Delegation der Fall war — und trachten zumeist leichtgläubige, naive, im scharfsinnigen Durch¬ schauen der tückischen Absichten ungeübte Personen für dieses Arrangement zu gewinnen. Darum ist es geboten, mit aller Schärfe den Unterschied festzuhalten und sich einzuprägen zwischen den be¬ grüßenswerten Einzelerrungenschaften Sowjetrußlands für die Arbeiterschaft (die übrigens, soweit aus den Berichten der Delegierten zu ersehen ist, an Wert und Höhe der Be¬ deutung nicht das durch die sozialdemokratischen Arbeiter¬ organisationen Österreichs, insbesondere durch die sozial¬ demokratische Gemeindeverwaltung Wiens Geschaffene übertreffen, eher umgekehrt — von der Expropriation der besitzenden Klasse, in der Rußland natürlich konkurrenzlos dasteht, ist hier nicht die Rede —) und den unredlichen Ab¬ sichten, die die westindischen Kommunisten damit ver¬ binden. Die aufrichtige Freude über das erstere muß sich mit der entschiedensten Abwehr gegen die letzteren ver¬ binden. Darum ist es offen eine bedauernswerte Erscheinung zu nennen, daß sich Genossen finden, denen das. was Otto Bauer in seiner vorzüglichen Rede als Parteipatrio¬ tismus (also Parteitreue und Disziplin) bezeichnet hat, in so hohem Grade mangelt, daß sie sich trotz Warnung der Partei zu Werkzeugen und Kronzeugen eines gegen das Parteiinteresse gerichteten Manövers hergeben. Diese leidenschaftliche, ja geradezu, es ist nicht zu überschweng¬ lich gesagt, heilige Hingabe an die Partei, die allein ihre großen Erfolge gezeitigt hat, dieser religiöse Zusammenhalt nach innen und gegen außen, gerät in Gefahr, wenn Ge¬ nossen sich von einer Gratisreise nach Rußland selbst durch die ihnen nahegelegte Erwägung nicht abhalten lassen, daß es ihre eigenen engsten Genossen sind, die in diesem Sowjetrußland jahrelang in Kerkern gehalten und durch Entsendung nach Inseln des Polarmeeres geradezu unmenschlich gefoltert werden. Wenn die Rußland¬ delegierten nicht ein einseitiges Urteil fällen wollen, dann mögen sie sich zum Beispiel bei dem vor einiger Zeit aus dem Solowjetzkigefängnis entflohenen russischen Genossen Hermann erkundigen, der als Jugendlicher (!) in diese Eiswüste verschickt wurde und ein vierjähriges Martyrium dort durchgemacht hat, ganz nach den mörderischen Me¬ thoden des Zarismus, und dann wollen wir ihre Begeiste¬ rung noch einmal nachprüfen. Aber diese Gleichgültigkeit gegen das Schicksal Tausender von Sozialdemokraten ist ein schwerer Mangel an Parteisolidarität, an partei- genössischer Würde und Selbstachtung, besonders wenn es mit einem Reinfall auf parteischädigende Absichten der Kommunisten verbunden ist. In letzter Zeit haben sich solche Erscheinungen gelockerter Parteidisziplin leider mehrfach gezeigt. Es ist zum Beispiel eine beispiellose Un¬ anständigkeit, wenn Parteigenossen über Vorgänge, die sich in einer Vertrauensmännerversammlung abspielen, an den in einer höchst gereizten und maßlos gehässigen Polemik gegen die Partei und einzelne ihrer verdientesten Männer befindlichen Herrn Karl Kraus berichten. Ein solcher Vertrauensmißbrauch ist in der Partei unerhört. Es ist mir in meiner 37jährigen Parteitätigkeit kein einziger Fall bekannt, daß eine solche Schändlichkeit je vor¬ gekommen wäre; der vertrauliche Charakter unserer internen Parteiversammlungen, die nach außen eine voll-