367 ARBEIT UND WIRTSCHAFT 368 kommen abgeschlossene Einrichtung darstellen, ist nie ver¬ letzt worden in der Partei, und es ist daher nötig, auf die Gefahr der Lockerung des Parteigefiiges, die in allen solchen Disziplinwidrigkeiten liegt, beizeiten aufmerksam zu machen. Aber ebenso wichtig erscheint mir folgende Erwägung: In der Vertrauensmännerbesprechung trat ein Genosse aus dem VI. Bezirk auf, der (ich konnte leider in der Ver¬ sammlung nicht anwesend sein und folge daher den Mit¬ teilungen. die mir Anwesende gemacht haben) unter dem lebhaften Beifall der Konferenz erklärte, ob Diktatur oder Demokratie, sei nicht von erheblicher Bedeutung; wir sollten uns doch nichts vormachen; wären wir an der Macht, würden auch wir unsere politischen Gegner ein¬ sperren usw. Ich verstehe wohl, daß Machtgefühl etwas Berauschendes besitzt, ich kann mir sehr gut erklären, daß Männer, die jahrzehntelang kämpfend Zoll um Zoll vorwärtsschreiten mußten, von dem Gedanken, die Macht einmal mit vollen Händen ausschöpfen zu können, entzückt sind. Aber ich lehne die Behauptung, daß wir diese Macht dann, wenn wir sie hätten, ebenso wie die Sowjetisten mißbrauchen, selbst gegen proletarische Gruppen mißbrauchen würden, mit aller Entschiedenheit ab. Ich lehne die Möglichkeit, daß die Partei Mussolinische Methoden anwenden könnte, ab. Ich lehne es ab, die Demokratie so zu verstehen, daß sie nach Laune und Belieben, wie schmutzige Wäsche abgelegt werden kann, ohne mich natürlich der Erkenntnis zu ver¬ schließen, daß es in allen Revolutionen Augenblicke — aber eben nur Augenblicke, kurz vorübergehende Phasen — geben kann, wo eine Diktatur unvermeidlich ist, auch die berühmte Diktatur des Proletariats, die natürlich mit der Diktatur einer Führerclique nicht gleichbedeutend ist. Aber es heißt die ungeheure historische Aufgabe und Bedeutung der Demokratie vollständig verkennen, wenn man so leicht¬ hin es für selbstverständlich ansieht, daß wir eine ge¬ wonnene Macht zur Zertretung der staatsbürgerlichen Frei¬ heiten, zur Knebelung, Mundtotmachung und physischen Vernichtung Andersgesinnter benützen würden. Welches Recht haben wir bei solchen Ansichten noch, der katho¬ lischen Kirche ihre Scheiterhaufen, ihre Inquisitionen, ihre Bannflüche, ihren Giordano Bruno, ihren Hus, ihren Galilei vorzuwerfen? Welches Recht haben wir dann, einen Musso¬ lini, einen Horthy als die größten Scheusale hinzustellen? Meriken wir nicht, wie gefährlich es ist, in einer Zeit, wo die Demokratie ihre schwerste Krise seit zwei Jahr¬ tausenden durchmacht, wo wir von allen Seiten von den blutigsten Formen des Faschismus umgeben sind, den Feinden der proletarischen Freiheit durch solche Worte förmlich Sanktionen für ihre Greueltaten zu erteilen? Und entgeht es uns denn vollständig, daß die Demokratie nicht eine Laune von uns, sondern eine organische Notwendigkeit für den Aufstieg des Proletariats, ein unerläßliches Instrument der Entwick¬ lung aller, auch der letzten positiven geistigen Kräfte im Schöße des Proletariats ist? Nein, der Sowjetismus mag manche, auch große Verdienste um den Aufstieg des Proletariats haben, man kann zweifellos manches von ihm lernen, und ich habe seit jeher die ganz außerordentlichen Begabungen, die eine Reihe seiner Führer besitzen, be¬ wundernd anerkannt, ich glaube auch, daß viele von ihnen von dem wirklich reinen, ehrlichen und aufrichtigen Willen beseelt sind, der Sache des Sozialismus Dienste zu er¬ weisen und ihn bleibend in den Tatsachen zu verankern; ich freue mich auch mit allen Parteigenossen der Tatsache, daß es wenigstens eine Stelle in der Welt gibt, und noch dazu eine höchst bedeutungsvolle, wo Sozialisten regieren, wo der Sozialismus eine Macht darstellt, hoffentlich eine dauernde, hoffentlich eine, die nie den Sozialismus kom¬ promittiert; aber in einer Sache stehen wir detn Sowjetis¬ mus absolut ablehnend gegenüber: in seiner Gegnerschaft gegen die Demokratie, die in Wahrheit Mißtrauen gegen das Volk, ja geradezu die Verachtung des Volkes, bedeutet. Mit nichts hat die Sowjetregierung dem europäischen Proletariat mehr geschadet als mit ihrer grundsätzlichen Ablehnung der Demokratie, wodurch sie geradezu allen volksfeindlichen Elementen Westeuropas eine Rechtfertigung, das heißt das Recht verschafft hat, sich auf ein sozialistisches Regime als Vorbild zu berufen. Oder stellt auch für uns wie für Herrn Mussolini der Leib der Göttin Freiheit einen Kadaver dar, über den man beliebig oft zur Tagesordnung hinwegschreitet? Nein, auch vom russischen Volke sind wir überzeugt, daß in ihm Millionen von Begabungen schlummern und daß deren un¬ endliche Mannigfaltigkeit nur durch die Freiheit, nie aber durch die starre Einseitigkeit einiger, wenn auch noch so begabter Männer entfaltet werden kann, und auch für Rußland gilt der Grundsatz, daß unbeschränkte Gewalt einiger weniger nur zum Mißbrauch, nur zur Despotie, nur zum Stillstand und Untergang führen kann. Anerkennen wir das Gute, was Sowjetrußland geschaffen hat, aber verharren wir seinen politischen Methoden gegen¬ über in kritischer Zurückhaltung. Ich bin überzeugt, daß der Zeitpunkt kommen wird, wo wir mit den Genossen von Sowjetrußland in einer Front marschieren werden. Aber die Verfolgung von Sozialdemo¬ kraten in Sowjetrußland und die Bestrebungen, den west¬ europäischen Sozialismus zu schwächen, zu diskreditieren und zu zerfasern, sind nur Hindernisse auf dem Wege zu diesem Ziele. DIE ARBEITSWISSENSCHAFT IM DIENSTE DER ARBEITENDEN MENSCHHEIT Von Johann Mars Die Aufgaben der Gewerkschaftsbewegung, die in der Gegenwart noch zu erledigen sind, sind so mannigfaltig, so umfangreich und dringend, daß man zu einer Vorsorge für die Zukunft bei aller Hingabe und Aufopferung nur schwer zu kommen vermag. Tiefe wirtschaftliche Depression bedeutet für die Gewerk¬ schaftsbewegung immer eine Periode der Defensive. Das erschreckend angeschwollene Heer der Arbeitslosen erhöht die Macht der Arbeitgeber; sie unterlassen es nie, ihre Machtstellung fühlen zu lassen, nie, eine Gelegenheit zur Offensive auszunützen. Kreditmangel zwingt den Unternehmer, sich an kapitals¬ kräftige Finanzgruppen zu wenden, in erster Linie natürlich an die Amerikaner. Finanziell ist schon der Großteil des industriellen Europa amerikanisiert. Jetzt soll noch folgen die Amerikanisierung der Betriebsführung, der Produktionstechnik usw., kurz der Arbeitsorgani¬ sation. Der maßgebende Grund, weshalb sich die Ameri¬ kaner für eine Rationalisierung der europäischen Wirt¬ schaft interessieren, ist reines Profitinteresse. Sie haben gar keine Veranlassung, in Osterreich den besten und edelsten Typus der Taylorisierung und Fordisierung oder irgend¬ einer anderen amerikanischen Form der Arbeitsorganisation einzuführen; sie werden uns wahrscheinlich eher mit schlechteren Formen beglücken, die nur auf hohen Gewinn ausgehen bei gleichzeitigem Raubbau an der Gesundheit des Arbeiters, verbunden mit einer Vergiftung und Zer¬ störung seiner Seele. Der unorganisierte, mit kapitalisti¬ schen Ambitionen verseuchte Arbeiter ist ihr Ideal. Die weitestgehende Automatisierung und Mechanisierung der Arbeitsprozesse wird zwar die Produkte billiger machen, die Arbeiter werden aber ins Elend der Arbeitslosigkeit hinausgestoßen. Sogar in dieser schrecklichen Lage dienen sie noch dem Unternehmer: Indem sie die industrielle Reservearmee verstärken, erhöhen sie seine Macht. Aber nicht allein die Amerikaner, sondern auch unsere heimischen Unternehmer wollen amerikanisieren, rationalisieren. Warum? Um ihre Konkurrenzfähigkeit zu erhöhen? Das ist nicht der alleinige Grund. Sondern sie fühlen sich sehr wohl in ihrer Übermacht, die aus der Schwächung der Arbeiterschaft durch niedrige Löhne und Arbeitslosigkeit resultiert. Sie möchten gern diese Hege¬ monie beibehalten können! Wenn die Zeit der Hochkonjunktur wieder kommen wird, werden sie mehr Arbeiter einzustellen haben. Der Geldlohn und vielleicht auch ein klein wenig Reallohn wird steigen. Die Arbeitslosigkeit sinkt etwas und die Macht der Arbeiterschaft beginnt neuerdings zu wachsen. Mit der Zeit werden die Arbeiter offensiv. Der Unternehmer geht in die Defensive. Da verfällt er auf die rettende Idee! Die österreichischen Produktionsmethoden müssen rationali¬ siert werden! Finanziell ist er dazu in der Lage, weil ihm