379 ARBEIT UND WIRTSCHAFT 380 Auffassung haben sich aber in den letzten Jahren wesent¬ liche Umlagerungen vollzogen. Immer mehr kristallisiert sich die Einsicht, wie weit diese beiden Interessen eigent¬ lich zusammenlaufen, wie wichtig das früher übersehene Menschenmaterial für das Betriebsleben ist, und man be¬ ginnt die Frage der Fabrikpflege nicht nur vom sozial¬ ethischen Standpunkt, sondern von dem eines ökonomischen Vorteils aus zu betrachten. Vom technischen und kauf¬ männischen Standpunkt ist man sich über die Bedeutung von Material- und Zeitverlust längst klar, jetzt beginnt mau zu ahnen, daß die Aufgabe unserer Generation darin bestehen könnte, die durch Vernachlässigung des menschlichen Fak¬ tors im Betriebsleben entstandenen Verluste zu be¬ seitigen. Die Hauptschwierigkeiten bei Verwendung des lebenden Materials waren immer mit der Einstellung von Frauen, durch deren Doppelbelastung im Leben, verbunden. Sie stellten viel mehr Probleme als die männliche Arbeiter¬ schaft. Deswegen hat die Fabrikpflege zunächst das Aus¬ sehen einer Frauenschutzfrage gehabt, die sie natürlich nicht ist, da alle in das Aufgabengebiet einer Fabrikpfle¬ gerin fallenden Agenden, sei es Einschulung der Jugend¬ lichen, Überwachung des Gesundheitsstandes, Wohnfragen, Kinderversorgung usw., Fragen des Gesamtarbeiterstan¬ des sind, die allerdings ihrer Natur nach von einer Frau am besten vertreten werden. Um nur zwei solche Verlustpunkte der Industrie, wahr¬ haft schmerzende Wunden, anzuführen: Fluktuation der Arbeiterschaft und Betriebsunstabilität. Die Frauen wer¬ den immer durch die Lebensfragen der Familie zeitweise oder momentan vom Erwerbsleben abgezogen, in sol¬ chem Maße, daß dadurch Schwankungen im Produktions¬ prozeß entstehen. Hier läge eine der Agenden der Fabrik¬ pflegerin. Betriebsvormund, analog einem Berufsvormund, hat sie alle bürgerlichen Agenden ihrer Schützlinge durch¬ zuführen: systematischer, rechtzeitiger und mit Kenntnis aller Hilfsorganisationen. Das bedeutet mehr als Schutz des Unternehmers vor Arbeitsverlusten und Schutz der Frauen vor Verdienstentgang. Es ist eine seelische Ent¬ spannung der Frauen, die sich in allen solchen Lagen un¬ sicher und daher gedrückt fühlen. Eine andere Agende wäre die Beobachtung von Gesund- heitsstand und Beschäftigungswechsel (Schwangerenschutz kann nur von Fabrikpflegerinnen effektiv betrieben wer¬ den) oder die Arbeitsauslese, für die der kaufmännische Beamte keinen Sinn und der Meister meist keine Zeit hat und wodurch wieder beiden Teilen unnötig vergeudete Kraft erspart würde. Es gibt natürlich noch eine Unzahl ähnlicher Fragen; ihnen ist ein ganzes Kapitel: „Aufgabenkreis und Arbeits¬ weise" gewidmet. In der Stadt und auf dem Lande, im Groß- und im Kleinbetrieb ergeben sich andere Schwierigkeiten der Anpassung des lebenden Materials an die Produk¬ tionsprozesse und müssen beobachtet und beseitigt wer¬ den. Der im Vorjahr in Vlissingen tagende internationale Kongreß für Fabrikwohlfahrtspflege hat gezeigt, daß sich aus diesen vielen, ineinander übergreifenden Formen be¬ reits zwei Haupttypen zu bilden beginnen: Betriebswohl¬ fahrtspflege und die Familienwohlfahrtspflege, ersterer am schärfsten in Amerika, dem Lande des Studiums zur Ausmerzung der Ermüdungserscheinungen, während der zweite in Europa >der vorherrschende sein dürfte. Zu den Obliegenheiten des ersteren würde gehören: Mitwirkung bei Einstellung und Versetzung von einer Abteilung in die andere, Kündigung, Entlassung, Bewilligung von Vor¬ schüssen, Beobachtung des Arbeitsprozesses, Überwachung der Aufenthaltsräume usw., während sich der Aufgaben¬ kreis des zweiten mehr auf die Feststellung und Über¬ wachung des Familienstandes und Bekämpfung der Not¬ stände im Arbeitsleben einstellt. So abgerundet auch das Bild ist, das die Verfasserin von der Besiegung so vieler Widerstände und der all¬ mählichen Bewertung der Arbeit der Fabrikpflegerinnen gibt, von Vorzügen und Mängeln des zur Verfügung ge¬ standenen Menschenmaterials, von der hemmenden Ein¬ wirkung politischen und finanziellen Geschehens liegt der wertvollste Teil der Studie in dem Kapitel über „die zu¬ künftige Gestaltung". Hier weist sie auf den ausgepräg¬ ten Charakter hin, den die Fabrikpflege in den angel¬ sächsischen Ländern angenommen hat, über die es in der Internationalen Rundschau der Arbeit, 2. Jahrgang, Seite 66, heißt: „Der große Wert, welchen diese moderne Kon¬ zeption der Fabrikpflege für die Arbeiterschaft in sich schließt, liegt darin, daß jemand da ist im Verwaltungs¬ körper des Betriebes, welchem die klar umschriebene Aufgabe zukommt, die Produktionsprozesse einmal von der anderen Seite aus zu betrachten und zu behandeln." In Deutschland hat die geistige Umlagerung. die solche Resultate zeitigt, erst begonnen, der Typus der Fabrik¬ pflege muß erst aus den Bedürfnissen des Landes aufge¬ baut werden. Immerhin ist die erste Entwicklungsepoche schon abgeschlossen, die alle die Kinderkrankheiten ent¬ hält, die ein neuer Gedanke in seiner Formwerdung zu durchlaufen hat. Die Verfasserin sieht die neuen Wachs¬ tumsmöglichkeiten in der anders gewordenen psychologi¬ schen Wertung des Arbeit?rstandes, dem Wunsche nach Vermeidung von Reibungswiderständen einerseits und der Entwicklung des Betriebsrätesystems anderseits. Je mehr dieses sich in die produktive Mithilfe, die ihm das Gesetz überträgt, einarbeitet, desto notwendiger wird ihm die Fabrikpflege zur Ergänzung der Arbeit sein. Wir in Österreich sind in der Erfassung des Gedankens der Fabrikpflege weit zurück, der Wunsch danach wird nur von denen gefühlt, die Einblick in die Betriebsver¬ hältnisse hier und dort besitzen. Die Fabrikpflege ist aber siegreich auf der ganzen Linie und so wird sie auch zu uns kommen und speziell in den Frauenbetrieben aus einem vom Schicksal zusammengewehten Häuflein unsicherer Kräfte einen Stamm von Vollarbeiterinnen heranziehen helfen, dessen die Industrie bedarf. „It pays", sagt der Amerikaner. Vielleicht findet die besprochene Arbeit auch bei uns Eingang und hilft die bestehenden Vorurteile, die meist nur der Ünkenntnis entstammen, abbauen. Das Ziel also ist in Deutschland wie bei uns: Fabrik¬ pflege in einer neuen Gestalt! Nicht mehr als patriarchalische Bevormundung, sondern als festeingefügter Teil der Be¬ triebsorganisation. RUNDSC HAU VOLKSWIRTSCHAFT / Benedikt Kautsky (Abgeschlossen am 5. Mai 1926.) Als erste Bank veröffentlicht die Bodenkreditanstalt ihre Bilanz. Diese ist in doppelter Beziehung von Interesse. Erstens zeigt sie, daß der Reingewinn gestiegen ist und die Aufrechterhaltung der bisherigen Dividende sowie die Dotierung eines außerordentlichen Reserve¬ fonds gestattet. Über die Erträgnisse und Lasten unter¬ richtet die folgende Aufstellung: Erträgnisse: Schilling Gegen 1924 Einnahmen des Darlehensgeschäftes . 1,058.820 + 1,030.713 Einnahmen des Bankgeschäftes: Zinsen . . (+ 931.573) 8,036.846 Provisionen (— 53.773) 6,769.165 Wertpapiere, Konsortialgeschäfte, Devisen und Valuten (—2,651.917) 1.982.278 16,788.290 — 1,774.118 Gewinnvortrag vom Jahre 1924 ._. 80.021 Lasten: Schilling Gegen 1924 958.675 + 955.023 Zusammen . . 17,847.111 823.426 Ausgaben des Darlehensgeschäftes Personal¬ kosten . . (—497.680) 6,008.306 Spesen und Spenden .(— 133.018) 852.770 6.861.077 — 630.699 Steuern und Abgaben 4,023.594 —1,843.448 Gewinn . 6.003.764 + 695.697 Zusammen . . 17,847.111 — 823.426 Es zeigt sich, daß unter den Erträgnissen hauptsächlich das Darlehensgeschäft und die Zinsen ziemlich stark ge¬ stiegen sind. Das beweist, daß das Hypothekargeschäft und die Einnahmen aus dem Wertpapiergeschäft größeren Umfang angenommen und bessere Erträge geliefert haben als in den früheren Jahren. Die Provisionen zeigen einen geringfügigen, die Einnahmen aus Wertpapieren, Konsor¬ tialgeschäften, Devisen und Valuten einen starken Rück¬ gang. Im ganzen sind die Erträgnisse um 823.000 S ge¬ ringer als im Vorjahr.