497 ARBEIT UND WIRTSCHAFT 498 Systems können durch keine wie immer gearteten Handels¬ verträge in ihren gegensätzlichen Auswirkungen auf¬ gehoben werden. Österreich kann nur dann dauernd ge¬ holfen werden, wenn es einem Wirtschaftsgebiet ange¬ schlossen wird, mit dem es zusammen ein großes ein¬ heitliches wirtschaftspolitisches Inland bildet, das von gemeinsamem Staatswillen und gemein¬ samer Staatsgewalt getragen wird und das über seine wirtschaftlichen Kräfte nach einheitlichen Richtlinien disponiert. Diese Voraussetzungen sind nur bei einem Anschluß an das deutsche Wirtschaftsgebiet gegeben. Die Anschlu߬ frage kann natürlich von verschiedenen Gesichtspunkten behandelt werden, je nachdem, ob man nationale, gefühls¬ mäßige Erwägungen in den Vordergrund stellt, oder ob man realen Überlegungen den Vorrang gibt. Uber die Zugehörigkeit der Österreicher zum großen deutschen Volksstamm brauchen wir wohl keine weiteren Worte zu verlieren. Aber mit Enthusiasmus und Sentimentalität allein ist uns nicht gedient, wir müssen die zwingenden wirtschaftlichen Erkenntnisse auf uns wirken lassen, denn wir sehen, daß nicht nur das Ausland, sondern auch Deutschland, zu dem wir streben, sich von den gleichen Erwägungen leiten läßt. Und wenn wir von diesem Gedankengange ausgehen, besteht auch die Mög¬ lichkeit, daß sich alle Parteien dieses Staates auf eine gemeinsame Willenskundgebung einigen. Zu dieser Auffassung kommen wir um so mehr, wenn wir die Geschichte der Anschlußbewegung in Österreich überblicken. Erinnern wir uns doch an die erste und größte Anschlußkundgebung, die unter dem Außenminister Dr. Otto Bauer dadurch zum Ausdruck kam, daß in unserem ersten Verfassungsgesetz nach dem Umsturz Österreich als Glied des Deutschen Reiches erklärt wurde. Der nüchterne und reale Sinn der Arbeiterschaft hat schon damals den Anschluß an Deutschland als wirtschafts¬ politische Notwendigkeit erkannt und unverbrüchlich an dieser Auffassung festgehalten, auch in den Zeiten, als Deutschland sich politisch und finanziell vorübergehend in fürchterlichster Notlage befand. Die großdeutsche Partei ging bedeutend zaghafter vor und war bei ihren Kund¬ gebungen wiederholt von den wirtschaftspolitischen Ver¬ hältnissen Deutschlands beeinflußt. Die christlichsoziale Partei hat bis heute noch keine einheitliche Auffassung. Wir erinnern uns der Tätigkeit des Außenministers Doktor Mataja und der vielen orakelhaften Reden Dr. Seipels, der erst in der letzten Zeit seinen grundsätzlichen Wider¬ stand aufgegeben zu haben scheint. Heute ist die wirt- schaftspolitische Notwendigkeit des Anschlusses an Deutschland so ziemlich zum Gemeingut der ge¬ samten Bevölkerung geworden, wir stehen nur nach wie vor hilflos dem mächtigen Einfluß anderer Staaten gegenüber, die den Anschluß unter allen Um¬ ständen verhindern wollen. Der Schwerpunkt des Wider¬ standes liegt in Italien. Sehen wir uns nun kurz die wirtschaftspolitischen Er¬ wägungen an, die zu einem Anschluß an Deutschland drängen. Zunächst würde die Vereinigung beider Wirt¬ schaftsgebiete in einem mehr oder weniger festgefügten staatlichen Gemeinwesen unserer Industrie einen großen gesicherten Inlandsabsatz ermöglichen, nicht ge¬ fährdet durch die Unsicherheit wirtschaftlicher Verein¬ barungen und in viel geringerem Umfange beeinflußt durch die Machtpolitik der Nachbarstaaten. Speziell das spezifisch österreichische Qualitätsgewerbe würde eine Wieder¬ belebung und Befruchtung erfahren, denn Deutschland verfügt über breite Schichten einer wohlhabenden kulti¬ vierten Bevölkerung, welche die Voraussetzung für den dauernden Absatz der Qualitätsprodukte bildet. Die Furcht vor der Konkurrenz der deutschen Industrie vermag nicht als durchschlagendes Gegenargument ge¬ wertet zu werden, denn mit dem Anschluß an Deutsch¬ land würde sich allmählich und automatisch eine Ver¬ einheitlichung der Produktionsbedin¬ gungen vollziehen. Die hochentfaltete Organisation der deutschen Wirtschaft mit allen ihren Vorteilen für Pro¬ duzenten und Konsumenten würde auch uns zugute kommen. Die deutschen Preise, mit denen wir gegenwärtig bei Lieferungsverhandlungen konkurrieren müssen, sind Exportpreise. Nach dem Anschlüsse hätten wir aber nur mit den einheitlichen Inlandpreisen zu rechnen. Innerhalb der Grenzen des gemeinsamen Wirtschafts¬ gebietes kann es keine Schleuderkonkurrenz, kein Dumping mehr geben. Natürlich würde der Anschluß in einzelnen Industriezweigen gewisse Umwälzungen und organisatorische Veränderungen mit sich bringen, aber diese Maßnahmen würden den Charakter eines wirtschaft¬ lichen Gesundungsprozesses an sich tragen. Gestützt auf das deutsche Wirtschaftsgebiet könnte Wien als Handelszentrum und Bindeglied zwischen Osten und Westen wieder seine historische Funktion erfüllen. Bei jeder Handelsvertragsverhandlung haben die Vertreter unseres Staates einen förmlichen Leidensweg durchzumachen, da die anderen Staaten unsere außenpolitische und wirtschaftliche Schwäche mit allen Mitteln ausnützen. Deutschland hingegen hat trotz aller furchtbaren Verluste und Einbußen seine Position als handelspolitische Großmacht behauptet und ist sicher in der Lage, auch unsere Lebensinteressen dem Auslände gegenüber durchzusetzen. Die Erfahrung hat uns gezeigt, daß unsere oft so schwer erkauften und errungenen Handelsverträge mit den Nachbarstaaten durch einfache interne Verwaltungsmaßnahmen dieser Staaten, durch den Ausschluß von allen Lieferungen für den Macht¬ bedarf des Staates (Rüstungsbedarf, Eisenbahnen und der¬ gleichen) und durch zahlreiche unkontrollierbare Ein¬ richtungen und Verfügungen, die man unter dem Aus¬ drucke Verwaltungsprotektionismus zu¬ sammenfassen kann, in ihrem Werte wesentlich vermindert werden. Auf diese Enttäuschungen und Demütigungen sind wir nicht mehr angewiesen, wenn wir über ein aus¬ gedehntes Inland mit verfügen. Wir könnten mit teilnehmen an dem rechtlichen und wirtschaftlichen Schutz, den die weitverzweigte und ausgezeichnet organisierte deutsche Handelsvertretung im Auslände bietet, und mit Hilfe dieses Schutzes könnten wir den Kampf um Absatzgebiete wieder aufnehmen oder verstärken, die uns bisher verschlossen blieben. Deutschland verfügt gewiß über keinen Kapitalsreich¬ tum, es hat gewiß auch unter schweren wirtschaftlichen Sorgen zu leiden, aber es hat zweifellos im Ausland einen besseren Kredit, seine Kapitalsbeschaffung vollzieht sich unter wesentlich günstigeren Bedingungen wie bei uns. Die Vereinigung mit Deutschland würde der öster¬ reichischen Wirtschaft auch die tragfähige Grund¬ lagefür den erforderlichen sozialen Auf¬ wand verschaffen, denn sie ermöglicht eine zweckmäßige Verteilung der Risken und weit ausgreifende organi¬ satorische Maßnahmen. Wir brauchen dabei nur an die seit Jahrzehnten von der Arbeiterschaft heißersehnte und in Deutschland schon seit längerer Zeit bestehende Alters- und Invaiiditätsyersicherung zu denken, oder an die Arbeitslosenunterstützung, die unserer Produktion schwere Lasten aufbürdet, weil die notwendige Beitragsleistung von einer verhältnismäßig geringen Anzahl von Betrieben aufgebracht werden muß. Die Zahl dieser Betriebe, welche die Lasten aufbringen müssen, verkleinert sich und die Lasten der noch übrig¬ bleibenden vergrößert sich, je länger die Wirtschaftskrise, unter der wir zu leiden haben, dauert. Das berüchtigte Genfer Sanierungsprogramm hat das verheerende Schlagwort vom notwendigen Abbau in unser Wirtschaftsleben geworfen, ohne diesem Schlag¬ wort brauchbare Aufbaupläne gegenüberzustellen. Die öffentlich-rechtlichen Körperschaften und nach ihnen auch die Privatunternehmungen wurden von einem förm¬ lichen Abbaufieber ergriffen, über das Schicksal der Ab¬ gebauten und über deren weitere Verwendungsmöglich¬ keiten machte man sich nicht die geringsten Sorgen. Die Folge war eine ungeheure Vermehrung der Zahl der Arbeitslosen, eine doppelte Belastung des Arbeitsmarktes und eine Überwucherung mit kleinen Unternehmungen, die mit Hilfe der Abfertigungen der Abgebauten ins Leben ge¬ rufen wurden, durchweg volkswirtschaftlich äußerst be¬ denkliche Erscheinungen, in der Abbauidee schlummerte aber auch ein politischer Nebengedanke, • der eine Schwächung der in Handel, Gewerbe und Industrie tätigen Arbeiter und Angestellten und eine Stärkung des Kleinbürgertums und des agrarischen Einflusses bezweckt, ganz abgesehen von der Gefahr, welche das ungeheure Heer von Arbeitslosen, das man eben selbst nicht abbauen kann, für das Lohnniveau und fiir die Aufrechterhaltung der sozialpolitischen Errungenschaften bedeutet. Die Ar¬ beiter und Angestellten wissen, welche furchtbaren Ge¬ fahren drohen, wenn nicht durch Erweiterung des Wirt¬ schaftsgebietes neue Beschäftigungsmöglichkeiten und die Eingliederung in einen großen, lebenskräftigen Organismus der Verwaltung und der Volkswirtschaft geboten werden.